Bühne und Konzert
Christa Berndl ist tot

Wer sie sah, hat Großes gesehen

Von Simon Strauß
© SZ Photo, F.A.Z.

Sie war die große Komödiantin ihrer Generation. Mit Aplomb, nicht mit Manierismus stand sie auf der Bühne. Bescheiden, aber bestimmt spielte sie sich nie in den Vordergrund, sondern machte den Hintergrund durch ihre Aufritte so interessant, dass keiner an ihr vorbeisehen konnte. Statt vorne an der Rampe zu stehen, blieb sie lieber mit dem Rücken an der Wand. Setzte sich statt in Pose lieber auf den Schoß der Hauptdarsteller. 1976, in Peter Zadeks spektakulärer Hamburger „Othello“-Inszenierung zum Beispiel: Da hockte sie als Emilia mit greller Brille und aufreizender Strandkleidung der nackten Desdemona auf dem Schoß. Hielt dort ihre protofeministische Rede gegen die treulosen Männer und streichelte dabei über Desdemonas rechte Brust.

Kein Ende, sondern ein Anfang

Gleich zwei Mal spielte sie unter Luc Bondys sanfter Regie die Winnie in Becketts „Glückliche Tage“ – 1980 in Köln und 1988 in Hamburg –, jedes Mal so unverdrossen komisch, als ob ihr nicht das Ende bevorstehe, sondern ein feuchtfröhlicher Anfang. Das leichte Spiel, die freche Nuance gefiel der Berndl stets am meisten. Die schwierig Schweren sollten die anderen spielen, sie war eine handfest Mutige mit entzückenden-zuckenden Augen und staunendem Mund. Keine Seherin, aber eine, die man gesehen haben musste.

Mit dem Teufel im Nacken das Glück im Spiel finden: Christa Berndl als Margaret in Peter Zadeks spektakulärer „Othello“-Inszenierung von 1976
© Ullstein, F.A.Z.

1932 in eine Münchner Theaterfamilie geboren – die Mutter im Stadttheater-Dienst, die Großtante Hofschauspielerin – tanzte die kleine Christa schon mit sieben Jahren im Kinderballett des Münchner Gärtnerplatztheaters. Gerade fünfzehn geworden, stand sie 1947 mit einer Sondergenehmigung des Jugendamtes als Goethes Gretchen auf der Bühne des Residenztheaters. In der gehobenen Provinz, in Stuttgart, Essen, Nürnberg und Bochum, fing sie an und kam dann rasch an die Münchner Kammerspiele, wo sie von 1961 bis 1971 und dann wieder von 1994 an auftrat.

Ins Gedächtnis gespielt

Zwischendurch machte sie Abstecher nach Hamburg, Düsseldorf und Köln, arbeitete mit Rainer Werner Fassbinder, Dieter Giesing und Ingmar Bergman zusammen und spielte sich auch durch Auftritte im Fernsehen, in Komödienstadel, Tatort und Co., ins Gedächtnis einer Zuschauergeneration.

Im Theater war sie zuletzt 1997 an der Wiener Burg als Margaret in Peter Zadeks „Richard III.“ zu sehen. 2006 spielte sie noch einmal in einem Fernsehfilm eine verwitwete Großmutter mit Schlaganfall. Dann trat die Eysoldt-Ring-Trägerin ab. Die Berndl gehörte nicht zum Typus der stilisierten Diva, sondern behauptete ihren Rang als hoch abwechslungsreiche, wirkungsfrohe Komödiantin. Sie war eine Hauptnebenrollenspielerin, eine grandiose Auftrittsausbeuterin. Aus jeder Rolle machte sie etwas komödiantisch Großes, Menschenkluges. Das Theater war ihr Lebensmittel. Mit ihr, die am Donnerstag im Alter von 85 Jahren gestorben ist, geht die Letzte einer Generation von Schauspielerinnen, zu der Theaterstars wie Gisela Stein, Doris Schade und Lola Müthel gehörten. Wem sie heute fehlen, der hat Großes gesehen. Wer sie nicht kennt, ist zu spät geboren.

Quelle: F.A.Z.
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