Berliner Staatsoper

Das Geldausgeben hat sich gelohnt

Von Jan Brachmann
 - 18:20

Quietschvergnügt grinst die ferkelfarbene Fassade der Berliner Staatsoper Unter den Linden nun durch Wind und Wetter. Ob der koloristische Witz nicht doch zu schweinisch geraten sei, wird schon seit März auf diversen Foren im Internet diskutiert. Doch Experten versichern, dass der Anstrich historisch korrekt sei. Im Rokoko – Friedrich II. war ja ganz vernarrt in den galanten Flirt auf den Bildern von Antoine Watteau – machte man das so. Und irgendwie verträgt sich der kräftige Eisbeinton auch mit den Noten von Erbspüree und Sauerkraut auf den umgebenden Mauern. Zudem korrespondiert er geschwisterlich mit dem fast gleichfarbigen Zeughaus schräg gegenüber. Waffenarsenal und Oper – eine rosa Achse machtgeschützter Innerlichkeit, das ist recht friderizianisch und auch gut so.

Vor dem Zeughaus spielt ein Leierkastenmann Hildegard-Knef-Lieder: „Berlin, deine Stirn hat Dackelfalten, und dein Mund ist viel zu groß.“ Er trägt preußisch-blaue Uniform und Pickelhaube; das ist die Berliner Version von k.u.k.: Knef und Kaiser. Unter den Ehrengästen, die über den roten Teppich defilieren, findet man den Bundespräsidenten, die Kanzlerin, diverse Minister, man findet den Fußballer Otto Rehhagel und die Fernsehsalonnière Sandra Maischberger. Nur Georg Friedrich Prinz von Preußen und seine Gattin Prinzessin Sophie findet man nicht. Schade eigentlich, denn ohne das Haus Hohenzollern würde dieses Opernhaus nicht existieren. Zudem ist der Prinz kunstsinnig, ehrenamtlich tätig für die Stiftung Denkmalschutz und über eine eigene Stiftung bemüht um die israelisch-palästinensische Verständigung unter Jugendlichen – „ein Engagement, von dem man nicht genug haben kann“, wie der Regierende Bürgermeister Michael Müller wenig später in seiner Eröffnungsrede sagen wird, mit Blick auf den Generalmusikdirektor Daniel Barenboim.

Renovierter Apollo-Saal verspricht bessere Akustik

Vielleicht wird man den Chef des Hauses Hohenzollern dann am 7. Dezember sehen, wenn die Oper richtig eröffnet werden wird, 275 Jahre nach ihrer ersten Inbetriebnahme am 7. Dezember 1742. Jetzt ist der Bau nämlich noch nicht fertig. Ein Ticketcontainer ersetzt die fehlenden Kassenboxen im Eingangsbereich. Vor den Toiletten fehlen noch die Wandverkleidungen vor den weißen Spanplatten. Aber der Apollo-Saal mit seinen perlgrauen Wänden, dem Marmorfußboden, der hohen weiß-goldenen Decke und dem Licht, das zwischen den korinthisch gekrönten Pilastern hinauf- und über die Kristalllüster wieder herabsprudelt, ist eine Augenweide. Er soll, versichert man uns, auch besser klingen als vorher.

Letzteres stimmt auf jeden Fall für den Großen Saal, in dem man während der siebenjährigen Sanierungszeit die Decke angehoben und durch ein dekoratives, vom Büro HG Merz gestaltetes Keramiknetz über dem dritten Rang die Nachhallzeit auf 1,6 Sekunden verlängert hat. Als Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin mit der Ouvertüre zu Robert Schumanns „Szenen aus Goethes Faust“ beginnen, merkt man schon nach wenigen Sekunden: Der Saal ist fabelhaft! Alles richtig gemacht. Das Geldausgeben hat sich gelohnt. Der Orchesterklang atmet frei. Bläsersoli werden von einem gut verschmelzenden Streicherklang vorzüglich getragen. Aber einzelne Register können trennscharf hervortreten wie die ächzenden Bratschen in Gretchens Gesang „Ach neige, du Schmerzensreiche, dein Antlitz gnädig meiner Not!“.

Eine der großen Stärken, die der Saal vor dem Umbau besaß, die gute Textverständlichkeit, ist nicht verlorengegangen. Nicht nur die Männer – Roman Trekel als Faust, René Pape als Mephisto, Stephan Rügamer als Ariel und Gyula Orendt als Pater Seraphicus – versteht man ganz problemlos, sondern sogar die Frauen, bei denen Sing- und Sprechtonhöhe normalerweise viel weiter auseinanderklaffen als bei Männern. Elsa Dreisig als Gretchen kann ihren mädchenhaften Sopran in der oberen Lage leuchten lassen, ohne dass einem ein einziges Wort entgeht. Trekel antwortet ihr in der Gartenszene mit singspielhafter Leichtigkeit. Diese delikate Intimität lässt der Saal zu. Und bei den großen Momenten des ebenso kraftvoll wie beweglich agierenden Chores (Martin Wright hat ihn einstudiert) ahnt man: Für Verdi und Wagner, auch in gröbster Machart, wird hier genügend Raum sein.

Die Inszenierung des Intendanten Jürgen Flimm ist ein der Not und der Planungsunsicherheit geschuldetes Flickwerk, das wenig Sinn in diese fragmentarischen „Faust-Szenen“ bringt. Die Ergänzungen durch Sprechschauspiel – mit André Jung als quengelig-distanziertem Faust, Sven-Eric Bechtolf als leicht zu foppendem Mephisto und Meike Droste als verschlagener Gossengöre Gretchen – ziehen den Abend eher in die Länge, als dass sie ihn plausibler machten. Aber wer außer Flimm hätte sich bereit erklärt, die undankbare Aufgabe zu übernehmen, in einem neuen, technisch unbekannten Haus eine Inszenierung auf die Beine zu stellen, die nur ein Ziel hat: den Fuß in die Tür zu bekommen, damit man endlich hier hineinkann und nicht noch eine Spielzeit im Schillertheater ausharren muss?

Das Bühnenbild von Markus Lüpertz mit seinem Hintergrund à la manière de Paul Gauguin und den riesigen Schnitzfiguren erinnert an eine Festwiese von Südseestammeskulturen. Man könnte alles dorthin verpflanzen: „Faust“, „Montezuma“, vielleicht auch „Saul“ von Wolfgang Rihm nach Botho Strauß, eigentlich zur Wiedereröffnung vorgesehen, aber nicht fertig geworden wegen der schweren Krankheit des Komponisten.

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Die Kostüme von Ursula Kudrna zeigen ein buntes Biedermeier. Und Flimm, der leutselige Menschenfreund, lässt dazu das Puppentheater lustig aus dem Stück hervorlugen. Wenn Rügamer als Ariel mit libellenflügeligen Elfen vom Schnürboden herabsinkt, mitten in den Müll eines Weltuntergangs, dann entsteht aus dieser tröstlich-kindlichen Heiligkeit im Schmutz des Unheils eine tiefe Poesie.

Tröstlich ist auch, dass man den Saal fast so, wie ihn der Architekt Richard Paulick 1955 hat herrichten lassen, erhielt. Er mag funktionale Mängel haben wie die Sichtbehinderung durch zu stark gekrümmte Ränge. Aber erstens steht dieser Saal auch für eine gewaltige Wiederaufbauleistung nach dem Zweiten Weltkrieg, und zweitens hat er seine eigene Geschichte: Luigi Nono und Benjamin Britten waren hier zu Gast, Dmitri Schostakowitsch erlebte hier die deutsche Erstaufführung seiner fünfzehnten Symphonie unter der Leitung von Thomas Sanderling. Es wäre fahrlässig gewesen, diesen Erinnerungsraum auszuschaben und all jene zu kränken, denen er etwas bedeutet.

Die „Faust-Szenen“ sind am 6. Oktober nochmals zu sehen, tags darauf gastieren die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Zubin Mehta, und am 8. Oktober erlebt in der Werkstattbühne die Oper „Der Rivale“ von Lucia Ronchetti ihre Uraufführung. Danach schließt das Haus für zwei Monate, aber ab dem 7. Dezember soll es wieder losgehen – und zwar richtig.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
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