Simon Rattle geht

Ein Abschied mit Selbstironie

Von Clemens Haustein
 - 17:02

Eigentlich geht das doch ganz prima ohne Dirigenten. Gleich nach dem Einstimmen gibt ein Schlagzeuger der Berliner Philharmoniker den Takt vor mit seinen Stöcken, der Rest des Ensembles beginnt zu swingen, die Stimmung ist gut, Sir Simon Rattle bald nicht mehr weit. Zum Jazz, den sein Orchester da fabriziert, tritt er durch die Tür, die Hände tief in die Taschen des Jacketts vergraben, als gäbe es für ihn nichts zu tun, langsam schreitet er zum Podium und zieht dann doch einen Stab hervor. Sobald er zum Einsatz schlägt, wird die Musik geräuschhaft und dissonant. Die Kontrabässe brummen missmutig, die Blechbläser lassen gelangweilt Luft durch ihre Instrumente rauschen, bald ächzt und faucht das ganze Orchester, die Stimmung wird immer erregter und wilder, an die unbeschwerte Laune des Beginns erinnern noch Tanzfetzen, die sich aus dem symphonischen Lärm lösen. Schließlich steckt Rattle den Stock wieder weg und seine Hände tief in die Taschen wie zu Beginn und wandelt von dannen, offenbar im melancholischen Bewusstsein der eigenen Entbehrlichkeit. Der Chef hat sich getrollt, die Philharmoniker kehren fröhlich zurück zum Swing.

„Tanz auf dem Vulkan“ hat Jörg Widmann sein kurzes Stück genannt, das er Simon Rattle zum Abschied als Philharmoniker-Chef schrieb. Halten wir uns nicht weiter beim abgegriffenen Titel auf oder bei der Frage, ob es zu solch einem Anlass nicht auch mal ohne den dauerpräsenten Auftragswerk-Komponisten gegangen wäre: Widmann gelang mit seinem szenisch-akustischen Stück ein recht pointierter Scherz auf das Verhältnis zwischen Rattle und seinem Orchester. Immer wieder hat der britische Dirigent in den vergangenen Jahren betont, wie hart und zermürbend die Arbeit mit diesem Klangkörper sei, den man getrost den eigenwilligsten der Welt nennen darf. Widmann nun führt beide Parteien als gänzlich unabhängige, fast fremde Teile vor. Der Dirigent kommt und geht, der Tanz auf dem Vulkan ist seine Bewährungsprobe vor den anspruchsvollen Musikern. Dass die Stimmung deutlich besser ist, bevor der Orchesterleiter auf dem Podium erscheint und rhythmisch vertrackten Kram dirigiert: Der schauspielernde Sir Simon trägt die Pointe bei der Aufführung in der Philharmonie mit Selbstironie.

Als wolle er etwas beweisen

In der theaterfernen Realität reagierte der Dirigent zuletzt eher energisch auf die Herausforderung, das geliebte, gehasste Orchester zu leiten: mit zusätzlichem Krafteinsatz. Viele Aufführungen der vergangenen Zeit hatten etwas Forciertes, so, als wolle Rattle mit aller Kraft beweisen, dass er doch stärker sei als sein Ensemble, oft begleitet von der Mimik und Gestik eines Schlagzeugers, der aufgestaute Aggression an seinem Instrument auslässt. Dann sausten die Arme herunter, der Dirigierstab stach in die Tiefe – da, wo sich die von Rattle geliebten Bässe regen –, und auf dem Gesicht zeigte sich jenes rattletypische Lächeln mit hartem Unterkiefer, das von Lust und Bissigkeit zugleich erzählt. Eine Aufführung von Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ wie vor einem Jahr konnte da zur philharmonischen Gewaltorgie werden: Ich schlage euch, bitte schlagt mich auch! Und die Philharmoniker schlugen kräftig zurück.

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Die Reibung als Energiequelle: So gehen Orchester und Dirigent nun auch auf die letzten gemeinsamen Meter. Widmanns Stück ist Teil eines Programms, mit dem Rattle noch einmal auf Tournee durch Europa geht. Danach stehen allerletzte Auftritte in Berlin an, bis Rattle sich am 24. Juni in der Waldbühne endgültig als Chef verabschieden wird. Witold Lutosławskis dritte Symphonie ist mit im Tourneeprogramm dabei, außerdem die erste von Johannes Brahms. Ein zweites Programm bietet Anton Bruckners 9. Symphonie mit rekonstruiertem vierten Satz, daneben ein weiteres neues Werk, komponiert vom Dänen Hans Abrahamsen. Kraftvoll singend ging es in den Konzerten in der Berliner Philharmonie durch diese Stücke und so intensiv, dass man die Intensität bald nicht mehr wahrnimmt. Weil eben alles intensiv ist. Was ist das nun? Lust am Spielen? Freude an den eigenen Möglichkeiten? Potenzgehabe?

Die Balance jedenfalls gerät dabei oft aus den Fugen. Bei Bruckner wie Brahms schiebt sich der Klang der Streicher, die Rattle unermüdlich anfeuert, ein ums andere Mal vor die Bläser, wie es einem erfahrenen Orchesterleiter eigentlich nicht passieren dürfte. Die Bläser versuchen sich dagegen zu behaupten und verschaffen dem Gesamtklang dadurch eine Panzerung, die niemanden rein- und nichts mehr rauslässt. Ein Grund, weshalb beide Symphonien zwar in einnehmendem Schwung vorüberziehen, aber auch bar jedes Geheimnisses.

Mit Elan und Eleganz

Vor allem Rattles unermüdliche Kraft wird musikalisch in Erinnerung bleiben – obwohl er vor sechzehn Jahren unter ganz anderen Vorzeichen angetreten war. Als Dirigent, der sich auch mit historischer Aufführungspraxis auseinandergesetzt hatte, kam er nach Berlin. Bereits ein gutes Jahr nach seinem Amtsantritt berichtete er erstaunlich forsch, wie er dem Orchester eine sprechende Phrasierung beigebracht habe (hatte Claudio Abbado, Rattles Vorgänger, davon keine Ahnung, fragte man sich erstaunt), und witzelte über die „großen Füße“, die ein deutsches Orchester wie die Philharmoniker hätten. Französische Musik verschrieb er dagegen, womit er dem Ensemble ebenso eine echte Repertoireerweiterung bescherte wie mit Neuer Musik, etwa von Helmut Lachenmann, die hier erstmals bei den Philharmonikern zu hören war. Auch dass der Chef Barockmusik dirigiert, war neu in Berlin. Er tat das gut, unbeeindruckt von den klanglichen Versuchungen des romantischen Orchesters: mit Elan und Eleganz, mit Schwung und Sinn für das Sprechende dieser Musik. Bei Purcell, Rameau und Couperin mehr als bei Bach, dessen Passionen er mit Peter Sellars szenisch umsetzte.

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Dass Rattle ein Chefdirigent war, der sich sehr aktiv mit der Auswahl von Gastdirigenten befasste und mit der Gestaltung der Saisonprogramme, wird außerhalb der Philharmonie wohl eine Randnotiz bleiben. Dass er jedoch der Mann war, der das Wort „Education“ nach Deutschland brachte, bleibt haften. Programme für Kinder und Jugendliche bietet mittlerweile nahezu jedes Orchester des Landes an, allerdings war es auch nicht so, dass Jugendarbeit bei den Klangkörpern zuvor ein Fremdwort gewesen war. Sie wurde allerdings nie so professionell und zum Lob ihrer Organisatoren – und Sponsoren – dokumentiert wie das allererste Education-Projekt der Philharmoniker von 2003: Strawinskys „Sacre“ mit tanzenden Schülern aus Berlin, festgehalten im Film „Rhythm Is It“. Das Wort vom „Kommunikationsgenie“ machte damals die Runde, Rattle ist es nicht mehr losgeworden. Dass heute deutlich weniger vom Untergang der Klassik gesprochen wird, dürfte auch mit Rattle zu tun haben, dass er zuletzt selbst ein Dirigent der „großen Füße“ ist, kann man als gutgemeinte Anpassung an die Verhältnisse vor Ort verstehen. Das Orchester hat jedenfalls Lust auf Neues. Die Wahl Kirill Petrenkos zum Nachfolger Sir Simons war auch eine Entscheidung für akribische Orchestererziehung.

Quelle: F.A.Z.
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