„Don Karlos“ in München

Leg ab den Stachelpanzer

Von Teresa Grenzmann
 - 06:49

Es ist die dunkelblaue Dämmerung kurz vor der Nacht. Im spanischen Königspalast hat man sich eingepanzert; die Dornen richten sich nach innen, sie gelten den Gedanken, den fremden, aber auch den eigenen, die – mal unbewusst, mal mit Berechnung, Leidenschaft oder Gewalt – Freiheit fordern. Die Zeit ist noch nicht reif für die Aufklärung, inmitten derer Friedrich Schiller von 1785 bis 1787 seinen „Don Karlos“ schreibt. Wenngleich er jener, der von Spanischer Inquisition bis flämischem Unabhängigkeitskrieg beherrschten zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, „allgemeine Gärung der Köpfe, Kampf der Vorurteile mit der Vernunft, Anarchie der Meinungen, Morgendämmerung der Wahrheit – von jeher die Geburtsstunde außerordentlicher Menschen“ bescheinigt. Allein: Vernunft, Wahrheit, Menschsein fordern hier noch das moralische Selbstopfer – und scheitern also.

Noch einmal geht es zweihundert Jahre voran, erneut steht des Marquis von Posa Frage nach der „großen Freiheit des Jahrhunderts“ verneint im Raum. Vermummte Männer mit Maschinengewehren stoßen zu Beginn von Martin Kušejs „Don Karlos“-Inszenierung im Münchner Residenztheater ihre Opfer in einen Brunnenschlund, zünden sie an. Wer nicht im grellen Lichtkegel steht oder unter dem ausladenden Leuchter, bleibt unentdeckt, Intrigen werden gesponnen, Drohnen strahlen ins Publikum, Begräbnisstimmung mit dunklen Sonnenbrillen – wahrlich, dass die schönen Tage in Aranjuez vorbei sind, muss hier keiner mehr dazusagen.

Mode markiert Zeitsprünge

Auf der anderen Seite der Drehbühne von Annette Murschetz thront jener nachtblaue Dornenpanzer, der das tragische innere Gefängnis der blau blühenden, blau blutenden Protagonisten Schillers verbildlicht: die scharfkantigen Intrigen der Innenverteidigung, den stechenden Schmerz beim Angriff aus der eigenen Mitte. Doch auch in der angespannten Stille, die sich alsbald in grollenden Gemütsgewittern entlädt, entwirft der Intendant ein düsteres Nachtstück und macht nur allzu deutlich, dass hier, mehrere Tage ohne aufgehende Sonne lang, etwas zugrundegeht, das nie, selbst mit drei Zeitsprüngen über sechs Jahrhunderte hinweg nicht, zu retten war.

Jene Zeitsprünge markiert allein die nachtblaue Mode von Heide Kastler: Schillers Drama beginnt im Heute von Polohemd und Kleinem Schwarzen, setzt sich klassisch fort in Gehrock und Empirekleid, endet in Pluderhosen und Halskrause. Und schließt den Kreis wieder mit Manfred Zapatka, der als greiser Großinquisitor im untertrieben schlampigen Parka der Kanalisation entsteigt und mit natürlicher Autorität Karlos Tod besiegelt.

Künstlichkeit schafft mehr Menschlichkeit

Gut dreieinhalb Stunden Spielzeit verdichten die Theaterabendluft, und doch haben sich die Zuschaueraugen, überrascht von wenigen grellhellen Szenen, immer noch nicht an das Dämmerlicht gewöhnt, das den Gesichtern im Übrigen die meisten Emotionen stiehlt. Schillers Erstfassung mit „K“ ist ungeglättet wortgewaltig, widersprüchlich, triebhaft, modern. In München ist sie gefasst in eine spannend gestraffte Bühnenversion, stets vorgetragen mit Feingespür für die Genialität des Originals.

Interessant werden die Figuren aber erst, als sie, als Opfer von Intrigen und Missverständnissen, gezwungen sind, ihr Selbstwertgefühl zu offenbaren, indem sie es zu verteidigen suchen. Da öffnet Kušej den Ideenraum Schillers für das Publikum, demaskiert die Charaktere – spielt sie mit Hilfe unterschiedlicher Paarungen durch und aus. Die Wankelmütigen werden zu Wagemutigen, die Halsstarrigen zu Waghalsigen. Leidenschaft folgt auf Leidenschaft, reißt mit sich, scheinbar logisch, unabwendbar, und das Ensemble stürmt und drängt, lässt den schweren Text zuweilen aber auch wie imprägniert an der schweren Oberfläche der Inszenierung abperlen, wodurch ihm die Künstlichkeit der Umgebung noch mehr Gewicht und auch mehr Menschlichkeit verleiht.

Beifall für Ensemble

Wie ihre Figuren wachsen auch die Darsteller mit zunehmender Krise: Nils Strunks Karlos wird, als Posa ihn mit dem König hintergeht, vom blass für seine als Stiefmutter verlorene Braut schwärmenden Studenten zum tragisch betrogenen Freund voll sarkastischer Wut. Meike Droste als Prinzessin Eboli berührt mit verrotzter Hysterie und liebenswerter Tollpatschigkeit, als ihre übereilte Hingabe an den Prinzen nicht auf Gegenliebe stößt. Lilith Häßle als Königin Elisabeth genießt das Bad in widersprüchlichen Gefühlen. Und man versteht, warum alle Welt nach Posa ruft: Franz Pätzold verwandelt dessen überlegen überlegte Kälte in reizvoll überreizte Hitzigkeit. Nach seiner brillanten Rede vor dem König verschnauft er, von sich selbst überrascht. Doch als Elisabeth ihm vorwirft, er habe nur um Bewunderung gebuhlt, krümmt er sich in blankestem Entsetzen: „Nein!“

Krieg? Liebe? Politik? Tugend? Zuletzt geht es hier nur ums Überleben. Auch für den König, Thomas Loibls virtuos changierenden Philipp II. Als Despot geht er über Leichen, verstößt steif seinen einzigen leiblichen Sohn. Als Mensch fühlt er bittere Einsamkeit, bangt um die Elternschaft zur kleinen Infantin und umschließt mehrmals fest und bis zuletzt die Hand Elisabeths. Als Bewunderer klärt sich sein Blick, vaterstolz blüht er unter Posas Freiheitsreden auf. Als Mörder bangt er, eine wirr wimmernde Puppe auf zwei bibbernden Beinen, um seinen Thron. – Von Karlos bis Philipp: Sie alle irren, nach wie vor, doch an diesem Abend bekommen sie gerade dadurch alle recht.

Viel Beifall fürs in Fahrt gekommene Ensemble, einige halbherzige Buhs für die Regie.

Quelle: F.A.Z.
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