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Iceland Dance Company

Die Hexe hat sogar Humor

Von Alexandra Albrecht
 - 12:07
Hier werden – von Frau zu Frau – Dreiklänge weitergereicht. Das ist ganz klar sexuell konnotiert bei der Iceland Dance Company. Bild: Jónatan Grétarsson, F.A.Z.

Die Stücke der isländischen Choreographin Erna Ómarsdóttir ähneln schwarzen Messen menschlicher Entgrenzung. Zuckende Leiber, taumelnde Körper, laute Schreie – Tanz, archaisch als Ritual und Ekstase verstanden, eindeutig sexuell grundiert, beschäftigen die schöne, wilde Zeremonienmeisterin immer wieder, auch in ihrem Stück „Sacrifice“, das im Tanzhaus NRW als Auftakt der unter dem Motto „Ceremony now!“ stehenden Spielzeit zu sehen war.

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Auf der kaum beleuchteten Bühne befreien sich Personen aus Bergen von Gummischläuchen, die ihnen fortan bei ihrer Suche nach Ausdruck und Form als Material dienen. Sie verwenden sie als Brust- und Kopfschmuck, nutzen sie aber auch als Sportgerät. Eine Frau lässt einen Mann wiederholt durch den Reifen springen, beide könnten der Fetischszene angehören. Ein Paar wirft sich die Ringe entgegen, während mehrere Akteure die Laokoon-Gruppe nachstellen. Dieses wilde Durcheinander endet, als alle im Gleichschritt marschieren und sich mit den Gummischläuchen lustvoll geißeln. Die Tänzer schwenken dunkle Langhaarperücken wie die Puschel der Cheerleaderinnen durch die Luft, sie tragen sie als Flügel auf dem Rücken, ziehen sie über den Boden, suchen Schutz in ihnen. Später sitzen alle dicht nebeneinander auf dem Boden, wiegen ihren Oberkörper synchron vor und zurück, schütteln wild ihre langen Haare, singen, summen wie ein Bienenschwarm und brüllen, begleitet von unheilverkündenden lauten Elektroklängen.

Auf Exzess und Ekstase folgen nach der Pause Disziplin und Selbstbeherrschung. In dem streng gebauten Stück, das keinerlei Abweichung zulässt, kommen acht Frauen, mit Jeans und weißen T-Shirts bekleidet, auf die Bühne, alle haben sich Akustikgitarren umgehängt, engelsgleiche Wesen, die mit den Furien nichts gemein haben. Sie stehen in einer Reihe, drehen den Oberkörper nach links und rechts. Irgendwann beginnt eine, einen Dreiklang zu spielen, die Nächste folgt, die Töne werden nacheinander von Frau zu Frau, von Gitarre zu Gitarre weitergereicht. Aus dem Akkord wird eine Melodie, zu der später auch gesungen wird, aus dem einfachen Drehen des Oberkörpers entwickeln sich Schritte im Raum, sogar Bewegungen auf dem Boden, ohne dass die Musik abbricht. Die schönen Stimmen der Tänzerinnen, ihr harmonisches Spiel bilden einen deutlichen Kontrast zum ersten Teil des Abends, aus Chaos wird Form. Aber teuer erkauft mit dem Verlust der Individualität, mit dem Verzicht auf sexuellen Rausch. Urkomisch wirkt der Auftritt der achtfachen Sängerin, Humor besitzt die Hexenmeisterin Erna Ómarsdóttir eben auch.

Mit diesen beiden Teilen ließe sich der Abend gut bestreiten, aber das reicht Erna Ómarsdóttir nicht. Denn laut Programmheft will sie nichts weniger als die Kreativität des Einzelnen als neuen Glauben ausrufen. Diese dramaturgische Entgrenzung führt in die ausufernde Beliebigkeit eines im Foyer aufgebauten Basars, wo die Choreographin in den Pausen, geschminkt und gekleidet wie eine Marketenderin, mit einer Kelle und einem Topf am Gürtel baumelnd, steppt und schreit. Wo in einem Angstraum Yoga angeboten wird, ein Mann mit einem Geweih auf dem Kopf und High Heels an den Füßen an der Töpferscheibe Ton formt, wo Heiligenbilder im Ausverkauf zu erwerben sind, sich die Bahnhofsmission und eine Flüchtlingsinitiative vorstellen.

Hier sind keine Wunder zu erwarten, Weltliches bleibt weltlich. Auch der abschließende Film „Union of the North“ des amerikanischen Künstlers Matthew Barney liest sich eher wie eine Kritik am Kapitalismus mit seinen Ersatzheiligtümern, den Shopping-Malls, als dass sich neue Sinnstiftungen manifestieren würden. Vor einer riesigen Auslage mit süßen Teilchen steht eine Sängerin in einem Priestergewand, das über und über mit dem Schriftzug von Dunkin’ Donuts bedruckt ist, ernst und würdevoll, als wolle sie sogleich eine Messe des Schmalzgebäcks lesen. Derweil ist auf der geteilten Leinwand zu beobachten, wie in zwei Lagerräumen eine Frau und ein Mann einer seltsamen Behandlung unterzogen werden, mit der Zufuhr von Getränken, mit Waschungen und dem Einreiben des Körpers mit einer blutähnlichen Substanz. Ein Ritual, das schon, aber vollkommen sinnlos. Auf Erleuchtung muss noch gewartet werden.

Quelle: F.A.Z.
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