Salzburger Festspiele

Die Buhlschaft fährt Radl

Von Martin Lhotzky
 - 18:48
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Der liebe Gott soll sich bloß nicht wundern, wenn ihn niemand mehr ernst nimmt, geschweige denn fürchtet. Warum kommt er denn auch als herziger Fratz in kniekurzen Hosen aus einem Riesenmegaphon gekraxelt? Zugegeben, das ist nicht Gottes Schuld, geht diesmal ausnahmsweise auch nicht auf das Konto des Herrn Hugo von Hofmannsthal, sondern auf das der Herren Brian Mertes, Texaner, und Julian Crouch, Engländer. Die beiden sind genau die Richtigen, den „Jedermann“ am Salzburger Domplatz zu inszenieren. Finden sie. Und sagen sie: in einem langen, eher banalen Dialog, der im Programmheft zu lesen steht.

Das Stück jedenfalls fasziniere sie. Geschrieben, nein, in seltsam historisierenden knitteligen Versen eben von Hofmannsthal am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gedichtet, wurde es von Max Reinhardt 1911 in Berlin uraufgeführt. Seit 1920, mit Ausnahme der Jahre, als Österreich Teil des Großdeutschen Reiches war, gehört „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ zur Grundausstattung der Salzburger Festspiele. Es ist halt doch ein Stück Österreich, und so konnte man ausgerechnet mit diesem verkitschten Mysterienspiel demonstrieren, dass man aber schon rein gar nichts mit jener unseligen Zeit zu tun hatte.

Wenig Sätze, dafür ein freizügiger Auftritt

Die vor biederer Moralität triefende Geschichte vom Reichen, der vom Tod unvorbereitet vor Gottes Gericht zitiert wird, sich eine kurze Frist ausbedingt, in der er erfahren muss, dass die Genossen seines sündigen Lebens ihn im letzten Stündlein allesamt im Stich lassen und allein seine mageren guten Werke und der in Todesangst gehauchte Satz: „Ich glaube!“ die Rettung bringen, ist selbst für hartgesottene Atheisten kaum satisfaktionsfähig. Doch sorgt es für aufgeregte Diskussionen auch unter Menschen, die nie eine Theateraufführung besuchen, denn es wird regelmäßig im Fernsehen übertragen. Und dieser vermeintliche Erfolg, so weiß es auch der gute Geselle des Jedermann, macht klug und gibt recht. Deswegen veranstaltet ja schon beinahe jede zweite Bühne ihr eigenes Spiel vom Sterben des reichen Mannes.

Schauspielerinnen gieren danach, die Buhlschaft, also die Mätresse Jedermanns, verkörpern zu dürfen. Eine Rolle mit wenigen Sätzen, dafür umso freizügigerem Auftreten. Die aktuelle Salzburger Buhlschaft ist Brigitte Hobmeier. In einem heftig orange gemusterten, im Beinbereich tiefgeschlitzten Kleid radelt sie über die Rampe auf die schlichte Holzbühne, umrundet mehrfach den im Smoking steckenden Cornelius Obonya, um sich zum Festgelage, wo der Tod diesen Jedermann erwischt, in eine Art Salome inklusive Schleiertanz zu verwandeln. Unendlich langer, fließender Rock und schuppenbewehrte Korsage bewahren sie dennoch nicht davor, im wörtlichen Sinne auf dem Misthaufen neben der Bühne zu landen, wenn der Tod auftritt und Panik verbreitet.

Entzückend morbide Einfälle

Obonya, Enkel mütterlicherseits des Vor- und Nachkriegs-Jedermannes Attila Hörbiger, gewinnt dem Stutzer so viele menschliche Seiten ab, wie der Knitteltext es zulässt. Zumindest verprügelt er nicht, wie manche seiner Vorgänger, höchstpersönlich Bittsteller und Schuldner. Er lässt prügeln. Und, das ist neu, er erhält am Ende ein Begräbnis mitten auf der Szene, Erde streuende Trauergäste inklusive. Und was macht der Tod? Er ist hier kein schwarz gewandetes Gerippe. Vielmehr trägt Peter Lohmeyer ein langes, eng anliegendes helles Kleid, dazu Fingernägel und Glatze wie Nosferatu. Er nützt Jedermanns letztes Stündlein so ganz nebenbei für weitere Arbeitsgänge, schleppt Leichen über die Bühne, während er seinen Hauptklienten an die ablaufende Zeit erinnert. Auch dies eine entzückend morbide Idee der Regie, beginnt der Abend doch mit einem Prozession genannten Einmarsch aller Akteure und Aktricen, die an einen Beerdigungszug in New Orleans erinnert. Die Band bleibt übrigens den ganzen Abend, mal spielt sie balkanische Weisen, mal begleitet sie die eher unerwarteten Tanzeinlagen.

Riesenmasken, Umzüge, grelle Feiergäste, tanzende Teufelchen - man merkt, dass sich Crouch sonst hauptberuflich um die Gattung Musical verdient macht und als Ausstatter Gliederpuppen baut, während Mertes Erfahrung mit Freilufttheater einbringt. Am Domplatz des Jahres 2013 ist es bunt wie lange nicht, man kriegt viel zu sehen und kann so auch ein wenig den gestelzten Text mit all seinen „nits“, „sänftlichs“ und „böslichs“ vergessen. Das Publikum spendet artig lauten Beifall. Wenn das dem Jedermann nit eine weitere Frist einräumet.

Quelle: F.A.Z.
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