Londoner Forsythe-Uraufführung

Unverschämt gut gelaunt

Von Wiebke Hüster, London
 - 20:49

Es ist komplizierter denn je, eine Ballettcompagnie zu leiten. Um als Direktor die wirtschaftlichen, organisatorischen, künstlerischen, sportmedizinischen und Human-Resources-Probleme von bis zu neunzig oder mehr Tänzern zu lösen, brauchte man schon immer Tage, die länger sind als vierundzwanzig Stunden. Aber inzwischen sind Probleme dazugekommen: Die Idee, was Ballett ist, schwindet aus dem öffentlichen Bewusstsein, außer in London, Paris, New York, St. Petersburg und Moskau natürlich.

Man kann sich vorstellen, dass der wirtschaftliche Druck zunimmt, seit die Unterhaltungsmöglichkeiten virtuell ins Unermessliche wachsen durch das, was das Internet zu jeder beliebigen Zeit auf alle möglichen Haushaltsbenutzeroberflächen spült. Was muss man arbeiten, um die Nutzer hinter ihren digitalen Endgeräten hervorzulocken! In Millionenstädten wie New York und London konkurrieren sogar je zwei große Ballettcompagnien miteinander – und mit allen anderen Entertainmentquellen.

Während die Profile des New York City Ballet, des Hüters der Werke von George Balanchine, und des American Ballet Theatre mit seinem mehr divergierenden Repertoire klar abgegrenzt sind, ist die Situation in London etwas unübersichtlicher. Das Royal Ballet in Covent Garden ist mit den Hauschoreographen Wayne McGregor und Liam Scarlett ästhetische Verpflichtungen eingegangen, hat mit Kevin O’Hare aber keinen choreographierenden Direktor, spielt Christopher Wheeldon’s „Alice in Wonderland“, bis die Kassen glühen, und kümmert sich um das Erbe von Frederick Ashton und Kenneth MacMillan. Das English National Ballet (ENB) hat mit Tamara Rojo seit 2012 eine Direktorin, die zugleich ihre eigene Erste Solistin ist und sich selbst im BBC-Fernsehen lächelnd als Workoholic bezeichnete.

Das führende Haus Londons im zeitgenössischen Tanz, „Sadler’s Wells Theatre“ präsentierte das ENB jetzt mit dem Programm „Voices of America“. Es begann mit einem sehr temporeichen, eleganten, eklektizistischen Werk der Kanadierin Aszure Barton, dem 2016 für das ENB entstandenen „Fantastic Beings“ zu zeitgenössischer Orchestermusik von Mason Bates. „Anthology of Phantastic Zoology“ ist originell hochkulturell aufgerüstete Filmbegleitungsmusik, die Barton zu detailreich ausformulierten, Musical-nahen, quecksilbrigen Bewegungsströmen für die große Gruppe inspirierte.

Zwanzig in dunkle, hochgeschlossene Ganzkörpertrikots gekleidete Tänzer gleiten vor einem sternenübersäten Nachthimmel über die Bühne. Animalische, vom Instinkt diktiert scheinende Bewegungen lösen sich mit klassischen, dynamisch vorgetragenen, schönen Schritten ab. Trotz der Tatsache, dass Barton sich erkennbar aus diversen tänzerischen Idiomen bedient, langweilt man sich keine Sekunde. Denn sie ist eine wirkliche Meisterin der Phrasierung, sie überrascht durch die völlig zufällig wirkende Aneinanderreihung von Cunningham und Broadway, Break oder Balanchine. Sie bedient jeden Beat und Gag der Musik, aber so schmeichelhaft und pointiert, dass es diese Musik irgendwie adelt. „Fantastic Beings“ ist raffiniert. Man schaut es wirklich gern, aber ein bisschen hat man auch das Gefühl, Algorithmen hätten es produziert und unser ständig Sinnzusammenhänge kreierendes Gehirn suggerierte nun konsequent, das alles liefe menschlicher Logik folgend ab.

Danach kam William Forsythes 2016 an der Pariser Oper umgearbeiteter und so jetzt hier übertragener Klassiker „Approximate Sonata“, eines jener lässigen, sehr virtuosen Kammerstücke des heute Achtundsechzigjährigen. Vier Paare tanzen in wechselnden Konstellationen in Pink und Kobaltblau sehr behende durch Musik von Thom Willems. „Nice“, möchte man wie zu einem guten alten Bekannten sagen, den man in einer fremden Stadt überraschend auf der Straße trifft, „good to see you again.“ Ein solches Forsythe-Stück braucht jede Ballettcompagnie, und es gibt bestimmt auch kaum eine mehr, die keines hat. Was aber nur sehr wenige bekommen, ist eine Uraufführung des Choreographen.

Die digitale F.A.Z. PLUS
Die digitale F.A.Z. PLUS

Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

Mehr erfahren
.

„Playlist (Track 1,2)“ hat Forsythe die Choreographie für zwölf Männer in Sportlertrikots genannt. Was jeder von uns zu Hause macht – die Playlist hören und dazu tanzen –, das tut dieses Dutzend junger Männer synchron und zu ästhetischen Gruppen geordnet, nur eben um ein Vielfaches artikulierter und aufsehenerregender als Amateure. Jubel beantwortet dieses kurze, unverschämt gutgelaunte kleine Ding von einem Stück, eine Feier der Jugendlichkeit. Sehr gekonnt ist das natürlich, wenn auch nicht sehr erwachsen. Aber wer hat schon immer Lust, sich altersgemäß aufzuführen, und wer legt fest, was das im Einzelnen wäre? Forsythe verbeugt sich mit weiten Jeans, einem Hipster-Rauschebart und der dazu passenden grauen Strickmütze auf dem Kopf. Es ist, um es hart zu sagen, schon eine Enttäuschung.

Vor dieser hübschen Gelegenheitsarbeit zu Musik von Peven Everett und Lion Babe stand ein Stück von Jerome Robbins, dem fabelhaften, in Europa zu wenig gespielten Sidekick von George Balanchine. Allerdings ein sehr merkwürdiges. „The Cage“ zeigt ein weibliches Ensemble fleischfressender Pflanzen, wie sie zwei männliche Exemplare ihrer Gattung unschön behandeln, und das zu Igor Strawinskys „Concerto in D“ für Streichorchester. Das sieht mehr nach der mythologieversessenen Barfußtänzerin Martha Graham aus denn nach Robbins, und ähnlich angestaubt und ein bisschen gewollt wirkt es auch.

Geradezu bewundernswert an dieser Zusammenstellung aber ist der absolute Wille dahinter, das English National Ballett auf der Agenda der Londoner nach oben zu setzen. Rojo hat begriffen, was für einen harten Job sie macht, und deswegen zieht sie alle Fäden, um im Ranking ganz oben zu stehen. Ihre stärkste Waffe ist das Ensemble. Es ist die beste europäische Compagnie im Moment. Sie sind so gut, dass es einem am Ende noch egal wäre, was sie tanzen. Es ist unglaublich, wie temperamentvoll und athletisch diese Tänzer agieren.

Dafür hat Rojo einiges riskiert. Es gab Gerede, nicht nur, weil der um einiges jüngere, überragende Star der Compagnie, Isaac Hernández, Rojos boyfriend ist, sondern weil mehr als zwanzig Prozent Fluktuation pro Spielzeit viel sind. Aber wer „Voices of America“ sieht, weiß, warum das so ist. Entweder wirft man sich als Tänzer hier in diesen reißenden Strom und schwimmt so überragend, dass man überlebt und auffällt, oder man kann es vergessen und gehen.

Dieselbe Kompromisslosigkeit Rojos entdeckt man auch im Repertoire. Die Stücke müssen entweder rasant und selbsterklärende Erfolge sein wie das von Barton, oder große, bekannte Stücktitel tragen wie „Giselle“, das sie in einer Version von Akram Khan zeigt, oder große berühmte Choreographen haben, wie Robbins oder Forsythe. Insofern macht sie alles richtig. Die Idee des Balletts holt sie mit unermüdlicher Anstrengung wieder zurück ins Rampenlicht, bloß sieht diese Idee plötzlich so fremd aus.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenLondonNew YorkAmerikaTanz