Frankfurter Kammerspiele

Mit Sack überm Kopf zu einem anderen Planeten

Von Grete Götze
 - 14:15

Die Sehnsucht des Menschen danach, sich andere Kontinente zu erobern, ist uralt. Sie ist bekannter Ausgangspunkt etlicher Science-Fiction- und Actionfilme: eine auserwählte Gruppe von Individuen trifft in einem abgeschirmten Raum aufeinander und muss unter Aufsicht gegeneinander antreten, um zu beweisen, wer sich am besten für die gefährliche Mission eignet. Auf diesem Grundbaustein basieren viele Romane und daraus entstandene Filme, nicht zuletzt Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ auf Basis des Romans von Mario Giordano oder Suzanne Collins’ Trilogie „Die Tribute von Panem“ und der gleichnamige Film.

Auch der Dramatiker Marius von Mayenburg lässt in seiner jüngsten Uraufführung „Mars“, die jetzt in Frankfurt auf die Kammerspielbühne gekommen ist, eine Gruppe von Menschen aufeinandertreffen, die sich dafür beworben haben, an einer Weltraummission teilzunehmen. Die zufällig zusammengewürfelte Truppe, die aus der westlichen Zivilisation zu diesem Abenteuer aufbricht, zeichnet er als Prototypen: Auf der einen Seite der gebrochene Unternehmer-Vater Achim (Michael Schütz) mit seiner couragierten Gutmenschentochter Johanna, die gemeinsam einem bösen Familiengeheimnis entfliehen, auf der anderen Seite die Zwillinge Edgar und Oskar (Nils Kreutinger und André Meyer), die weder miteinander noch ohne einander können, wobei Edgar scheinbar der nettere von beiden ist.

Zunächst lautet ihre einzige Prüfungsaufgabe, das eigene Haus zu verteidigen. Moderiert und beaufsichtigt werden sie dabei vom sanft sprechenden Roboter Yannik (Torsten Flassig) im weißen Satinanzug, der mit seinen seitlich gescheitelten blonden Haaren an Michael Fassbenders Android David aus Ridley Scotts Alien-Film „Prometheus“ erinnert.

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Die Bühne der Kammerspiele hat Mayenburg, der an diesem Abend selbst Regie führt, in zwei Hälften unterteilt. Im vorderen Abschnitt ist ein karger Büroraum mit einem riesigen, quer verlaufenden Panoramafenster zu sehen, auf das ein digitaler Wald projiziert ist. Später werden hier noch eigenartige Affen oder eine Unterwasserlandschaft zu sehen sein, aber zunächst ist es der Wald, der den utopischen Raum begrenzt.

Hinter dem Wald sieht der Zuschauer bald die ersten Gestrandeten herumirren, eskortiert von Yannik, der den Unternehmer-Vater und seine Tochter schließlich auf die Vorderbühne bringt. Da stehen sie nun, in festem Schuhwerk und mit Sack über dem Kopf und sprechen hilflos ihren Text. Die Verknüpfung von Videoprojektion und Realpräsenz gelingt ästhetisch schlüssig, wobei die Idee der Bühnenunterteilung nicht originell ist. Auch in Mayenburgs derzeitiger „Romeo und Julia“-Inszenierung in Frankfurt trennt eine zur Videoprojektion genutzte Mauer zwei Welten voneinander.

Humorvolle wie sarkastische Situationen ergeben sich in der eineinhalbstündigen Inszenierung daraus, dass sich alle Figuren beaufsichtigt wissen, aber nicht genau klar ist, wie sie sich am besten verhalten sollten, um an der Mission teilnehmen zu können. Gelten die christlich geprägten Werte der Nächstenliebe, wie Johanna meint, die einem Verletzten helfen will, oder besteht man den Test nur dadurch, dass man sich selbst nicht in Gefahr bringt, wie es ihr Vater proklamiert? Sollte man darauf verzichten, den roten Knopf zu drücken, wie es der gewaltbereite Oskar möchte, oder ist er mit seinem Verlangen, sich gegen die anderen durchzusetzen, nicht am Ende der einzig wirklich Authentische? Hinter den moralingesättigten Fragen deutet sich zaghaft Mayenburgs Kritik an der kapitalistischen Leistungsgesellschaft an.

Schlichte Wahrheiten

Die Bewohner des Bungalows, die die Bewerbergruppe schließlich angreifen und töten soll, stellen sich jedenfalls als Abbilder ihrer selbst heraus. Die Menschen beschädigen im Laufe ihres Lebens nur ihre eigene Existenzgrundlage, lautet eine der schlichten Wahrheiten des Abends. Eine andere, dass es die zu erstrebende, einzig glückbringende Zukunft gar nicht gibt.

So gut sich Sébastien Dupoueys’ digitale Welten auf der Videowand in die Inszenierung einfügen, so einfach hat es sich Mayenburg mit der Frage gemacht, wie er seine eigenen Science-Fiction-Phantasien so auf die Bühne bringen könnte, dass sie beeindruckend wirken. Die Schauspieler füllen ihre Rollen, so gut es geht – den grob-aggressiven Oskar möchte man wirklich nicht zum Feind haben, und den Unternehmer Achim legt Michael Schütz als herrlich furchtsamen Feigling an – aber trotzdem sind sie nur Typen, die für bestimmte Eigenschaften stehen, keine ausdrucksstarken Charaktere mit Ambivalenz und Tiefe. Auch die zahlreichen Anspielungen auf apokalyptische Szenarien wirken in keinem Fall überraschend oder neu. Der Abend in den Kammerspielen ist kurzweilig und mitunter unterhaltsam. Eine poetische Daseinsberechtigung erlangt er aber auch nicht dadurch, dass das Ende offen bleibt und der Roboter zwischenzeitlich einmal kurz in jambischen Paarreimen spricht.

Quelle: F.A.Z.
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