Gespräch mit Serge Dorny

Zurück in die Zukunft

Von Eleonore Büning
 - 19:11

Herr Dorny, einmal im Jahr stellen Sie Ihrem Opernhaus in Lyon eine große Hausaufgabe. Mal geht es um Freiheit, mal um Menschenrechte, immer sind es politische Themen. Diesmal heißt das Motto „Erinnerung“. Sie betreiben da einen Riesenaufwand, lassen drei legendäre Inszenierungen von Heiner Müller, Ruth Berghaus und Klaus Michael Grüber rekonstruieren. Ist Nostalgie die neue Politik?

Nein, darum geht es nicht. Die wichtigste Konstante für mich und meine Arbeit als Opernintendant ist das Ephemere. Immer ist gerade etwas vorbei. In der Aufführung sehen und hören wir nur einmal, was wir danach so nie wieder erleben werden. Ich würde sagen: Das ist das Besondere am Musiktheater, aber auch an der Musik. Das war schon immer so, und diese Flüchtigkeit hat eine gute, aber auch eine schlechte Seite. Ich erinnere mich, wie ein Architekt, ein Freund von Giorgio Strehler, einmal sagte, es sei wahnsinnig deprimierend, dass er vierzig Jahre lang immer wieder an einem Gebäude vorbeigehen müsse, das er mal entworfen und gebaut hatte. Er sei jedes Mal enttäuscht, weil er längst an seine Idee von damals nicht mehr glaube. Aber das ist nicht zu ändern. Andererseits muss ich an Antoine Vitez denken, der immer nostalgisch wurde bei großen Produktionen, er nannte sie „les cathédrales du savoir et des talents“. Das sind die beiden extremen Positionen dazu. Die Erfahrung lehrt, dass die Erinnerung an ganz bestimmte Aufführungen, die wir erlebt haben, lebendig bleibt, egal wie viele Produktionen von dem Stück wir später angucken. Erinnerung kann lebendiger sein als das, was wir neu erleben. Das war die Idee für das „Festival Memoires“.

Diese Idee liegt voll im Trend. Auch in Salzburg, auch in Prag und Mannheim werden plötzlich Inszenierungen von längst verstorbenen Künstlern rekonstruiert. Ich finde, das liegt bedenklich auf der Retro-Schiene, es scheint perfekt zu passen in eine Zeit, in der man in ganz Europa überall rückwärts geht. Es ist, als habe sich die Blickrichtung geändert. Wir drehen uns um, wie Orfeo, und gucken nach hinten. In den siebziger Jahren fragten sich die Künstler noch: Was gibt es Neues? Wo geht das hin? Heute wird zitiert oder kopiert, recycelt, gecovert. Hat sich die Idee des Fortschritts so verdünnisiert?

Sie hat sich verwandelt. Klar, es gibt diesen Retro-Trend, aber der will doch zurück in die Zukunft, von mir aus nennen Sie das ruhig eine Modeerscheinung. Nur: Man kann Moden oder Trends nicht absolut setzen. Das ist der entscheidende Punkt. Altes zu recyceln ist das eine, dies zu institutionalisieren, scheint mir völlig unmöglich. Ich würde behaupten, auch kein anderer Intendant wird das tun wollen. Ein Opernhaus ist kein Museum, jede Aufführung, also auch jede Rekonstruktion einer Aufführung, ist ja selbst wiederum ephemer. Mir geht es um etwas ganz anderes, nämlich um das Phänomen der Erinnerung. Jeder „Tristan“, den ich heute neu erlebe, der wird überlagert von dem tiefen Eindruck der Erfahrung mit Heiner Müllers „Tristan“ damals in Bayreuth. Bei „Lucio Silla“ ist es die Produktion von Patrice Chéreau, an der bis heute keiner vorbeikommt. Meine Erinnerung könnte nur ganz individuell sein, ich bin ein Schüler von Mortier, ich war sein Dramaturg, das hat mich geprägt. Aber es gab und gibt offenbar „landmarks“ im Regietheater, bestimmte Aufführungen mit Referenzcharakter, die die ästhetische Erfahrung einer ganzen Generation geprägt haben. Diese „landmarks“ haben Geschichte gemacht, es gibt einen objektiven Kern, warum es dazu kam. Und dieser Kern interessiert mich, den müssen wir analysieren. Interessant finde ich vor allem, dass zur Erinnerung komplementär das Verdrängen und Vergessen gehört: eine kollektive Demenz. Auch das gilt es zu analysieren.

Warum zurücktauchen in die Vergangenheit des Regietheaters? Ist die Gegenwart des Regietheaters so deprimierend?

Ach was! Ich bin doch dauernd auf der Suche nach jungen Regisseuren. Aber oft denke ich, bei manchen neuen Arbeiten, die ich mir angucken muss, dass es kein Wissen mehr davon gibt, was früher einmal essentiell wichtig gewesen war, nämlich dass jedes Kunstwerk, auch das ephemere, auf eine aktuelle Notwendigkeit reagiert. Aber wenn ich mich heute umschaue, dann sehe ich doch sehr vieles, was absolut nicht notwendig ist. Vielleicht ist es notwendig für das Ego des Regisseurs. Aber jedenfalls nicht für das Publikum, nicht für die Gesellschaft.

Zum Beispiel?

Ich könnte Namen nennen, den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun! Sagen wir es so: Es gibt zu viele Opernproduktionen, die sind reines Designertheater, oder es geht darin hauptsächlich ums Happening. Außerdem wird viel zu viel aus anderen Opernproduktionen zitiert, nur leider schlechter und aus selbstreferentiellen Gründen. Das ist alles total langweilig, es ist auswechselbar, so richtet man das Musiktheater zugrunde. Und die paar guten Regisseure, die eine individuelle Handschrift haben, die werden überall herumgereicht und machen irgendwann viel zu viel. Das galt selbst für Chéreau, der noch zu der Generation gehört hat, für die es bei jedem Werk, das sie anpackte, eine politische Notwendigkeit geben musste. Objektiv muss man aber sagen: Nicht alle Inszenierungen Chéreaus waren gleich gut. Ich glaube nicht, dass die Oper als Gattung heute an ihren Endpunkt gekommen ist. Aber der Opernbetrieb richtet sich selbst allmählich zugrunde, aus Gründen der kollektiven Vergesslichkeit.

Dafür kann man heute alles auf DVD nach Hause tragen. Ist das nicht von Vorteil für die Erinnerung?

Dass wir Opernproduktionen aufzeichnen, hilft dem Gedächtnis nicht weiter. Ein Video kann immer nur einen Teil der Live-Erfahrung einfangen, es hat dokumentarischen Wert. Die wahre Erinnerung an das Erleben aber kann trotzdem verlorengehen. Und das betrifft auch die politische Seite des Retro-Trends, die Sie ansprachen. Ich bin kein Politikwissenschaftler, ich kann nicht erklären, warum das so ist. Aber ich kann doch beobachten und erkennen, dass, im historischen Rückblick, etwa alle siebzig oder achtzig Jahre eine Art kollektives Vergessen einsetzt. Das Gedächtnis einer Gesellschaft stößt alle paar Dekaden wieder an Grenzen, das hängt offensichtlich von Generationenwechseln ab. Schauen Sie sich, zum Beispiel, die Zeitsprünge an von 1933 zurück auf 1870, dann zurück auf Napoleon und auf die Französische Revolution: Wie in regelmäßigen Wellen gab es immer wieder einen heftigen Anfall von Nationalismus. Und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind gerade wieder siebzig Jahre herum. Insofern ist das Thema „Memoire“ heute ungeheuer aktuell. Es gibt gute Gründe, jetzt an das Erinnern zu erinnern! Nicht im Sinne von Nostalgie, sondern im Sinne einer Analyse. Nicht um die Sehnsucht nach der Vergangenheit zu pflegen. Sondern um eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart zu führen.

Wann und wie kamen Sie auf die Idee, alte Inszenierungen zu recyceln?

Das war vor drei Jahren, als ich nach Dresden gehen sollte. Dresden ist ein sehr spezieller Ort, es gibt dort ein beinahe übermächtiges Geschichtspotential, mit dem diese Stadt umgehen muss. Damals hatte ich die Idee, ein Festival an der Semperoper zu installieren, das als Auftakt eine wichtige historische Produktion aus der Vergangenheit rekonstruiert. Zu diesem dramaturgischen Plan gehörte die „Traviata“-Lesart von Luchino Visconti, dann der Bayreuther „Parsifal“ von Wieland Wagner, außerdem „Boris Godunow“ von Andrej Tarkowskij, „Tristan“ von Heiner Müller und von Walter Felsenstein vielleicht den „Otello“. Das Einzige, was davon übrig blieb für Lyon, das ist Müllers „Tristan“.

Warum ausgerechnet der?

Weil diese Produktion fast ganz auf das Narrative verzichtet und trotzdem mit der Musik identisch ist. Ich war nicht 1993 zur Premiere in Bayreuth, ich habe eine spätere Aufführung gesehen. Aber ich habe in Erinnerung: ein gefrorenes Tableau, das mit ungeheurer Ökonomie auf das Notwendige reduziert ist. Der Blick ist wichtiger als die Bewegung. Trotz aller Vergänglichkeit des Augenblicks ist diese Opernproduktion zeitlos: ein Meisterwerk.

Die Fragen stellte Eleonore Büning.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Büning, Eleonore (eeb)
Eleonore Büning
Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.
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