Griechische Nationaloper

Es ist doch ihre Stunde, da alle Wände schallen

Von Josef Oehrlein, Athen
 - 23:18

Wie eine gute Fee stellt eine private Organisation quasi über Nacht ein gewaltiges Kulturzentrum hin und schenkt es dem Staat. Von solcher Mär können deutsche Städte nur träumen, die sich mit Bau und Renovierung ihrer Opern und Theater unter oft genug skandalösen Umständen und ins Unermessliche steigenden Kosten herumquälen. Aber es ist kein Märchen, was sich in einem europäischen Land zugetragen hat, das durch eine finanzielle Dauerkrise von sich reden macht. Seit einigen Monaten ist in der griechischen Hauptstadt Athen auf einem zuvor vernachlässigten, nun attraktiv herausgeputzten Park- und Sportgelände ein hochkarätiger Kulturkomplex in Betrieb, der sogleich zu einem beliebten Ausflugsziel wurde.

In seinem Inneren birgt das „Stavros Niarchos Foundation Cultural Center“ (SNFCC) nicht nur die Nationalbibliothek und diverse Bildungseinrichtungen, sondern auch ein Opernhaus. Der Griechischen Nationaloper (GNO) wurde ihre neue Heimstätte schlüsselfertig übergeben. Alles vom Feinsten: Das warme Rot der Sitze und der Holzverkleidung aus amerikanischem Kirschbaum verleiht dem Zuschauerraum mit seinen 1400 Sitzen in reizvollem Gegensatz zu der luftig-transparenten, aus viel Glas vom Architekten Renzo Piano hingezauberten Außenfassade eine wohlige Atmosphäre. Die Bühnentechnik ist auf dem allerneuesten Stand. Das alte Athener Opernhaus war für einen modernen Aufführungsbetrieb zu klein geworden, etliche Abteilungen mussten ausquartiert werden.

Auftrittspremiere in der neuen Oper mit 73 Jahren

Jetzt ist alles unter einem Dach, es gibt außerdem einen kleineren Saal und ausreichend Probenräume, die Verwaltung ist auch untergekommen. Im früheren Gebäude konnten keine groß besetzten Werke gespielt werden, doch nun wurde zur offiziellen Weihe des neuen Hauses mit Richard Strauss’ „Elektra“ auch gleich – und überhaupt zum ersten Mal in der Geschichte der Athener Oper – ein Stück aufgeführt, das nicht besser zum Ort und zur Gelegenheit hätte passen können. Und es gab noch eine Überraschung. Agnes Baltsa, die große, auf allen Bühnen der Welt gefeierte griechische Diva, hatte im stolzen Alter von 73 Jahren ihre Auftrittspremiere in der Griechischen Nationaloper.

Baltsas Stimme hat einiges von ihrer einstigen Farbenpracht verloren, der schrille, keifende Dauerton passte zwar zur Rolle der brutalen Gattenmörderin Klytämnestra, strengte aber auf Dauer auch etwas an. Mit ihrer immer noch imponierenden Präsenz verlieh Baltsa der Figur indes Kraft und kantige Kontur. Sabine Hogrefe stand die mörderische Titelpartie dank kluger Einteilung ihrer Reserven problemlos durch, auch wenn es an manchen Stellen an Feinabstimmung in ihrer Stimmführung fehlte. Blass gerieten die beiden Männerfiguren des Orest (Dimitris Tiliakos) und Aegisth (Frank van Aken). Beeindruckend hingegen war die Chrysothemis von Gun-Brit Barkmin mit ihrem herrlich vollen, farbenreich blühenden Sopran. Der Elektra-Schwester hat Strauss nun einmal die dankbarere, weil lebensbejahende Rolle zugedacht, während sich die Titelfigur mit ihrer Vergangenheit und ihrem Rachewahn abquält.

Düsteres Bühnenbild als Inszenierung eines Totenkults

Der griechische Regisseur und Ausstatter Yannis Kokkos setzte die Oper in seinem düsteren Bühnenbild als eine Art Totenkult in Szene mit einer kopfüber hängenden Mannesskulptur als Beschwörung des von Klytämnestra umgebrachten Agamemnon. Doch weder rituelle Feierlichkeit noch die unheilschwangere Atmosphäre einer Danse macabre wollten sich angesichts der recht unbeholfenen Personenführung einstellen. Umso mehr fiel dem Orchester die Aufgabe zu, Stimmungen und Gefühle der Figuren wenigstens musikalisch auszuleben, von verzweifeltem Todesschmerz bis zu rasender Wut.

Für die Musiker, die bislang vor allem das italienische Repertoire zu bedienen hatten, bot sich eine gänzlich neue Erfahrung mit der radikalen, monumentalen Klangsprache, wobei sie allerdings von einem überaus versierten und einfühlsamen Mann am Pult geführt wurden. Der in Frankfurt lebende griechische Dirigent Vassilis Christopoulos verstand es, die Musiker zu Höchstleistungen anzutreiben, ihnen mit abgründigem Holzbläserbrodeln, schneidendem Blech und satten Streicherklängen viele Details der komplexen Strauss-Partitur erstaunlich präzise zu entlocken. Allerdings blieb letztlich doch manche Passage allzu pauschal, litt bisweilen das Gleichgewicht zwischen Streicher- und Bläserapparat. Die äußerst transparente, in jeder Hinsicht phänomenale Akustik ließ immerhin selbst allzu berserkerhaft laut gespielte Stellen nie dumpfig dröhnend wirken.

Hohe Kosten sorgen für Kontroverse

Im neuen Haus hat das Orchester nun reichlich Gelegenheit, weiter in Strauss’ Klangwelt vorzudringen. Auch wenn der nächste Spielplan mit einem Verdi-Puccini-Donizetti-Zyklus noch immer italienisch geprägt ist, taucht doch die eine oder andere der fünf im antiken Griechenland angesiedelten Strauss-Opern am Horizont auf. Dafür sorgt schon die Erinnerung daran, dass er selbst 1926 in Griechenland einige Konzerte dirigiert hat und ihm 1930 die Ehrenbürgerwürde der Insel Naxos verliehen wurde. Welche Träume der Spielplangestalter an der Athener Oper, zu denen auch ein Wagner-„Ring“ gehört, wahr werden, hängt vor allem davon ab, in welchem Maß der überschuldete griechische Staat bereit ist, den laufenden Betrieb des Opernhauses und des neuen Kulturzentrums finanziell zu garantieren. Die Stiftung, die das Vermögen des 1996 verstorbenen Reeders Stavros Niarchos verwaltet, sieht mit den rund 650 Millionen Euro, die sie für den Bau hingeblättert hat, ihre Aufgabe als erfüllt an und ist wohl nur im Ausnahmefall bereit, etwas zum Unterhalt beizutragen.

Die ketzerische Frage, ob sich das krisengeschüttelte Griechenland ein so luxuriöses Kulturzentrum leisten kann, beantwortet sich von selbst, wenn man die Menschenscharen sieht, die den Park bevölkern, wenn man eine Opernaufführung in dem mit allen Raffinessen und Annehmlichkeiten ausgestatteten Haus besucht oder wenn man hoch auf die Terrasse, den „Leuchtturm“, steigt und von dort aus den phänomenalen Rundblick auf das zwischen Bergen und Meer liegende Athen genießt.

Quelle: F.A.Z.
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