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„Die Weber“ als Spektakel

Das Unrecht hängt in der Luft

Von Simon Strauß
 - 21:50
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Es ist, als ob es tausend Fäden gäbe und hinter tausend Fäden keine Welt – das Bühnenbild von Olaf Altmann für die Kölner Inszenierung von Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ ist spektakulär: Hunderte von straffgezogenen feinen Seilen sind quer über die Panoramabühne gespannt. Je nach Beleuchtung lassen sie den Blick durch oder weisen ihn ab wie ein pixelgestörtes Fernsehbild. Wenn sie berührt werden, zittern sie wie Espenlaub in der Kälte. Auf ihnen balancieren, zwischen ihnen hängen und unter ihnen zucken: die Weber. Krank, vergrätzt, hungernd betteln sie beim Fabrikanten um einen Lohnvorschuss, aber der lässt sie abblitzen und fortprügeln.

Das Unrecht hängt schwer in der Luft in Gerhart Hauptmanns 1894 nach langem Ringen mit der Zensur uraufgeführtem Sozialdrama über das peinigende Schicksal schlesischer Weber, die zu wenig haben, um zu leben, und zu viel, um zu sterben. Aus purer Verzweiflung proben sie den Aufstand, rotten sich zusammen und wollen dem reichen Unternehmer seine malträtierende Schäbigkeit heimzahlen. In Köln drücken sie ihren stetig wachsenden Unmut aus, indem sie wild auf den Seilen balancieren, vor und zurück kippen, sich mit einem Griff nach oben absichern und dann doch nach unten abstürzen. Bald liegen sie als Leichen unter dem fadenscheinigen Gestrüpp, und nur ihre verschmierten Banner zeugen von der kurzzeitigen Hoffnung auf Ausgleich und Gerechtigkeit.

Die symbolische Behauptungskraft von Altmanns Bühnenbild ist stark, zu stark, als dass die Inszenierung von Armin Petras dagegen einen eigenen Willen behaupten könnte. Alles, was hier an Regieeinfällen aufgefahren wird, stört den Bildersog eigentlich nur. Die Verdeutlichung der Klassenunterschiede durch Plastikstuhl und Zalandotüte auf der einen und Silberlöffel und Zigarrenrauch auf der anderen Seite ist einfallslos und klischeeverdächtig. Und auch der Fremdtext, den Petras zwischen die Hauptmann-Dialoge schiebt – eine „Bioorange“ da, ein bisschen „Lufthansa“ und „Spiderman-Nazi“ hier –, verhallt wirkungslos. Während ein Heimgekehrter billige Geschenke in die kärgliche Weberstube bringt, wird aus dem Hintergrund Bachs „Arie des Simon“ eingespielt – der Heiland ist der Mammon, so leicht macht man es sich hier mit der religiösen Grundierung des Stücks.

Aber wenn Bertolt Brecht den „deterministischen Naturalismus“ des Stücks für „verbrecherisch“ hielt, weil er den Menschen „als ein Stück Natur hinstellt“ und damit für unfähig erklärt, die natürlichen Gesellschaftsverhältnisse zu ändern, dann erkannte er damit auch widerwillig an, dass das Leid bei Hauptmann nicht rein sozial, sondern auch metaphysisch bedingt ist.

Die Ungerechtigkeit ist bei Hauptmann eine anthropologische Schicksalsfrage, kein Lehrbuchbeispiel für den sozialistischen Klassenkampf. Hauptmann leitete – anders als sein Antipode Brecht – aus der Wirklichkeit keine Anweisungen für richtiges politisches Verhalten ab. Die „ideologische Behauptung und Durchsetzung absoluter Wahrheiten“ bezeichnete er als „eiternde Nägel im Menschenhirn“ und verwahrte sich gegenüber dem Vorwurf, er habe mit seinen „Webern“ eine sozialdemokratische Parteischrift verfasst. Jede parteipolitische Bindung habe eine „Herabwürdigung der Kunst“ zur Folge, so der Erfolgsdramatiker.

Die aufregende Frage bei den „Webern“ ist somit, wann und wie das Revolutionsdrama in die Märtyrertragödie umschlägt. Ist der alte Hilse, der sich gegen die Anarchie des Aufstandes wehrt und im fünften Akt von einer Kugel getroffen wird, ein reaktionärer Starrkopf oder kluger Bewahrer der Ordnung? Bedeutet sein Tod Erfüllung, Bestrafung oder Schicksalsironie? Dass Hauptmann den Schluss offen und damit auch seine Meinung zur Revolution in der Schwebe gelassen hat, warfen ihm seine marxistischen Kritiker immer wieder vor.

Der alte Fontane hingegen schrieb voller Bewunderung für die Dialektik des Stücks: „Es ist ein Drama der Volksauflehnung, das sich in seinem Ausgange dann wieder gegen die Auflehnung auflehnt.“ Von alldem aber sieht man in Köln nichts. In Erscheinung treten hier nur die vielen zitternden Seile – aber daraus entsteht noch keine neue arme Welt.

Quelle: F.A.Z.
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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