„Herr Lehmann“ im Theater

Keine Atempause, Geschichte wird gelacht

Von Martin Halter
 - 20:15
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Wenn großen Bühnen sonst nichts mehr ein- oder in die Hände fällt, werden große Romanklassiker auf die Bühne gebracht. Die kleineren müssen sich mit kleineren begnügen; an diesem Wochenende etwa mit den „Feuchtgebieten“ von Halle (Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ auf der Bühne in Halle) oder der „Vermessung der Welt“ in Braunschweig.

In Heidelberg steht nun eine „Uraufführung“ von „Herr Lehmann“ an, jenem Bestseller, mit dem Sven Regener 2001 seine gerade vollendete Lehmann-Trilogie eröffnete. „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht“ hämmert Fehlfarben, „es geht voran“, und natürlich kann die Protesthymne der achtziger Jahre gegen den atemlosen Fortschritt als Motto nur ironisch gemeint sein. Wenn der Zwinger, die Heidelberger Spielstätte für Neues und Junges, einen Klassiker der Mainstream-Popliteratur auf die Bühne bringt, geht es eher rückwärts.

Wenn die Welt eine Kneipe wäre, dann wäre Herr Lehmann Gott

„Herr Lehmann“ warf ja auch einen leicht verklärten Blick zurück auf das West-Berlin der Achtziger, als Stillstand und Stagnation im Windschatten der Geschichte das Lebensgefühl der Szene, wenn nicht der ganzen Stadt ausmachten. Das Buch ist lustig und rundum sympathisch, auch wenn sein Humor heute schon etwas Onkelhaftes hat: Herr Lehmann ist eine Art Harald Juhnke von Kreuzberg.

Das Gelaber am Tresen; im Bierdunst versumpfenden Sinn- und Beziehungskrisen verkrachter Existenzen; Komödienklassiker wie „Spießereltern besuchen missratenen Sohn“; schließlich der Einbruch der Geschichte, der Lehmanns ruhige Kugel ins Rollen bringt – das alles schreit geradezu nach einer Bühnenfassung. „Ich gehe erst einmal los“, heißt Lehmanns letztes Wort im Roman, „der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.“

Es ergab sich, dass Regener selbst das Drehbuch für die Verfilmung schrieb und sogar einen Deutschen Filmpreis dafür bekam. Der Film des einstigen Poptheaterregisseurs Leander Haußmann legte gegenüber Regeners Stagnationsprosa einen Zahn an Tempo und Dramatik zu (siehe: Im Kino: „Herr Lehmann“).

Es ging voran, und am Ende wurde richtig Geschichtspolitik gemacht: Just an Lehmanns dreißigstem Geburtstag bläst der Wind der Wende die Mauer weg und den Muff, der sich in den Kneipen und Achselhöhlen Kreuzberger Schrott- und Lebenskünstlern angesammelt hat. Lehmann murmelt noch „Ach, du Scheiße“, als die ersten Ossis im Fernsehen das KaDeWe entern, aber auch ihm ist klar: Wenn Deutschland erwachsen wird, geht auch seine verlängerte Pubertät zu Ende.

Es geht voran, Geschichte wird verlacht. Im Heidelberger „Herr Lehmann“, der weitgehend Regeners Drehbuchfassung folgt, wird die Kreuzberger Schraube weiter angezogen, die kabarettistische Gangart noch einmal verschärft. Kreuzberger Nächte dauern hier keine hundert Minuten und sind eine Nummernrevue bekannter Sketche: „Herr Lehmann und der Hund“, „Im Prinzenbad“, „Kristall-Rainer wird verhört“. Eine Szene, die weder im Roman noch im Film vorkommt, hat der Autor den Heidelbergern noch gratis draufgelegt: „Lehmann im Techno-Schuppen“ ist ein Bonustrack, der in dem Satz „Wenn die Welt eine Kneipe wäre, dann wäre Herr Lehmann Gott“ gipfelt.

In Heidelberg hangelt sich Herr Lehmann von Pointe zu Pointe

Wenn Heidelberg Berlin wäre, dann wäre „Herr Lehmann“ durchgefallen. Am Neckar stellt man sich den Taugenichts des gesunden Menschenverstands offenbar als albernen Bier- und Blödsinnverzapfer vor; Kreuzberg ist eine WG-Badküche mit Klo, versiffter Spüle und gekachelten Paravents.

Matthias Rott, Neuzugang aus Berlin, hat zwar einige Zeit in Kreuzberg gelebt, aber das muss nach der Wende gewesen sein: Sein Lehmann hat weder die Seelenruhe des Roman- noch die lässige Lethargie des Film-Lehmanns. Er ist einfach nur ein Tresenschauspieler, der munter, aber blass vor- und auslebt, was sein älterer Doppelgänger Klaus Cofalka-Adami nostalgisch memoriert. Notfalls macht er auch den hechelnden Hund; sechs Schauspieler teilen sich dreizehn Rollen.

Nina Gühlstorff holt aus Erwins „Einfall“ jede Menge Einfälle heraus. Wenn Lehmann das Problem ausdiskutiert, ob der Lebensinhalt in eine Bierflasche passt, fuchtelt er mit einem Kopftopf; der Kellner jongliert mit Knödeln; Flaschenbier wird ans Publikum verteilt; Karl, der rasende Borderline-Künstler, wickelt sich in Kunstrasen. Wenn das Geschwätz mal erstirbt und statt hektischer Kleider- und Rollenwechsel Zeit für ein Tänzchen, eine stumme Pantomime bleibt, ist das ganz unterhaltsam, zumal bei Heiner Junghans als Kristall-Rainer und Psychiater. Aber dann stürzt sich die Regie wieder auf den nächsten Gag wie der Hund auf den Schweinsbraten.

Der Roman und selbst der Film aber lebten vom atmosphärischen Hintergrundrauschen, von dem liebevoll gezeichneten Stimmungspegel. In Heidelberg hangelt sich Herr Lehmann von Pointe zu Pointe am Plot entlang. Das Heidelberger Theater hat sich für diese Saison das Motto „Kampf um Frieden“ gegeben. Regeners Lehmann fiel der innere Frieden quasi in den Schoß, Gühlstorff will ihn mit Lachkampf und Krampf erzwingen.

Quelle: F.A.Z.
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