Humperdincks Hänsel und Gretel

Endstation Oper?

Von Jan Brachmann
 - 17:29

Die Aussicht ist schon mal toll. Kirill Serebrennikow ist kaum auf dem Balkon seines Hotelzimmers in Ruanda angekommen, da schießt er gleich ein paar Fotos mit seinem Smartphone. Dass man abends im Restaurant, beim ersten Arbeitstreffen mit den Afrikanern, einfach so Pizza bestellen und essen kann – den Einheimischen schmeckt es sogar besonders gut –, das gefällt dem russischen Regisseur schon weniger. „Eine schlechte Kopie Europas“, nörgelt er leise und mit müdem Blick in die Kamera. Und dafür ist er nicht hierhergekommen. Serebrennikow sucht Lehmhütten, Armut, hungernde Kinder, Afrika eben, nicht Europa! Afrika so, wie er es kennt aus den medialen Bildern für Europa, das sich so gern um das arme Afrika kümmert.

Er will für die Staatsoper Stuttgart Engelbert Humperdincks musikalisches Märchen „Hänsel und Gretel“ inszenieren, ein Stück des späten neunzehnten Jahrhunderts. Und die darin zu hörende Klage der Mutter über lebensbedrohliche Nahrungsmittelknappheit soll auf der Bühne nicht „zu einer pittoresken Erinnerung an überwunden geglaubte Probleme“ werden, wie seine Dramaturgin Ann-Christine Mecke es jetzt im Programmheft schreibt. Statt pittoresker Vergangenheit nun also pittoreske Ferne: „Hänsel und Gretel“ in Afrika, ein fiktionaler Stummfilm mit dokumentarischer Anmutung, in der Regie von Serebrennikow mit dem Kameramann Denis Klebejew. Die Dreharbeiten sind ihrerseits dokumentiert worden in einem Film von Hanna Fischer, der den Journalisten in liebenswerter Offenherzigkeit vorab schon einmal zugänglich gemacht wurde. Für den Opernfilm wurden zwei Kinder aus Ruanda eigens gecastet. Sie leben dort nicht in Saus und Braus, wachsen aber liebevoll behütet – so hat es zumindest den Anschein – auf. Das Drehteam kaufte nun ruandischen Straßenkindern deren zerrissene, schmutzige Kleider ab, um sie den gepflegt angezogenen Filmkindern anzuziehen. Die Lehmhüttensiedlung für das pittoreske Elend wurde auch bald gefunden, und die Dreharbeiten konnten im April 2017 fast störungsfrei stattfinden.

Wir ignorieren afrikanische Kunst und Literatur

Es ist die Dramaturgin Ann-Christine Mecke, die mit Klugheit und untrüglicher Sensibilität schon im Dokumentarfilm bemerkt: „Wir sind die Weißen, die mit Geld hierherkommen und einen Film drehen.“ Auf der Höhe gegenwärtiger postkolonialistischer Diskurse kommentiert sie auch jetzt, zur Stuttgarter Premiere, dass Serebrennikows Arbeit eine „Gratwanderung“ darstelle, weil sie genau jene Machtverhältnisse zur Bedingung ihrer eigenen Möglichkeit habe, wonach „wir Europäer afrikanische Länder vor allem als hilfsbedürftige Problemgebiete wahrnehmen und afrikanische Kunst und Literatur, Unternehmergeist und Professionalität ignorieren“.

Im vollen Bewusstsein, wie hochproblematisch das ist, was da geschieht, hat die Staatsoper Stuttgart sich also hinter den Regisseur gestellt, vor allem aus politischer Solidarität. Serebrennikow wurde, darüber gab es viel zu lesen, Ende August in Russland unter Hausarrest gestellt, weil man ihm die Veruntreuung staatlicher Fördergelder in Millionenhöhe vorwirft. Mit guten Gründen ist vermutet worden, dass hinter diesem Vorwurf der Versuch politischer Einschüchterung steht, da Serebrennikow nicht nur die neuerliche Stalinisierung Russlands kritisiert hat, sondern in seinen Film- und Theaterarbeiten thematisieren wollte, worüber man in Russland zumindest offiziell nicht gern spricht: die Homosexualität des Komponisten Peter Tschaikowsky und des Tänzers Rudolf Nurejew. Der Hausarrest ist gerade bis zum 19. Januar verlängert worden. Das Stuttgarter Opernhaus setzte die Premiere trotzdem nicht ab. Zu erleben ist dort nun der Stummfilm aus Ruanda mit einer äußerst feinfühlig, klangschön, hinreißend gesungenen und vom Orchester unter der Leitung von Georg Fritzsch gespielten Originalmusik. Die Arbeit an Bühne, Kostümen und szenischen Vorgängen soll Serebrennikow selbst vollenden können, sobald er wieder frei ist.

Die Tortenauslagen eines Stuttgarter Konditors

Es ist ein einnehmender, fröhlicher Abend, dank den ausnahmslos gelungenen Sängerleistungen von Diana Haller (Hänsel), Esther Dierkes (Gretel), Irmgard Vilsmaier (Mutter), Michael Ebbecke (Vater), Aoife Gibney (Sand- und Traummännchen) sowie Daniel Kluge als knatternde Knusperhexe mit einer herrlichen Lache wie von einem Schimpansen, der beim Lausen gekitzelt wird.

Auch der Film selbst lebt von der Poesie mehr als vom Appell. Er fängt nicht nur das vermeintliche Elend, sondern zum Waldweben von Humperdincks Orchester auch die Naturschönheit Ruandas ein. Bei der Pantomine der vierzehn Engel zum Abendsegen erinnert der Film an vermisste oder getötete Menschen aus der Zeit des Massakers von 1994.

Im Film kommen die beiden afrikanischen Kinder nach Deutschland. Das Pfefferkuchenhaus sind die Tortenauslagen eines Stuttgarter Konditors. Die Erlösung wird inszeniert als Eintritt ins Stuttgarter Opernhaus. Zum Schlussapplaus treten sie in Realpräsenz an die Rampe und verbeugen sich. Die Kunst wird, in der Hand der Regie, zum Endziel einer Individualgeschichte als Heilsgeschehen.

Verantwortung für die Darsteller aus Ruanda

Wie aber denken die Kinder selbst darüber? Ariane Gatesi, die Gretel, sagt in Hanna Fischers Dokumentarfilm, sie möge ihre Rolle nicht. Sie hätte lieber ein Mädchen aus einer reichen Familie gespielt. Dass sie ein armes Mädchen spielen müsse, ärgere sie. David Niyomugabo, der Hänsel, sagt im Beisein seiner Mutter, dass er nach Deutschland kommen dürfe, sei eine gottgegebene Chance.

Am Ende des Films steht „to be continued“. Das ist vor allem mit Blick auf Serebrennikows Freilassung gemeint. Doch eine eminente Verantwortung hat das Stuttgarter Haus zugleich für seine Darsteller aus Ruanda übernommen. Bei den Kindern sind große Erwartungen geweckt worden. Was wird man ihnen bieten? Eine Zukunft hier oder dort? Ist das Elend Afrikas für die Kunst nur genutzt worden wie seltene Erden für die Mobilfunkindustrie? Man erlebt in Stuttgart eine aufwendige Konstruktion sozialer Dringlichkeit mit dem Ziel, europäischer Hochkultur eine Relevanz zu verleihen, die man ihr aus eigener Kraft nicht mehr zutraut. Wenn das mehr sein soll als Blaxploitation, darf die Oper gerade keine Endstation bleiben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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