Im Gespräch: Yasmina Reza

Der Text fliegt vorbei

 - 09:11

Sie sei diese Woche in Paris und könne am späten Nachmittag in das Hotel „Lutetia“ am Boulevard Raspail kommen, hatte Yasmina Reza ausrichten lassen. In einem auffällig eleganten Sommerkleid betritt die 53-Jährige, die mit ihren Stücken „Kunst“, „Drei Mal Leben“ und „Der Gott des Gemetzels“ zur meistgespielten zeitgenössischen Theaterautorin wurde, die Lobby. Sie ist charmant und voller Energie.

Madame Reza, wir sind in einer ziemlich seltsamen Situation. Sie haben ein neues Theaterstück geschrieben, „Ihre Version des Spiels“, das im Oktober am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wird. In diesem Stück geht es um eine Schriftstellerin, Nathalie Oppenheim, die es eigentlich hasst, Interviews zu geben, trotzdem bei einer Literaturveranstaltung zusagt und vor Publikum von einer Journalistin befragt wird. Das Ganze endet im totalen Fiasko. Und jetzt sitzen wir hier ...

... und werden sehen, wie es nachher endet. Das ist als Situation doch interessant!

Die meisten Journalisten finden sich sehr wichtig. Rosanna Ertel-Keval, die Kulturjournalistin in Ihrem Stück, ist allerdings ein besonders penetranter Fall. Sie gibt gerne damit an, dass Julian Barnes ihr angeblich ein Gedicht gewidmet habe oder dass sie gerade mit „Philip“ telefoniert habe, womit sie Philip Roth meint, der sie zu sich nach Hause eingeladen hat. Ist diese Rosanna für Sie eine krasse Ausnahme oder doch eher die typische Journalistin?

Sie ist beides. Ich erfinde niemals Figuren, die Prototypen sind. Das interessiert mich nicht. Ich möchte wirkliche Personen erschaffen, individuelle, unverwechselbare Charaktere, und das trifft auch auf Rosanna zu. Gleichzeitig findet man bei ihr aber etwas, das ich für sehr typisch halte: die Komplizenschaft zwischen Journalisten und Autoren, die miteinander befreundet sind und einander gerne einen Gefallen tun. Vielleicht ist das sehr französisch, oder gibt es das in Deutschland auch?

Allerdings.

Ich habe mich dem immer verweigert, und das ist sehr unbequem. Denn wenn man, wie ich, nicht mitmacht, grenzt man sich selbst automatisch auch ein wenig aus. Ich will Kritikern nicht nahe sein. Es ist mir unmöglich und hat keinen Sinn. Wenn Sie so wollen, hat meine Karriere als Schriftstellerin mit einem Kritiker-Drama angefangen.

Sie waren befreundet?

Ich hatte einen Freund, der ein bedeutender Kritiker war, nur hatte unsere Freundschaft damit nichts zu tun. Eines Tages hat er sich die Inszenierung meines zweiten Stückes, „Reise in den Winter“, angesehen. Und ohne es mir zu sagen, hat er es - nicht das Stück, das er sehr mochte, aber die Inszenierung - total verrissen. Ich habe seinen Text in der Zeitung entdeckt, und wir haben uns zerstritten. Als Freund hätte er mir sagen können: Ich mag die Inszenierung nicht. Aber er hätte nicht darüber schreiben dürfen, auch nicht positiv übrigens. Er hätte als Kritiker gar nicht über mich schreiben dürfen, eben weil er mein Freund war.

Die Schriftstellerin in „Ihre Version des Spiels“ lässt Rosanna Ertel-Keval ziemlich auflaufen. Rächen Sie sich in Ihrem Stück für alle dummen Fragen, die Ihnen im Laufe Ihrer Karriere in Interviews gestellt worden sind?

Nein, gar nicht. Es gibt immer wieder auch sehr schöne Interviews. Ich bin eben nur sehr zurückhaltend, sehr verschwiegen und mag es nicht, über meine Arbeit zu reden. Es gibt Leute, die das lieben. Ich nicht. Ich trete nicht im Fernsehen auf, spreche selten im Radio. Ich suche mir die Zeitungen aus. In einer idealen Welt würde ich das, was ich mache, überhaupt nicht kommentieren, das wäre wunderbar. Ich mache es, weil es erforderlich ist. Aber ich stehe der Presse nicht feindselig gegenüber. Ich verdanke ihr viel.

Es ist sicher nicht die Aufgabe von Schriftstellern, ihre eigenen Werke zu kommentieren. Interessiert Sie aber nie, wer das ist, der ein bestimmtes Buch geschrieben hat? Lesen Sie nie Interviews mit Kollegen?

Ich liebe die Gespräche mit Thomas Bernhard oder Borges, auch andere natürlich. Und ich bin froh, dass es sie als Buch gibt und ich sie heute lesen kann. Sie sind großartig. Aber diese kleinen Interviews, wo gefragt wird „Um wie viel Uhr fangen Sie mit dem Schreiben an?“ oder „Wie viele Kinder haben Sie?“, sind mir gleichgültig. Ich interessiere mich auch selten für die Meinungen, die Schriftsteller zur Weltlage haben. Wir sind keine Soziologen, Essayisten oder Propheten. Unsere Bücher sind voller Widersprüche und unerhörter Gedanken, und um genau die geht es doch in der Literatur und im Leben.

In Deutschland erscheint Ende August die Übersetzung Ihrer Bücher „Hammerklavier“ und „Nirgendwo“ in einer Ausgabe. Sind das Erzählungen? Autobiographische Fragmente? Notizen?

Ich würde sie am liebsten Momentaufnahmen nennen, Fotografien.

Und sind Sie einverstanden, wenn man das „Ich“ in diesen Texten für Yasmina Reza hält?

Absolut. Es sind ganz und gar autobiographische Texte.

Wenn also jemand etwas über Sie wissen will ...

... soll er das lesen, ja.

Es geht in diesen Texten um die nicht aufzuhaltende Zeit, wenn Ihr alter Vater Ihnen etwas auf dem Klavier vorspielen will, es aber nicht mehr schafft. Oder wenn Sie sich Ihren kleinen Sohn von hinten als alten Mann vorstellen, in einer Welt, in der niemand mehr weiß, wie Sie ihn als Kind so über die Maßen geliebt haben. Es sind Passagen, die einen beim Lesen sehr berühren und die einen ganz anderen Ton haben als Ihre Theaterstücke. Kann man in der Erzählung Dinge sagen, die im Drama unmöglich zu transportieren sind?

Das ist schwer zu sagen, weil ich in einem meiner Stücke, das ich persönlich am meisten mag, „Ein spanisches Stück“, sehr ähnliche Dinge sage. Der Unterschied liegt wohl eher in der Publikumssituation. Im Theater hört man den Text. Mit einem Buch ist man allein und liest.

Und man kann den Rhythmus selbst bestimmen, kann langsam oder schnell lesen.

Genau. Im Theater fliegt der Text vorbei. In den Stücken von Tschechow zum Beispiel gibt es Passagen über die nicht aufzuhaltende Zeit, die erschütternd sind. Man weiß das, weil man die Stücke immer wieder gelesen hat. Ehrlich gesagt hatte ich aber auch keine Lust, eine Figur zu erfinden, die in dieser Weise über ihre Kinder spricht.

Sie haben Nicolas Sarkozy, bevor er in Frankreich Präsident wurde, ein Jahr lang beim Wahlkampf begleitet und gesagt, dass dieses Jahr als Beobachterin in der Politik eines der interessantesten Jahre Ihres Lebens war. Inwiefern?

Zunächst einmal, weil ich lauter Dinge gesehen habe, die ich sonst niemals hätte sehen können. Wir sind durchs ganze Land gereist. Wir waren überall, in den Fabriken der Luftfahrt oder der Metallindustrie. Vor allem war es aber auch interessant, Menschen im Wahlkampf zu beobachten, insbesondere in jenem Wahlkampf, weil der Kandidat ein großer moderner Eroberer war. Oder die Mannschaft um ihn herum zu sehen, die wie ein Spieler noch ihr allerletztes Pulver verschoss. Für eine Schriftstellerin war das in vieler Hinsicht faszinierend.

Sie sind damals auch Barack Obama begegnet.

Ja, aber da war er noch nicht einmal Präsidentschaftskandidat. Er war ein angesagter Senator. Ein Mann mit Zukunft. Nachdem wir bei ihm waren, wir blieben mit Sarkozy ungefähr zwei Stunden in seinem Büro, habe ich zu Sarkozy gesagt: „Der wird mal Präsident der Vereinigten Staaten!“

Wirklich?

Sarkozy nahm mich damals beim Arm und sagte vor seiner ganzen Mannschaft: „Sie sagt das, weil er so gut aussieht. Man sollte Frauen eben kein Wahlrecht geben!“ In Wirklichkeit habe ich es gesagt, weil man sah, wie sehr Barack Obama für die Politik brannte. Man sah, dass dieser Mann sich für das höchste Amt vorbereitete, so sehr war er, auch physisch, vom Politischen durchdrungen. Einige Monate später, wir waren immer noch mit Sarkozy unterwegs, wurde Obama als Kandidat ins Spiel gebracht, und ich konnte triumphieren: „Siehst du, ich hatte recht!“

In Ihrem Buch „Frühmorgens, abends oder nachts“, das Sie über das Jahr im Wahlkampf geschrieben haben, beschreiben Sie den im höchsten Tempo agierenden Politiker, ständig in Bewegung, der eigentlich keine Zeit für Reflexion findet und dessen größter Feind unausgefüllte Zeit ist. Frauen spielen in dem Buch keine so große Rolle. Wenn man aber an Angela Merkel denkt ...

... Ich habe Sie auch kennengelernt.

Glauben Sie, dass jemand wie Angela Merkel auf die gleiche Art getrieben ist wie die männlichen Politiker, die Sie beschreiben?

Ich habe keine Gelegenheit gehabt, einflussreiche Frauen in der Politik näher zu beobachten. 2007 gab es einige Frauen im Umfeld des Kandidaten, unter anderen Rachida Dati, damals Sarkozys Sprecherin. Aber sie hatten keine Schlüsselpositionen inne. Also weiß ich nicht genau, ob es auf der Ebene von Angela Merkel oder Hillary Clinton genauso aussieht. Ich denke schon, bin mir aber nicht sicher.

Werden Sie zur Uraufführung von „Ihre Version des Spiels“ nach Berlin kommen?

Natürlich.

Das Stück wird von Stephan Kimmig inszeniert. Offenbar war Luc Bondy aber der Erste, der es aufführen wollte. Mit Ihnen in der Rolle der Schriftstellerin.

Luc hat mich das gefragt. Jeder hätte dann aber gedacht, Yasmina Reza wäre die Schriftstellerin. Also habe ich nein gesagt. Daraufhin hat er ein Vorsprechen mit Susanne Lothar gemacht. Ihr Tod hat mich sehr getroffen, das ist wirklich eine Tragödie. Aber bis zum Schluss wollte er es ohne mich nicht auf die Bühne bringen.

Er hätte Ihnen den Part der Journalistin anbieten sollen.

Das ist genau das, was ich ihm gesagt habe: Gib mir die Rolle der Journalistin!

Interview Julia Encke

Yasmina Reza: „Ihre Version des Spiels“. Libelle-Verlag, 85 Seiten, 12,80 Euro

Yasmina Reza: „Nirgendwo“. Hanser, 160 Seiten, 17,90 Euro. Beide Bücher sind von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt.

Quelle: F.A.S.
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