Mozarts Oper „Lucio Silla“

Warte, bis die Fetzen fliegen

Von Jan Brachmann, Brüssel
 - 14:28

Wer die Tage Allerheiligen und Allerseelen einmal auf dem Wiener Zentralfriedhof erlebt hat, weiß, wie lustig es dort zugeht. Man verproviantiert sich nicht nur mit Grabkerzen und Blumen, sondern auch mit Käsekrainern, Brezeln oder einem Becher Bier. Für die Süßmäuler gibt es Zuckerwatte. Der Besuch bei den Toten ist ein Fest, um sich des Lebens zu freuen. Dass hinter diesem kleinen Grenzverkehr auch ein sozialpragmatischer Tauschhandel steht, hat die Online-Omi Renate Bergmann jüngst auf den unsentimentalen Romantitel gebracht: „Wer erbt, muss auch gießen“.

Der ökonomische Sarkasmus ist indes nur die Schwundstufe einer regen Wechselbeziehung zwischen den Lebenden und den Toten, in welcher Gedächtniszuwendung mit Krafttransfer vergolten wird. Die australischen Aborigines versetzen sich singend in die „Traumzeit“ des „Einst“, um sich von den Ahnen die Lebensenergien für das „Jetzt“ zu holen. In Wolfgang Amadeus Mozarts früher Oper „Lucio Silla“ macht Cecilio das genauso: Er geht zur Nacht in eine Grabeshalle für die toten Helden Roms, und sie erscheinen ihm. Der Geist von Gaius Marius ist unter ihnen, des Vaters also von Cecilios Geliebter Giunia. Sie soll Roms Diktator Lucio Silla heiraten, den Erzfeind ihres Vaters. Da holt sich Cecilio von den Toten Mut zum Tyrannenmord.

Die Musik, die der sechzehnjährige Mozart in dieser Szene komponiert hat, ist erschreckend. Was sie mit ihren jähen Harmoniewechseln und den weit aufgerissenen Höllenschlünden der Blechbläser an Erregungspotential enthält, überführt der Dirigent Antonello Manacorda am Brüsseler Théâtre de la Monnaie mit Chor und Orchester des Hauses ins Erlebnis. Das Exterritoriale dieser Szene ist dirigentisch klug markiert durch die Grenzen der Umgebung.

Die Musik ist erschreckend

Manacorda legt es nämlich nicht auf den Dauerkitzel durch Dreisekundensensatiönchen an. Er ist völlig desinteressiert an den Überraschungsakzenten, Schreckpausen und Verblüffungsfermaten, mit denen andernorts Dirigenten den Opern Mozarts wie mit einem Defibrillator zu Leibe rücken. Proportion und Architektur sind in diesen Stücken stark genug, um Glück und Schock zu gewichten.

„Lucio Silla“ ist darin gewiss noch kein Meisterwerk. Zeitgenossen wie Johann Adolf Hasse oder Johann Christian Bach verstanden sich auf Balance und Kontrast damals besser als der junge Mozart. Aber Manacorda lässt in den Bravourarien, von denen es hier entschieden zu viele gibt, die Bässe federn und die Streicher perlen, dass ein festlich-schwungvoller Strom zu fließen beginnt, aus dem dann Szenen wie die Totenanrufung im ersten Akt oder die Accompagnato-Rezitative des Cecilio wie der Giunia im zweiten Akt herausragen. Man muss Stabilität und Ordnung beschrieben haben, um die Fetzen fliegen lassen zu können, wenn der Teenager plötzlich Sturm-und-Drang-Musik schreibt.

Manacorda war der Wunschkandidat

Manacorda war der Wunschkandidat von Barrie Kosky als neuer Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin. Das dortige Orchester hat ihn nicht gewollt. Für Peter de Caluwe, den Intendanten in Brüssel, ist das eine willkommene Gelegenheit, mit Manacorda eine ausgedehnte Mozart-Serie zu planen, die bis zu den drei Opern nach Libretti von Lorenzo da Ponte führen soll. Der Anfang mit „Lucio Silla“ verheißt Gutes.

Das Théâtre de la Monnaie ist gerade in sein historisches Stammhaus zurückgekehrt. Nach der Sanierung, die auf sechs Monate angesetzt worden war und dann mehr als zwei Jahre gedauert hat, ist die Bühne nun wieder auf dem neuesten Stand; bei den roten Samtsesseln muss man auch nicht mehr befürchten, dass sich eine Stahlfeder aus der Verankerung löst und den Gast an den Sitz fesselt. Foyer und Fassade aber warten noch auf ihre Auffrischung. Für das Grand Foyer hat der Berliner Bildhauer Alexander Polzin eine neue Skulptur geschaffen: ein tanzendes Paar, bei dem – in Umkehrung der traditionellen Rollen – die Frau den Mann stützt. Gewidmet ist das Kunstwerk dem Andenken an den früheren Intendanten Gerard Mortier, der von Brüssel aus begonnen hatte, die europäische Opernszene zu beflügeln. Über die Eigenbedeutsamkeit der Skulptur hinaus geht es also erneut um transzendenten Krafttransfer.

Die Stimmen glühen vor Wärme

Tobias Kratzer, momentan viel gefragt als Regisseur, hat neben seiner Arbeit an der aktuellen Karlsruher „Götterdämmerung“ in Brüssel „Lucio Silla“ inszeniert und sich von Rainer Sellmaier aus Glas und Beton einen drehbaren Waldbungalow bauen lassen, der an Ferienhäuser von Staatsführern erinnern soll. Politische Strukturen des Handelns aber finden darin kaum Gestalt. Was Kratzer interessiert, ist die Sexualpathologie des Diktators als Privatperson. Silla steht auf Blut. Wenn Giunia ihre Beine rasiert und sich an der Wade ritzt, kann sich der begehrende Mann auf dem Video der Überwachungskamera den Moment des Blutaustritts gar nicht oft genug ansehen. In einem Aktfinale beißt er sie auch in den Hals; und das Puppenhaus, mit dem Sillas Schwester Celia spielt, ist dem Haus der Vampirsfamilie in den „Twilight“-Filmen („Biss zum Morgengrauen“) abgeschaut. So weit, so unklar.

Ilse Eerens als Celia und Carlo Allemano als Palastdiener Aufidio hätten bei ihrem engagierten Gesang erfindungsreichere Vorgänge zum Spielen verdient. Jeremy Ovenden als Silla sorgt hingegen weniger durch seinen oratorischen Tenor für Spannung als durch seinen szenischen Voyeurismus. Bei Simona Šaturová als Mitverschwörer Lucio Cinna gewinnt die leichte, koloraturfähige und präzise Stimme erfreulicherweise mehr und mehr an Kraft. Ganz ausgezeichnet aber sind der feurige, intonationssichere Sopran von Lenneke Ruiten als Giunia und der kraftvolle, höchst bewegliche Mezzosopran von Anna Bonitatibus als Cecilio. Beide lassen ihre Brillanz aufblitzen, zeigen aber in der Abschiedsszene des dritten Akts endlich auch ihre lyrischen Qualitäten, für die es in dieser Oper zu selten Gelegenheit gibt. Manacorda schafft ihnen an dieser Stelle klug den Raum, in dem ihre Stimmen nicht mehr glitzern müssen, sondern vor Wärme glühen dürfen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
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