James Blunt in Frankfurt

Ganz anders als erwartet

Von Michael Köhler
 - 11:25

Verstehe einer die Herren Künstler. Während Marius Müller-Westernhagen auf seiner aktuellen Tournee die Festhalle abermals verschmäht, kriegt James Blunt sich vor Lobhudelei über den Prachtbau an der Frankfurter Messe gar nicht mehr ein: „Das ist die schönste Konzerthalle, in der ich je spielen durfte“, schwärmt der Brite ein wenig übertrieben. Und vergisst dabei völlig, dass er in der Halle schon mehrfach zu Gast gewesen ist. Aber im Rausch des Auftritts kann so etwas ja mal passieren. Und weil Blunt so hemmungslos seine Liebe zum alten Gemäuer ausdrückt, wird er intensiv zurückgeliebt. Vom ersten Ton des rockig rasanten Einstiegssongs „Heart To Heart“ an hat er nicht nur sein Publikum, sondern auch die Klangbalance der sonst so schwierigen Festhalle fest im Griff.

Weitere Überraschungen hat der von vier Begleitern unterstützte Musiker, dessen Debütalbum „Back To Bedlam“ sich vor dreizehn Jahren elf Millionen Mal verkaufte, vor allem für die Besucher parat, die ihn als säuseligen Singer-Songwriter abtun. Im Verlauf des Abends zeigt Blunt sich an der E-Gitarre, der Akustikgitarre und gelegentlich auch am Klavier als energiegeladenes Kraftbündel, hemmungsloser Animateur und zum Plausch aufgelegter Entertainer. „Meine Deutsch ist nicht so gut, ich kann sagen danke, dankeschön und vielen Dank, das ist alles“, stellt er charmant fest und baut darauf, dass seine zum Teil etwas ausführlicheren Anmerkungen von sämtlichen Anwesenden in der komplett bestuhlten Arena schon verstanden werden.

Auch Politik spielt eine Rolle

Etwa dann, wenn er vor „Someone Singing Along“ anmerkt, es handele sich um einen Song über Donald Trump, die Amerikaner und ihre Selbstherrlichkeit. Die Bilder auf der gigantischen Projektionsfläche sprechen eine noch deutlichere Sprache. Die in tristem Schwarz-Weiß gehaltene Kamerafahrt zeigt zum Song zerbombte Städte im Irak und in Syrien. Noch mehr erschüttern die Gesichter der mit dem Leben davongekommenen, aber obdachlos gewordenen Bewohner. Harter Tobak.

Doch in Blunt schlummert nicht nur ein Aufklärer. Ganz gegen sein Image lässt er gerne auch den Rocker raushängen. Der üppige Querschnitt durch sein Werk beginnt rund um das aktuelle Album „The Afterlove“ häufig sanft, bevor er sich zu gewaltigen Stadionrockhymnen entfaltet. Immer wieder durchmisst der Absolvent der Militärakademie von Sandhurst, der als Hauptmann seinen Abschied von der Armee nahm, das in Weiß gehaltene Bühnenambiente. Zu Scherzen ist er ebenfalls aufgelegt. Nach dem mit jeder Menge Kitsch verabreichten Superhit „You’re Beautiful“, bei dem sich die Pärchen im Saal regelrecht ineinander verkrallen, klärt er das verdutzte Publikum auf: „Dieser Song handelt von einem Stalker, ein ganz übler Typ.“ Als eher gewöhnungsbedürftig erweist sich für das Publikum, das seine eigenen Erwartungen mitgebracht hat, anschließend die von Blunt für den Osnabrücker DJ und Produzenten Robin Schulz komponierte House-Ode „OK“ – ein absoluter Tanzflächenfüller, der ihm in seiner Wahlheimat Ibiza einfiel.

Blunt hält das Publikum ganz schön auf Trab. Mal soll es im Stehen, mal im Sitzen Songs wie „High“, „Wisemen“, „Same Mistake“, „Carry You Home“ und „Goodbye My Lover“ lauschen. Mal möchte Blunt sämtliche Lichter der Smartphones sehen, mal zieht er kuscheliges Dunkel vor. Der Familie ist „Make Me Better“ gewidmet, Blunts Hochzeitstag schildert „Time Of Our Lives“, beide in Zusammenarbeit mit Ed Sheeran entstanden. Im Zugabenteil folgt „Bonfire Heart“ auf „Don’t Give Me Those Eyes“. Vorher aber entfährt einem vor Glück überschäumenden Blunt noch der schwarzhumorige Satz: „Wir könnten mit einem fröhlichen Song enden, doch da ich ich bin, enden wir mit einem unglücklichen.“

Quelle: F.A.Z.
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