Musik in der Adventszeit

Weihnachten ist eine Sache der Stimmung

Von Jan Brachmann
 - 15:44

Er kommt herab, gewiss, aber er zieht uns auch hinauf. Acht Töne reichen, und weg ist der Boden unter unseren Füßen. Wir schweben. Geschenkte Schwerelosigkeit, abgeworfene Last, wir selbst können nichts dafür. Dreimal der Grundton, als Anlauf vielleicht, dann der Sprung zur Quinte, schon gelingt der Flug, durch die große Sexte hindurch aufwärts bis zur kleinen Septime; wir lassen uns eine Terz tiefer fallen, landen mitten in die Quinte – und siehe: Sie trägt.

Er, der herabkommt und uns doch zu sich zieht, ist der Bote, der Erzengel Gabriel: „Marien wart ein bot gesant/ vom himelrich in kurzer stunt“, beginnt das alte Lied aus dem vierzehnten Jahrhundert. Die Melodie kennt keine Leittöne; ihr dorischer Modus lässt mehrere tonale Zentren zu. So kann man sich das alles rational erklären mit dem Schweben, mit der vage gewordenen Gravitation. Aber es ist doch ein Wunder, das erfahren werden will und das über uns kommt, wenn Schwesterhochfünf das singt.

Schwesterhochfünf – das sind fünf Frauen aus Frankenland. Tschuschke heißen sie allesamt mit Nachnamen, ihre Vornamen lauten Monika, Agnes, Franziska, Maria und Cordula. Am Bamberger Dom hat man sie schon als Kinder das Singen gelehrt. Mühelos und rein sind ihre Stimmen, der Atem ist klug geführt und groß. In geschwisterlicher Innigkeit werden die fünf eins, und dann und wann gesellt sich Bruder Hans dazu, mit „seinem samtigen Bass“, wie Schwester Franziska im Beiheft schreibt. „Marien wart ein bot gesant“ sollte man eigentlich Ende März singen, zum Fest Mariä Verkündigung. Hier steht es als Nummer vierzehn in einer ganzen Reihe mit Adventsliedern. Die meisten von ihnen sind Teil des Evangelischen Gesangbuches.

Eine sanfte Mahnung gegen den Leistungsdruck

Die Schlichtheit dieser CD ist es, die heilsam bestürzt. Keine kandierten Melodien, kein Lametta glitzernder Arrangements, nur fünf, sechs reine Stimmen. Die Nummer eins, „Macht hoch die Tür“, wird bloß einstimmig gesungen. Freundlich, zart, in milden Hall entrückt, rufen sich die fünf Frauen die einzelnen Verse zu, fast wie im Gesang einer Gregorianischen Schola. Zu vielen der alten Lieder aber haben sich die fünf Schwestern neue Sätze schreiben lassen. Uwe Henkhaus zum Beispiel lässt Maria nicht nur durch einen Dornwald gehen, sondern durch einen mystischen Mittelstimmennebel wie durch Einsamkeit im Spätherbst. Henkhaus rückt den alten Weisen nicht auf den Leib. Vielmehr unterstreicht er – fast paradox – deren Kargheit. Für „Marien wart ein bot gesant“ findet er einen Satz in Quartharmonik, der an die Motetten des vierzehnten Jahrhunderts erinnert, als die Terz noch nicht von allen Theoretikern als Konsonanz anerkannt war.

Umstandslos und ernst, mit einem Eifer, der den Lärm scheut, wird hier das gesungene Wort zwischen Erde und Himmel hin und her geschickt. „Ihr sollt euch nicht bemühen, noch sorgen Tag und Nacht“ – diese sanfte Mahnung gegen Leistungsdruck, Selbstüberforderung, Geschäftigkeit aus Paul Gerhardts Lied „Wie soll ich dich empfangen“ klingt still durch die ganze CD hindurch.

Die Freude am drastischen Bild

Es ist Adventszeit. Und alle Welt hat den Mund voller Lieder. Wer jetzt keinen Chor hat, sucht sich keinen mehr. Wer jetzt allein singt, lässt es wohl so bleiben. Und wer nicht singen will, muss hören. Zum genauen Hören vor allem lädt die CD „In dulci jubilo“ mit weihnachtlicher Musik rund um Dietrich Buxtehude vom Ende des siebzehnten Jahrhunderts ein. Das in Kopenhagen beheimatete Theatre of Voices unter der Leitung von Paul Hillier hat darauf erstaunliche Stücke versammelt: etwa von Christian Geist, der als Deutscher im schwedischen Göteborg wirkte, oder von Johann Christoph Bach, dem Onkel Johann Sebastians, von dem eine Kantate in einer Abschrift über Buxtehude bis in die königlich-schwedische Bibliothek zu Buxtehudes Freund Gustav Düben gelangt war. Es ist ein Stück, das ziemlich gute Laune macht: Christus kommt zu Besuch, die Diele wird geräumt, weil man Beinfreiheit braucht. Martin Luthers Choral „Vom Himmel hoch“ wird zur Tanzweise: „Bist willkommen, du edler Gast! Den Sünder nicht verschmähet hast.“ Luthers Überzeugung, dass „Christus nirgends als bei Sündern wohne“ und man sich daher hüten solle, ganz rein und ohne Sünden sein zu wollen, wird hier musikalisch in körperliche Lust überführt.

Neben dem feiernden Leib steht beim alten Bach-Onkel die Freude am drastischen Bild. „Ach! Herr, du Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering, dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Rind und Esel fraß“, lautet der fünfte Vers. Bach schreibt für die Worte „und Esel“ einen wiederholten Sprung, der – „und E, und E, und E, und E“ – das Wiehern des grauen Huftiers anschaulich wiedergibt. Die Sänger des Theatre of Voices bremsen keineswegs ihre Freude daran, die kreatürliche Empfangsgemeinschaft von Mensch und Tier bei dieser göttlichen Offenbarung auszumalen.

Als würden die Hirten Menuett tanzen

Der Neffe Johann Sebastian Bach hat dieses Stück gekannt und geschätzt, wenngleich er selbst in seinem Kantatenkreis, den wir „Weihnachtsoratorium“ nennen, weniger drastische Mittel einsetzt. Weihnachten ohne Weihnachtsoratorium sei „nur die halbe Wahrheit“, lesen wir im Kommentar zur Bearbeitung des Stücks durch das Hamburger Ensemble Resonanz (Resonanzraum Records, RRR 001). Aber warum dann dieser „ganzen Wahrheit“ die Hälfte der Musik weggeschnitten wird und der verbleibenden Hälfte mit Keyboard und E-Gitarre auf die Krücken geholfen werden muss, das versteht man nicht. Der Eingangschor klingt in diesem Arrangement wie der Sound-Chip eines Deutschland-Souvenirs aus Pressplastik, made in Taiwan. Hübsch aber ist die Sinfonia, die Einleitung zur zweiten Kantate, geworden, mit Keyboard, E-Gitarre und gedämpfter Trompete, ganz so, als sei Miles Davis auf dem Oberhofer Bauernmarkt gelandet, um mit einem Thüringer Zitherbarden das Lied von der Saalfelder Grottenfee anzustimmen.

Hans-Christoph Rademann hat mit der Gaechinger Cantorey und ganz vorzüglichen Solisten (vor allem Sebastian Kohlhepp als Evangelist) Bachs komplettes „Weihnachtsoratorium“ aufgenommen. Die besagte Sinfonia wiegt sich bei ihm so schnell, als würden die Hirten Menuett tanzen. Auch der Eingangschor prescht rasch und zackig drauflos; ein wenig wirkt die Freude hier anbefohlen: „Jauchzet! Frohlocket!“ Brillanz, Beweglichkeit, große Sorgfalt in der Artikulation sind im Orchester zu bewundern; dem Solo-Alt von Wiebke Lehmkuhl hört man immer gern zu. Die Choräle sind beredt und wohltuend schlicht.

In einer fragilen Balance

Im neunzehnten Jahrhundert wird Weihnachten zu einer Sache der Stimmung: Winter, Tannenbaum, Familie schieben sich vor menschliche Schuld und Gottes Selbsterniedrigung. Diesen Bedeutungswandel fängt eine CD des Berliner Pianisten Peter Froundjian sehr schön ein: „Christmas Piano Music“ überführt Weihnachten schon durch die Wahl des Instruments, des Klaviers, aus der Kirche in eine intim-bürgerliche Welt. Froundjian, der seit über dreißig Jahren das Festival „Raritäten der Klaviermusik“ in Husum leitet, hat auch hier verborgene Kostbarkeiten aufgespürt, die von einer Vielfalt zeugen, die sich im Konzertleben seit langem nicht mehr abbildet. Ferruccio Busonis „Sonatina in diem Nativitatis“, vor genau hundert Jahren vollendet, ist genauso dabei wie Carl Nielsens gedanklich dichter, im Gestus schlichter „Traum von ,Stille Nacht‘“.

Glockenklang und Kirchenlieder werden in vielen dieser Stücke von Sergej Ljapunow oder Charles Koechlin zu einer Art von innereuropäischem, historisch gewordenem Exotismus innerhalb einer modernen Reflexionskultur. Auch das Kinderlied erscheint als biographisches Refugium vor einer repressiven Säkularität, als musikalischer Schutzraum des Glaubens. Froundjian geht äußerst achtsam und genau mit dieser Musik um: hält das Malerische und das Zeichnerische, Linearität und Stimmung, in einer fragilen Balance. In dem Stück „Schneeflocken“ des Finnen Selim Palmgren liegt großer Zauber, aber auch Melancholie: Die schwebenden Himmelsboten haben das Ressort gewechselt – von der Theologie zur Meteorologie.

Adventslieder. Schwesterhochfünf. Rondeau ROP6128 (Naxos)

In dulci jubilo. Music for the Christmas Season by Buxtehude and friends. Theatre of Voices, Paul Hillier. Dacapo 6.220661 (Naxos)

Christmas Piano Music. Peter Froundjian (Klavier). Sony Classical 88985380162 (Sony)

Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium BWV 248. Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann. 2 CDs Carus 83.312 (Note 1)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
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