Rias Kammerchor mit neuem Chef

Wie die Sprache Bild und Leib wird

Von Jan Brachmann
 - 14:48

Fenstersimse, Treppenstufen, Stehplätze mit garantiert hundert Prozent Sichtbehinderung – für alles könnte der Rias Kammerchor an diesem Abend Karten im Pierre-Boulez-Saal in Berlin verkaufen. Die Leute stehen auf der Behrenstraße vor dem Haus und flehen um Einlass. Aber nichts zu machen: Das Antrittskonzert von Justin Doyle als neuem Chefdirigenten dieses europäischen Spitzenensembles ist ausverkauft. Restlos.

Fußboden und Gänge müssen frei bleiben, weil sich der Chor, die Solisten und die Capella de la Torre, geleitet von Katharina Bäuml, fortwährend bewegen und das Oval des Raumes mit seinen zwei geschwungenen Rängen immer neu gliedern durch Klangachsen, Echos, Diagonalen, wechselnde Fluchtpunkte der Hörperspektiven. Vieles davon legt Claudio Monteverdis „Marienvesper“, die hier erregend zur Aufführung kommt, nahe. Den Chor, der seit fast siebzig Jahren zur Stadt gehört, auf neue Weise in deren Mitte sichtbar, hörbar zu machen, das ist seinem Direktor Bernhard Heß mit diesem Ort und dem neuen, ehrgeizigen Dirigenten auf jeden Fall gelungen.

Der Inhalt schafft sich sein Format

Und zwar fernab eines bloß äußerlichen Events, fern der Hysterie um neue „Formate“, die oftmals nur die Langeweile, das Desinteresse an tradierten Inhalten, die Unlust gegenüber einer geistigen Kunstanstrengung verdeckt. Hier ist thematisch, absolut werkzentriert, vorgedacht worden, ohne Rücksicht auf den Hedonismus urbaner Flaneure. Monteverdis 450. Geburtstag – sein Tauftag fällt übrigens auf den gleichen Tag wie der Geburtstag des 408 Jahre jüngeren Doyle – wird dieses Jahr allerorten gefeiert. Deshalb hat Winrich Hopp als künstlerischer Leiter des Musikfestes Berlin, zu dem auch dieses Chorkonzert gehört, Monteverdi zum Ausgangspunkt des Gesamtprogramms gemacht, von dem aus erkundet wird, wie das Ringen um die Sprachhaftigkeit von Musik – die Formung eines Klangleibs für Prosodie und Grammatik, für Rhetorik und Affekt, für Bild und Geste – bis in unsere unmittelbare Gegenwart, zu Mark Andre und Salvatore Sciarrino, reicht.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Doyles Antrittskonzert ist im Grunde ein Doppelkonzert. Es widmet sich einer spektakulären Publikation aus dem Jahr 1610, mit der sich Monteverdi bei Papst Paul V. für vatikanische Dienste empfahl. Sie enthält die große „Marienvesper“ und eine Messe, deren thematisches Material sich ebenfalls auf eine Marienmotette des sechzehnten Jahrhunderts stützt. Die Vesper, im Boulez-Saal zu hören, folgt dem damals modernen Ideal der „seconda prattica“, wonach die Musik ein Klangbild sichtbarer Vorgänge und menschlicher Leidenschaften malen könne. Die Missa „In illo tempore“ aber ist der Beweis, dass Monteverdi auch den alten Stil, die „prima prattica“, beherrschte, die Vokalpolyphonie in der Prägung Palestrinas: textverständlich, kunstvoll, klangschön, ausbalanciert, aber von allen Erdenresten der Leidenschaft und Bildhaftigkeit gereinigt. Diese Messe ist im Anschluss in der unmittelbar benachbarten Hedwigs-Kathedrale, Berlins größter katholischer Kirche, zu hören.

Glaube mit Hüftschwung

Doyle, der in Leeds, seiner englischen Heimat, auch Opern dirigiert, stachelt in der „Marienvesper“ das Drama an. Wenn es heißt „Suscitans a terra inopem“ (Den Ohnmächtigen richtet er auf), dann trifft der Chor nicht einfach eine Aussage. Die aufsteigende Linie malt den Vorgang des Aufrichtens nach, aber der Gestus des Singens, der Anapäst der Deklamation sagt zugleich: „Da, seht! Das ist doch unglaublich!“ Im „Lauda Jerusalem“ gibt Doyle – ein großer Afrika-Freund, der mit seiner Frau zwei äthiopische Kinder adoptiert hat – dem Rhythmus des Lobs den Hüftschwung des Tanzes. Das ist ein Glaube, der feiern kann; und gewiss ist dieser Psalm 147 seinem Ursprung nach ein fröhlicher Reigen gewesen.

Ohne Zweifel: Monteverdi war ein Mann der Gegenreformation, die mit sinnlicher Verlockung die Gläubigen bei der alten Kirche zu halten suchte. Man hört immer wieder, wie sehr des Lebens bunte Fülle an die alte Überlieferung rückgebunden bleibt, wenn mitten im üppigsten Satz des „Laetatus sum“ die Chorfrauen den alten Choral dagegenhalten, in strahlender Noblesse verstärkt von Katharina Bäuml an der Schalmei, wie sich überhaupt die Capella de la Torre durch Geschmeidigkeit und höchste Klangverfeinerung des Renaissance-Instrumentariums auszeichnet. Nur hat auch Monteverdi nicht verhindern können, dass sich die Lutheraner – besonders dank Heinrich Schütz – all diese Pracht angeeignet haben. So ist dieses Konzert auch die logische Fortsetzung des Programms „Da pacem, domine“, in dem der Rias Kammerchor zusammen mit der Capella de la Torre bereits seit November an vielen Orten im Lande zeigt, wie katholische und lutherische Kirchenmusiker im Nachklang der Reformation voneinander lernten, wie bei den Katholiken die Wortverkündigung neue Eminenz gewann, wie die Lutheraner sich die moderne Rhetorik der Klänge im Handumdrehen aneigneten. Man kann es auch auf der gleichnamigen CD nachhören.

Den modernen Zeiten verschließt sich selbst Monteverdis Missa nicht. Durch den enormen Hall der Kuppel verstärkt, hört man in der Hedwigs-Kathedrale, dass die Bassschritte am Ende des Glorias bereits ein Denken in den Funktionen der modernen Kadenz verraten und dass die Sequenzmelodik im Sanctus so regelmäßig periodisiert wirkt wie die Vertonung volkstümlicher Reimdichtung.

In der Messe kommen die Stärken des Rias Kammerchores – Homogenität, fließender Atem, großräumige Farbwechsel – glänzend zur Geltung. In der Vesper aber zeigt Doyles lebhafte, gelegentlich theatralische Gestik schnellere Wechsel der Lautstärken an, als sie tatsächlich zu hören sind. Manchmal piekst sein Finger auf den Halteton einer Stimme, den er akzentuiert wissen will, weil der Ton gleich zur wichtigen Vorhaltsdissonanz werden wird. Doch der Akzent bleibt eher sicht- als hörbar. Die Wechsel dynamischer Führungspositionen im Chor könnten plastischer sein. Da liegt noch Verständigungsarbeit vor dem neuen Chef und seinem Ensemble, zumal Doyle eine Liebe für ältere Musik hegt, etwa jene der spanischen Renaissance, mit welcher der Chor vergleichsweise wenig Erfahrung hat. Aber ein schöner Anfang ist gemacht, voller Sinn und Kraft.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBerlin