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Kafka am Deutschen Theater

Von Mädchen verprügelt, von Gaunern bestohlen

Von Simon Strauss
 - 09:20
Ein Lulatsch unter Minigolfern: Dusan David Parizek inszeniert Kafkas „Amerika“ am Deutschen Theater Berlin. Bild: Joachim Fieguth, F.A.Z.

Drei Lichtblicke an einem ziemlich düsteren Abend: Da ist vor allem Ulrich Matthes als Oberkellner Isbary, in samtroter Hotelboy-Uniform mit glänzenden Knöpfen und Kappe. Wie er seinem neuen Lehrling Karl mit scharfen Gesten dessen zukünftiges Arbeitsleben als Liftboy erklärt, wie er ihm das Seilziehen und Trinkgeldabgreifen vormacht und dabei eine kompromisslose Disziplin verkörpert. Seine Stimme ist nur ganz leicht gefärbt, eine Mischung aus britischem Butler-Sound und tschechischer Oberlehrerstrenge, die Körperhaltung ist schnurstracks, als wollte sie sagen: Das Leben ist erst einmal Form und äußerer Anstand – um das Innere kümmern wir uns später, falls noch Zeit bleiben sollte.

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Und dann ist da die Schreibmaschinistin Therese, gespielt von Regine Zimmermann, die seit dieser Spielzeit wieder fest im DT-Ensemble ist. Wie sie sich vorn an der Bühne hilflos auf eine Bank setzt, die Oberschenkel aneinanderschlägt und mit leicht sächsischem Unterton lospalavert. Sie ist besessen von einem atemlosen Selbstzweifel, zuckt beim Zuhören zusammen und will im Grunde nur über sich sprechen. Alles andere macht ihr viel zu viel Angst. Ebenso wie die Erinnerung an den tödlichen Sturz ihrer Mutter von einem Baugerüst. Das Letzte, was sie von ihr sah, waren ihre „ausgestreckten Beine“. Und von oben brüllte ärgerlich ein Bauarbeiter herunter. Diese junge Frau ist eine Leidensfigur, der man sofort auf die Beine helfen, die man umarmen und festhalten will.

Und schließlich Edgar Eckert als liebreizend-ungehobelter Gauner Robinson. Dieser Schauspieler ist eine wirkliche Entdeckung: Wie er mit rauher Stimme und teuflischer Ambiance das Defekte an dieser Figur herausarbeitet – immer läuft die Nase, immer staut sich der Schweiß auf der Stirn –, das ist wegen seiner unerbittlichen Direktheit eindrucksvoll. Eckert dampft den sozialen Status seiner Person regelrecht heraus. Sein Körper echot die brutale Vulgarität seiner Rede. Dieser junge Schauspieler hat, was heute vielen fehlt: Instinkt.

Drei Lichtblicke an einem ansonsten schwächlich-düsteren Abend. Kafkas 1912 entstandene Parabel-Geschichte vom jungen Europäer Karl, der, von seinen Eltern verstoßen, nach Amerika kommt, dort von einem Unglück, einer Misshandlung zur nächsten stolpert und schließlich im überirdischen Theater von Oklahoma eine Anstellung findet, wird hier so sorglos erzählt, als handele es sich um eine Räuberpistole. Nichts wird deutlich von der gefährlichen Grundstimmung, der permanenten, Clockwork-Orange-haften Gewaltandrohung in Kafkas Erzählung. Eigentlich ist dieser unschuldige Schmerzensjunge Karl ja andauernd dem Urbösen ausgeliefert, wird beschimpft, begrapscht und belogen, von Mädchen verprügelt, von Gaunern bestohlen und von Portiers vergewaltigt. Er ist ein geknechteter Schicksalsgeschlagener, der seine Peiniger beschämt, weil er sich nicht wehrt, nicht aufbegehrt, sich seine moralische Unschuld durch Aushalten bewahrt.

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Marcel Kohler gibt diesen Karl jedoch als frischgebackenen langen Lulatsch in Vaters Jackett, glattrasiert und gut erzogen. Keine Ängstlichkeit steckt in seinen langen Gliedern. Nicht zuletzt seine Körpergröße lässt ihn unnatürlich souverän wirken, immer ist er einen Kopf größer als alle anderen. Ein aufrechter Basketballer, umringt von geduckten Minigolfern. Das könnte als widerständiges Element interessant sein, aber dem Regisseur fällt jenseits des plakativen Mottos „Groß, und doch unterlegen“ nichts weiter dazu ein.

Die Regieführung beschränkt sich im Wesentlichen darauf, die Figuren als Schablonen auf- und abtreten zu lassen. Parizek hat keinen Sinn für die surreal-skurrilen Untiefen des Textes und für seine metaphysischen Exkurse schon gar nicht. Alles, was ihm einfällt, ist ein bisschen Schattenspielerei und müdes Stationendrama. Keine brachiale Aktualisierung, aber eben auch keine überzeitliche Energie bietet dieser Abend. Er geht vorbei, als wäre nichts weiter geschehen.

Man kann Kafka nicht einfach vom Blatt spielen. Was er schildert, ist ja nie einfach nur Handlung. Es sind immer kleine gefährliche Gleichnisse, auf die man zwischen den Zeilen stößt. Wenn man sie übergeht und nur das pure Geschehen wahrnimmt, bleibt nicht viel mehr übrig als ein harmlos-sarkastischer Comicstrip. „Es gibt kein Haben, nur ein Sein“ zitiert Karl am Schluss noch einmal einen Kafka-Aphorismus. Das ist das Versagen dieses Abends: Dass nur zitiert, nur aufgesagt wird, was eigentlich in Bildern und Bewegungen, in Stimmlagen und Gesichtern erlebt werden müsste.

Quelle: F.A.Z.
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