Brecht am Berliner Ensemble

Grusche und ihr georgischer Crooner

Von Hubert Spiegel
 - 14:39

Als Brecht im Sommer 1953 davon erfuhr, dass das Theater am Schiffbauerdamm dem Schauspielensemble der Kasernierten Volkspolizei der DDR überlassen werden sollte – das Zentralkomitee der SED hatte einen entsprechenden Beschluss bereits bestätigt – gründete er kein Besetzerkollektiv, berief keine Vollversammlung ein, ließ keine Transparente und Wandzeitungen malen, engagierte keine Bolschewistische Kurkapelle, kaufte kein Bier, machte keinen Roten Salon zur Disco, kündigte weder Pressekonferenzen noch Tanz- oder Plenarveranstaltungen an, sondern intervenierte bei Otto Grotewohl, dem damaligen Ministerpräsidenten der DDR, der den Beschluss kurzerhand rückgängig machte. Brecht bekam sein Theater. So hat man das damals gemacht, als der Sozialismus in Deutschland noch jung war.

Gute sechzig Jahre später schleicht Berlins Regierender Bürgermeister allein durchs Foyer des Berliner Ensembles, begleitet nur von drei vermutlich zu allem entschlossenen Bodyguards, und sieht aus, als würde er hoffen, von niemandem auf die Besetzung der Volksbühne angesprochen zu werden. Während sich drüben die Party des Besetzerfähnleins mit dem ambitiösen Namen „Staub zu Glitzer“ langsam warmläuft, unter den wachsamen Augen von „Awareness-Teams“, wohl einer Art Blauhelm-Truppe mit Deeskalations-Auftrag, hebt sich am Bertolt-Brecht-Platz 1 gleich der Vorhang für den „Kaukasischen Kreidekreis“, inszeniert von Michael Thalheimer. Er hat das Stück mit seinen ursprünglich fast 150 Rollen so lange entschlackt, bis fast nur noch Grusche-Gräten übrig geblieben sind.

Bühnenbild kurz vor der Premiere gestrichen?

Das Vorspiel, in dem es um die Nutzung eines fruchtbaren Tals in Georgien geht, ist gestrichen, ebenso der größte Teil der Figuren. Der „Sänger“, der als Erzähler und Kommentator agiert, steht zunächst mit dem Rücken zum Publikum, während Kalle Kalimas Rockgitarre von Hendrix bis Leonard Cohen aus den Archiven schöpft.

Die Bühne ist leer, aufgerissen bis zur Brandmauer. Weil in Berlin alles sehr laut ist, auch das Gemunkel, hat sich herumgesprochen, der Regisseur habe das geplante Bühnenbild von Olaf Altmann kurz vor der Premiere ersatzlos gestrichen. Jetzt gliedert Licht den kahlen Raum: Hinten stehen die Schauspieler, warten auf ihren Einsatz, lösen sich langsam aus dem Dunkel und kommen nach vorn, zur Rampe, wo Stefanie Reinsperger als Küchenmädchen Grusche Vachnadze den größten Teil der gut hundert Minuten währenden Aufführung verbringt.

Ensemble kann nicht über alles hinwegtrösten

Ob Peter Luppa als Gouverneur Abaschwili arg genüsslich geköpft wird oder Ingo Hülsmann als „Sänger“ sein Standmikrofon bearbeitet wie ein cooler georgischer Crooner, Stefanie Reinsperger steht fast immer im Spotlight, die nackten Arme und Beine mit dem Blut des geköpften Gouverneurs beschmiert, dessen Neugeborenen sie an sich nimmt, um den Erben des Toten vor den mörderischen Panzerreitern in Sicherheit zu bringen.

Wo alle sich immer nur selbst die Nächsten sind, ist Grusche, die Magd, die Verkörperung der überforderten Menschlichkeit. Sie tut, was getan werden muss, auch wenn es über ihre Kräfte geht. Sie ist die Geringste, Schwächste und rettet den Säugling – denn das Kind ist noch schwächer als sie. Niemand hilft ihr, weder Carina Zichner als Köchin noch die Bauersfrau, die Sascha Nathan als grobschlächtigen Jammerknochen gibt, bevor er Grusches Bruder Lavrenti spielt: ein schamloser Schwamm, bigott bis in die karierten Filzpantoffeln. Nathan, Nico Holonics als Grusches Verlobter Simon Chachawa und Veit Schubert als „sterbender Bauer“ spielen ausgezeichnet, aber das insgesamt gute Ensemble tröstet nur ein wenig darüber hinweg, dass nicht recht erkennbar wird, was Thalheimer heute noch an Brechts wenig subtiler, aber keineswegs harmloser Fabel interessiert.

Das Schicksal der kleinen Leute macht die Inszenierung stark

Vollends unklar wird das, wenn Tilo Nest als Azdak die Szene betritt. Der Mönch, der zum Richter wird, sich die Tasche füllt, aber dennoch als Fürsprecher der armen Leute gilt, steht minutenlang auf einem Stuhl, unter dem Morgenrock nur eine lange Unterhose, grimassierend, brabbelnd, mehr Kleists Adam als Brechts Azdak. Auf dem Kopf hat er statt der weißen Perücke des Richters eine wie ein Soufflé in sich zusammengefallene Bojarenmütze, eigentlich kaum mehr als ein schwarzgelockter Webpelz. Das alles soll wohl auf den Gottesnarren abzielen, kommt aber über einen bekifften Pudel nicht hinaus. Den Kreidekreis zieht dieser Richter mit dem Blut, das zuvor über ihm ausgegossen wird – warum auch immer.

Thalheimer setzt Effekte – mit der Musik von Bert Wrede, dem Licht von Ulrich Eh und Ingo Hülsmanns Einlagen als „Sänger“. Wirklich stark ist seine Inszenierung aber nur, wenn Grusche und Nico Holonics als ihr vom Krieg geschundener Verlobter Simon um ihre aussichtslose Liebe kämpfen. Große Gefühle sogenannter kleiner Leute, ins Tragische gewendet. Diese Grusche hat Mut, nicht nur weil sie das Kind rettet, sondern Mut zu Barmherzigkeit, Naivität, Aufrichtigkeit und Güte in einer Welt, die all dies verhöhnt und als Schwäche ausnutzt.

Stefanie Reinspergers Grusche ist ein großes Kindkalb mit langen blonden Zöpfen, eine Leidensfigur mit schnell trocknenden Tränen, berührend in ihrem Schmerz wie in ihrer energischen Sanftmut. Am Ende ist sie allein mit dem Kind, das ihr der bekiffte Pudel Azdak zugesprochen hat. Zusammengerollt auf einem Stuhl, das Kind fest an sich gepresst, geschunden und zerschlagen, als würde sie jetzt, im Moment des Triumphs, von ihren letzten Kräften verlassen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert (igl)
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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