„Kinder der Sonne“ in München

Das Glück ist keine Eiweißverbindung

Von Jürgen Kaube
 - 21:42

Draußen herrschen Armut, Suff und Cholera. Drinnen herrschen Durcheinander, paarweise geordnet, und Verbohrtheit. Der Chemiker Protassow ist in seine Experimente und Menschheitsfortschrittsvisionen verbohrt, seine Frau Jelena in die Vorstellung, sie könne ihn nicht um das bitten, was ihr zusteht: Aufmerksamkeit des Herzens. Der Maler Wagin, mit dem sie ersatzweise ihre Freizeit verbringt, versucht sie mit Freiheitsphrasen – kreatürlich der Sonne entgegen – an sich zu ziehen, während die Schwester des Chemikers, Lisa, sich unter dunklen Visionen an ihre Krankheit klammert, anstatt den Tierarzt Tschepurnoj zu erhören, der sie anrührend verehrt. Seine Schwester Melanija wiederum, deren Dummheit er verachtet, betet den Chemiker an, und zwar ebenso hündisch wie vergeblich. Als sie ihm jede Wunscherfüllung offeriert, hätte er gern mehr Eiweiß. Für seine Petrischalen.

So sind drinnen alle Zweiermuster unglücklich ineinander verhakt. Sie kommen nicht voneinander los, gerade weil sie nichts tun, sondern nur reden. Auf der von Patrick Bannwart großartig als riesiges Wohnzimmer mit angeschlossener Laborkammer eingerichteten Bühne des Münchner Residenztheaters leben sie darum auch nicht zusammen. Sie treten nur ständig durch eine der vielen Türen auf, sagen etwas, das peinlich ist, töricht oder abgebrüht, werfen sich allenfalls in eine Sitzgelegenheit, um auf das falsche Pathos, das Eigeninteresse und die unfreiwillig Komik der anderen zu warten, und treten dann wieder ab: ins Labor, in den Garten, irgendwohin. Das Elend ist die Rücksichtslosigkeit, das Unvermögen zur Zuwendung, die Unfähigkeit, sich in den buchstäblich Nächsten hineinzuversetzen. Stattdessen schwadronieren alle lieber dauernd von Höherem: höherer Erkenntnis, höherer Kunst, höherer Liebe, höherer Menschenliebe, höheren Eiweißverbindungen.

Ohne aufgewürzte Aktualisierung

Draußen ist es dieselbe Rücksichtslosigkeit, nur weniger seelisch. Dort schlägt der ständig betankte Klempner seine Frau, weil ihm danach ist. Dort übt sich der Pfandleiher in „Mittelstandsförderung“, was ihn selbst meint. Dort zieht sein Sohn discoludenhaft um die Häuser, weil er Niedertracht für cool hält und den Unterschied von großspurig und lässig nicht kennt.

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Als Maxim Gorki 1905 „Kinder der Sonne“ schrieb, saß er im Gefängnis. Draußen hatte der Zar auf friedliche Demonstranten schießen lassen, das Elend war an den Palästen hochgestiegen, die Cholera war keine Metapher. Sein Stück wirkt wie der dramatische Appell an ein Bürgertum, das seine historische Stunde verpasst, weil es sich nicht kümmert, weder um die anderen noch um sich: „Seht ihr nicht, dass ihr von Feinden umringt seid?“ David Bösch bringt Gorkis Stück ohne jede aufgewürzte Aktualisierung auf die Bühne. Was an ihm gegenwärtig wirkt, mag 1905 noch eine Schwäche des Werks gewesen sein: die Konturlosigkeit der Feinde. Dem besoffenen Klempner, den Thomas Huber gröhlend und grunzend ausreizt, nimmt man die Revolutionsgefahr nicht ab. Der Hass auf die bürgerliche Welt kommt ohne Programme aus, es genügt die Hohlheit dieser Bürger selbst sowie das Gefühl des Beleidigtseins bei den Hooligans auf der anderen Seite. Hier und da nutzt die Übersetzung von Ulrike Zemme heutigen Jargon – „Du Opfer“ –, und die Figuren der Dienerschaft sind bis auf eine von Pauline Fusban nassforsch gegebene junge Schlampe gestrichen, ein Witz wurde verändert, das ist aber schon fast alles an Farbzugabe.

Was Bösch hingegen mittels gut aufgelegter Schauspieler aus dem Stück herausholt, ist die triste Lächerlichkeit der Redensarten, mit denen diese Insassen ihrer eigenen Ich-Projekte einander behelligen. Indem das Publikum aber lachen muss – und Gorki selbst soll sehr gelacht haben, als er das Stück schrieb –, kann es sich nicht mehr so leicht angesprochen sehen. Es stehen Karikaturen vor uns.

Wacht endlich auf!

Ganz deutlich in Gestalt von Protassow, in den Gorki womöglich ein bisschen viel hat hineinlegen wollen: Besessenheit durch Chemie, Sonnenanbetung, Weltfremdheit und die Abhängigkeit von einer Frau, die aber gar nichts tut. Norman Hacker hat nachvollziehbare Mühe, die Einheit all dessen plausibel zu machen. Noch grotesker ist die reiche Witwe, die ihn anschmachtet, maßlos bewundert, wovon sie nicht einen Satz versteht, dann vor Scham übers erfolglose Anschmachten schier versinkt, um sich danach gleich wieder an große Worte zu verlieren. Auch Katharina Pichler kämpft deshalb mit dem Problem, wie in der Karikatur eine Seele unterzubringen ist. Diese Frage steht zweieinhalb Stunden lang im Bühnenraum, denn Gorki hat sie nicht beantwortet.

Bösch entscheidet sich zumeist für die Karikatur. Nur Hanna Scheibe als Chemikergattin wirkt in ihren Seidenkleidern – durchweg kongeniale Kostüme wie aus dem Comic von Meentje Nielsen – und durch Anflüge von Süffisanz, als sei sie direkt aus dem Boulevardtheater herübergekommen und habe nur vergessen, sich fürs Trauerspiel umzuziehen und in eine andere Stimmung zu bringen. Die Überlegenheit, mit der sie den Gatten wie den Möchtegernliebhaber durchschaut und auch der Schmachtwitwe ein verständnisvolles Ohr zu leihen vermag, hat nur den Nachteil, dass unklar bleibt, worauf sie beruht. Auch beim wichtigsten Paar des Stücks, der gemütskranken Lisa und dem ihr ergebenen Tierarzt, zeigt Böschs Inszenierung, wie schwer sich Gorki tat, in dieser tatenlosen Welt Güte unterzubringen. Die schmerzhaften „Wacht endlich auf“-Appelle der gemütskranken Lisa, die Mathilde Bundschuh wie ein unheimliches Kind spielt, durchbrechen das traurige Spiel nicht, auch wenn Bösch sie einen davon direkt ins Publikum sprechen lässt.

Denn sie verpanzert sich ihrerseits in der Verzweiflung und kann die Zuwendung zur elenden Menschheit draußen, die sie fordert, dem nächststehenden Menschen drinnen nicht bieten. Der Tierarzt, den Till Firit, der schauspielerische Stern des Abends, als Hommage an die milde Resignation von Figuren Tschechows gibt, zerbricht daran. Weil Verstand und Witz, die er als Einziger hat, ihn vieles verwinden lassen, aber nicht unbegreifliches Unglück. Unter allen Karikaturen ein Charakter.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
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