Bühne und Konzert
Klaus Maria Brandauer

Ich möchte gern der sein, den ich spiele

Von Simon Strauß
© Matthias Leitzke, F.A.Z.

Brandauer bleibt Brandauer. Auch wenn die Theater nur noch Hüpfburgen aufbauen, Videospiele koproduzieren und Antidiskriminierungsflyer in Flughäfen verteilen – Brandauer wird Brandauer bleiben, er wird weitermachen wie bisher. Im alten Stil. Mit alter Verve.

Im Rahmen von „Movimentos“, den kulturellen Festwochen der Autostadt Wolfsburg (deren Budget trotz der schweren Krise des VW-Konzerns nur geringfügig beschnitten wurde), ist er mit einer musikalischen Lesung zum diesjährigen Festivalthema „Freiheit“ aufgetreten. Begleitet vom Filmorchester Babelsberg rezitierte er vor über tausend Zuhörern anderthalb Stunden lang seine Auswahl von Freiheitstexten. Von Aischylos’ „Prometheus“ über Schillers „Don Carlos“, Heines „Wintermärchen“ und Büchners „Danton“ bis Kästners „Kleine Freiheit“ ging der literarische Parforceritt, unterbrochen jeweils von den säuselnden Klängen des Filmorchesters, die ein musikalisches Echo auf das zu geben versuchten, was Brandauer vorlas.

Texte als Kraftquellen seiner Leidenschaften

Vor spektakulärer Kulisse, im alten VW-Kraftwerk, dessen Südteil nur in den sechs „Movimentos“-Wochen als Veranstaltungsort genutzt wird, ansonsten leer steht, saß er im schwarzen Jackett und strich das Papier glatt, um dann plötzlich den Kopf zu heben, den Arm nach vorne zu strecken und loszulegen. Seine Texte vorzutragen mit jener Stimme, deren Melodie und Farbe so anziehend wirken, dass man ihr wohl auch dann noch gerne zuhören würde, wenn sie nur die Lottozahlen vorläse. Der österreichische Schmäh – immer leicht changierend zwischen Verführung und Verachtung –, die unvorhersehbaren Betonungen, die dauernd wechselnden Geschwindigkeiten und Tongebungen, mal nah am Singsang, dann wieder ganz im klassischen Deklamationsstil – monoton ist Brandauer nie.

Immer kommt noch ein Ausrufs-Tupfer hier, noch eine Pausen-Girlande da hinzu. Er ist ein Garderobier der Worte. Seine Stimme kleidet ihre Körper ein, schnürt das Mieder zu und setzt ihnen einen Reif auf. Manchmal überschlägt er sich dabei, verfällt in eine undeutliche Mischung aus Kreischen und Rufen. Bei „Prometheus“ zum Beispiel – „Ich dich ehren? Wofür?“ – und natürlich auch bei Schillers „Gedankenfreiheit“: „Ich aber soll zum Meißel mich erniedern / Wo ich der Künstler könnte sein?“ Ein Satz, bei dem Brandauer die Faust auf den Tisch knallt. Das ist sein Leitsatz. Seine Lebensdevise. Er ist kein „Fürstendiener“, keiner, der sich unterordnet, „kreuzt“, wie er nach der Vorstellung bei einer kurzen Begegnung sagen wird. Das ist Brandauer: einer, der in den Texten nach Selbstbestätigung sucht, sie zu Kraftquellen für seine Leidenschaften und Aversionen erklärt. Kein Interpret, sondern ein Inbesitznehmer.

Vielleicht der letzte Volksschauspieler

Deshalb kommen die Leute. Nicht wegen der Texte, sondern um Brandauer live zu hören, ihm, dem vielleicht berühmtesten deutschsprachigen Schauspieler seiner Generation, einmal ins Gesicht zu schauen. Der markante Leberfleck an der rechten Wange, die schmalen, spöttischen Lippen und leicht geschlitzten, kleinen Augen, die die starken Brillengläser durchfunkeln – fünfundsiebzig wird Brandauer im nächsten Jahr, aber noch immer strahlt er etwas Spitzbübisches aus. „Rampensau“ nennen ihn seine Kritiker verächtlich, einen, der immer nur sich selbst spiele, den „Größenwahnsinnigen“ gebe. Das kann man so sehen.

Aber an diesem Wolfsburger Abend sieht man noch etwas anderes, nämlich: einen letzten Mann. Denn dieser Brandauer ist auf eine inzwischen untypisch kompromisslose Weise darauf aus, mit seinem Spiel zu wirken, sein Publikum mit allem, was er an Gesten, Mienen und Körperlichkeit mobilisieren kann, zu beeindrucken. Er geht keine Umwege über Psychologie oder Ironie, sondern wählt gleich den direkten Weg der absoluten Identifikation. Den heutigen Theatergängern mag sein expressives Spiel, die pathetischen Gesten und donnernden Stimmlagen, naiv erscheinen – aber genau diese Naivität, besser Unschuld, ist es, die sein Spiel dem Publikum zugänglich macht. Ihn zum Volksschauspieler im alten Sinne erklärt. Vielleicht den letzten, den wir noch haben.

Auf einem Platz jenseits aller Kategorien

Jetzt sitzt er da – der Volksschauspieler bei Volkswagen – in einer Bar hinter der Bühne. Er, der noch in Fritz Kortners letzter Inszenierung auftrat, seit 1972 zum Ensemble des Burgtheaters gehört und mit Filmen wie „Mephisto“, „Jenseits von Afrika“ und als Bösewicht im James-Bond-Streifen „Sag niemals nie“ internationale Bekanntheit erreichte. Seine letzten Auftritte auf der Bühne hatte Brandauer unter der Regie von Peter Stein, als Kleists Dorfrichter Adam, Sophokles’ Ödipus, Becketts Krapp und zuletzt Shakespeares King Lear. Brandauer und Stein – zwei alte Heroen, die sich im Alter gefunden, aber inzwischen schon wieder verloren haben. In seiner Heimat, im steirischen Altaussee, hat Brandauer lange Zeit ein Poesiefestival organisiert, die Texte von dem fast vergessenen Jakob Wassermann vorgelesen, der hier in der Gegend gelebt hatte. Aber auch das gibt es inzwischen nicht mehr. Dafür Preise und Auszeichnungen. Und Interviews, die er meist nach der Hälfte abbricht.

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Seine Unberechenbarkeit ist routiniert geworden: Ein falsches Wort, eine unvorsichtige Bemerkung, schon braust er auf, geht in die Offensive. Vielleicht ist das eine Masche, ein Markenzeichen, dieser kinskihafte Wunsch, immer, überall und bei allen als genialisch gelten zu wollen. Vielleicht steckt dahinter aber auch einfach nur die Angst des Spielers, als Mensch nicht gleichauf zu sein mit seinen Rollen. Brandauer sagt nicht viel bei diesem kurzen Treffen. Aber zwischen aller Polemik fällt nebenbei der entscheidende Satz: „Ich möchte gern der sein, den ich spiele.“ Kurz zögert er, ob er diesen Satz kommentieren, in eine bestimmte Richtung schieben soll. Aber dann lässt er ihn einfach stehen. Als Motto und Programm seines Schauspielerlebens.

Brandauer hat einen Platz jenseits aller Kategorien eingenommen. Er ist eine Ausnahmeerscheinung. Auf der Bühne wie im Leben. Als er als junger Mann an die „Burg“ kam, schrieben die Zeitungen „Der Komet kommt“, und bei den Premierenfeiern tanzte er bis in die Morgenstunden zu Elvis. Es hat sich viel verändert seitdem. Neue Kometen sind entdeckt, und aus den Lautsprechern dröhnt an diesem Abend seichter Elektropop. Aber Brandauer scheint derselbe geblieben zu sein. Immer noch ein Komet, immer noch ein österreichischer Elvis. Man muss ihn nicht mögen, um zu sehen: Hier sitzt einer, den wird man nicht vergessen können.

Quelle: F.A.Z.
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