Klaus Maria Brandauer zum Siebzigsten

Nun aber auf ins dritte Leben

Von Gerhard Stadelmaier
 - 16:30
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Im Zuschauerraum des Burgtheaters wurden Wetten abgegeben. Flüsternd zwar, aber doch vernehmlich: In den Reihen, wohin man die Kritiker anlässlich der „Hamlet“-Premiere verbannt hatte, ganz nach hinten, damals noch, 1985. Es ging darum, was mit dem Stuhl auf der Bühne geschehen werde. Er stand ganz vorne, fast am Absturz der Rampe. Hinten ein großes, vulvaähnliches, rotes Gebilde, das irgendwie den ewig währenden, gar zeitlosen Mutterschoß symbolisieren sollte, aus dem der Dänenprinz offenbar gekrochen sein soll. „Wetten, dass er sich am Ende auf den Stuhl setzt? Und dort sitzend stirbt?“ - „Dagegen wette ich nicht!“

Und so kam es denn auch. Klaus Maria Brandauer, der den Hamlet spielte und sich schon höchst ungern aufs tödliche finale Degenduell mit Laertes einließ, erreichte ohne Müh’ und Not, dafür im vollen Scheinwerferlicht den Stuhl. Und starb dort lang und ausführlich und sichtbar allein. So allein, als habe es das Stück und das Ensemble um ihn herum nicht gegeben. Breit, genießerisch, nicht ohne eine selbstverliebt-sardonische Aura, die einen bubenhaften Charme freigab, setzte sich der Schauspieler Brandauer in Szene. Ein Weltstar, eine aus Bad Aussee in der Steiermark gebürtige, längst ins Globale aufgebrochene Hollywood-Größe, segnete sozusagen den Heimatbühnenboden gnädig mit seiner Präsenz.

Aber auch als Sean Connerys Bond-Gegenspieler Maximilian Largo, der gegen 007 im Film „Sag niemals nie“ (1983) um die Herrschaft über Welt und Frau pokert oder als István Szabós Gründgens-Verschnitt Henrik Höfgen im „Mephisto“- Film (1981) schien Brandauer immer wie auf einen Stuhl, besser: einen Thron Anspruch zu erheben. Von dem herab er brillieren konnte. Auch noch in den fabelhaft groß und nervig ausgespielten letzten Sekunden des Oberst Redl - bevor sich in Szabós gleichnamiger Verfilmung des k.u.k. Spionagedramas (1985) der Verräter erschießt und Brandauers Oberst im Hotelzimmer mit rot geflecktem Gesicht und panisch flackernder Angst umherhetzt wie ein gejagtes Tier - sieht das mehr nach Brandauer als nach Redl aus.

Schon der ganz junge Mann, der nach Abitur in Südbaden und abgebrochener Stuttgarter Schauspielhochschule im Tübinger Landestheater als Claudio in „Maß für Maß“ debütierte, zeigte sich als eminente Begabung. Die sich nur schwer von sich ablenken ließ: hin zu einer Figur. Wenn man Brandauer sah, sah man wenig mehr als Brandauer. Man konnte seine leicht weich schnarrende, hinterfotzig mit allen Schlawinerzungen schnalzende Sprache, seine augenzwinkernde Arroganzlockerheit, immer unterfüttert mit Hochmögenheit, durchaus genießen. Das war nie wenig. Aber auch nie genug.

Nur als er den Prinzen von Guastalla in der legendären Wiener „Emilia Galotti“ spielte, 1970 in der Josefstadt, wo Brandauer vom großen Bändiger und Durchdringer Fritz Kortner ganz leise, zaghaft fast, defensiv verliebt, dazu gebracht wurde, den Prinzen zum jungenhaften, unschuldigen Schwärmer, zum pubertären Liebhaber zu verwandeln, dem ein gleichermaßen in ihn verschossenes Bürgermädchen nicht zufallen darf, weil die Bürger, die ein Bürgermädchen für geschändet halten, nur weil es einen Adligen liebt, schändlicher, kritisierbarer sind als die angeblich Geschändete - da sah man das Genie Brandauer aufblitzen. Das er neun Jahre später, als Tartuffe in Noeltes grandioser Burgtheater-Inszenierung wunderbar beglaubigte. Er musste da nichts machen, nichts forcieren, nur zusehen, weil sein Eindringlingscharme eine auseinanderfallende Familie betörte.

Abgesehen von solchen Ausreißern, blieb Brandauer, ob als Jedermann und Figaro („Der tolle Tag“) in Salzburg, ob als Nathan im Burgtheater, ob als Solo-Hansdampf in allen Regiegassen der Schauspieler, der vornehmlich sich selber spielt. Bis er auf Peter Stein traf, der beim selben Lehrer, Fritz Kortner, in die Theatergrundschule gegangen war wie Brandauer. Stein brachte Brandauer dazu, von sich ab- und auf eine Figur hinzusehen. Sich Größerem, Heiligerem auch, Tollerem, Wahnwitzigerem anzuvertrauen als nur sich selbst. Das bescherte Brandauer Sensationen und Stein lauter Glücksfälle. Zwei Große, zwei Eigen-Köpfe, zwei Empfindlichkeitskünstler taten sich zusammen: zu gegenseitigem Nutz und Frommen. Und zur Freude der Theaterwelt. Bis dahin konnte man Brandauer allemal bestaunen. Nun konnte man endlich anfangen, ihn zu lieben.

Clownskopf und Lear-Kopf

Der „Wallenstein“ am Berliner Ensemble 2007, den Stein mit Brandauer in der Titelrolle wagte, war nach Brandauers Mimen- und Filmleben wie der Start in ein drittes, ein Substanzleben. Faszinierend, wie der eitle Brandauer den Schmerzenskopf, den Weltumfassungsschädel eines gewaltigen Individuums vorführte, das glaubt, alles, was der Fall ist, beherrschen zu können: in Würde, Tollheit und Wahn - und in hinreißender Größe. Was er ein Jahr später zusammen mit Stein im „Zerbrochnen Krug“, wiederum im Berliner Ensemble, ins Tragikomische weitete: eine wahnhaft zerrissene Welt noch einmal im Kopf aushalten zu wollen und zu müssen. Wobei er als Steins Ödipus auf Kolonos, 2010 bei den Salzburger Festspielen, die Größe und das Leiden eines von aller Welt Verstoßenen in der hinreißenden Nüchternheit einer selbstgewissen Würde und einer trotzigen Einsamkeit sprachmusizierte.

Noch in diesem Frühjahr war er als Steins Krapp in Becketts „Letztem Band“ (auf Schloss Neuhardenberg) ein großer Clownskopf und wird im Dezember im Wiener Burgtheater Steins Lear-Kopf sein. Auf jeden neuen Brandauer aber kann man sich freuen. Am Samstag, dem 22. Juni, wird er siebzig Jahre jung.

Quelle: F.A.Z.
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