„Anatevka“ in Berlin

Nett, wie da die Kaftanzipfel wirbeln

Von Clemens Haustein
 - 13:33

Drei Stockwerke hoch protzt die Geburtstagstorte, die da während des Schlussapplauses auf der Bühne steht. Bonbonfarben ist sie glasiert und ziemlich rechteckig. Obendrauf, ebenso rechteckig, ein Modell der nicht gerade als architektonische Schönheit bekannten Komischen Oper Berlin. Ein bisschen Tischfeuerwerk ballert drum herum, angezündet vom Konditor in blütenweißem Kittel, „Happy Birthday“ wird auch gesungen.

Es ist der fröhliche Abschluss eines Abends, der mit einer kurzen Rede des Bundespräsidenten begann. Frank-Walter Steinmeier kommt in Berlin gerade häufiger ins Opernhaus, in diesem Fall würdigte er keine Neueröffnung, sondern einen siebzigsten Geburtstag.

Dass dieser an der Komischen Oper überhaupt so groß gefeiert wird, dahinter darf man nicht zuletzt die Chuzpe von Intendant Barrie Kosky vermuten. Den Wettbewerb mit den zwei anderen Berliner Opernhäusern hat er jedenfalls mit großer Lust aufgenommen.

Tradition im Vordergrund

Das Jubiläum nutzt Kosky, um die Tradition seines Hauses zu vergegenwärtigen – und landet nun bei einem Stück, das für die Komische Oper nicht allein Tradition darstellt, sondern zugleich von der Tradition handelt: das Musical „Anatevka“, komponiert von Jerry Bock, das in der Inszenierung von Walter Felsenstein von 1971 bis 1988 auf dem Spielplan des Hauses in der Behrenstraße stand. Sagenhafte siebzehn Jahre sind das, fünfhundert Vorstellungen. Laut und triumphierend schallt der Begriff „Tradition“ einem entgegen gleich zu Beginn des Abends, gesungen vom Chor der Juden, die im russischen Schtetl Anatevka leben, aus dem Orchestergraben begleitet von schmetternden Trompeten und Pauken. Mitten darin Tewje, der Milchmann, der später wie die Mutter Courage seinen Wagen mit Milchkannen zieht und dabei immer wieder die Tradition als lebenserhaltendes Moment preist. Wo alles bedroht erscheint, wird das Festhalten am Bewährten zu etwas Überlebensnotwendigem.

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Ein Musical über das Leben in einem Schtetl hat etwas Eigenartiges. Wie musicalwürdig war das Leben dort? Reicht der berühmte jiddische Witz, gespeist aus dem stillen Einverständnis mit dem Unabänderbaren, aus für ein Stück, das unterhalten soll? Barrie Kosky jedenfalls weist im Programm darauf hin, dass seine Inszenierung kein „Dokumentartheater“ sei zu osteuropäischen Schtetln. Allerdings ist sein beinahe schon naturalistischer Zugang auch nicht weit entfernt davon.

Kaum Querverweise zu finden

Die Schtetl-Bevölkerung, von dem Kostümbildner Klaus Bruns durchaus dokumentarisch korrekt in knielange Röcke, Kittel mit Gebetsfäden und Kaftane gekleidet, erinnert an Darsteller in einem Freilichtmuseum. Dass Kosky keine geschichtliche Realität darstellt, sondern ein Märchen aus vergangenen Tagen, ergibt sich hingegen aus dem surrealistisch anmutenden Bühnenbild. Schränke dienen hier als Zugänge zur Welt der Geschichten, aus Schränken, kleinen und großen, breiten und schmalen, treten die Figuren des Stückes auf die Bühne. Aufeinandergestapelt wurden die Möbel von Bühnenbildner Rufus Didwiszus in abenteuerlicher Konstruktion.

Dass man bei diesem Anblick an die Möbellager denken kann, zusammengetragen aus den Habseligkeiten jener Juden, die ins Konzentrationslager abtransportiert wurden, das ist allerdings schon die einzige Assoziation, die der Abend bereithält zu den eher musicaluntauglichen Abschnitten der deutschen Geschichte. Abgesehen davon, sind keine Querverweise zum Holocaust zu auszumachen. Der Wachtmeister als Repräsentant der zaristischen Ordnung, die Pogrome anordnet und die schließlich auch die Vertreibung der Menschen aus Anatevka befiehlt, muss bei Kosky nicht einmal Uniform tragen.

Der Bogen zur Gegenwart geht verloren

Das ist sehr nett vom Regisseur, der stets ein kluges Gespür dafür hat, was man einem Stück zumuten kann und was nicht. Hier wird man aber das Gefühl nicht los, dass es Kosky nicht nur mit dem Stück ein bisschen zu gut gemeint hat, sondern auch mit dem Publikum. So darf man sich also ausgiebig erfreuen an einer Inszenierung, die prächtig unterhält und die am Premierenabend angestrebte Geburtstagsfeierstimmung nie in Gefahr bringt. Wild wird getanzt zum kräftigen Klezmerton, den das Orchester der Komischen Oper anschlägt, angeleitet von Koen Schoots. Die Schläfenlocken und Kaftanzipfel wirbeln in Otto Pichlers mitreißender Choreographie. Ebenso extrem fällt der Kater danach aus, besonders bei Tewje, dem Milchmann, dem Max Hopp hier ungeachtet eines angeklebten Bartes eine erfrischend junge Anmutung gibt.

Im Singsang rechtet er mit seinem Gott, der ihn so darben lässt – um sich ironisch kichernd dann doch in sein Schicksal zu ergeben. Wenn er nicht gerade mit Gott spricht, dann liefert dieser Tewje Hochgeschwindigkeitscomedy wie sie Barrie Kosky so liebt. Ein Wort gibt das andere: im Dialog mit seiner Frau Golde, die Dagmar Manzel mit Berliner Schnoddrigkeit spielt, im Dialog mit seinen Töchtern, die sich gegen alle Tradition ihre eignen Männer suchen. Amerika, wohin Tewje und der Rest seiner Familie auswandern wird, ist in dieser Comedy präsent vom Beginn des Stückes an. Das hat fast schon beruhigende Wirkung.

Der Fiedler wird hier übrigens von einem Jungen gespielt, Maxime Bergeron, der anfangs mit dem Tretroller hereinfährt und in Pullover und Turnschuhen geigend die Welt von heute repräsentiert. So fein dieser Einfall ist, so sehr trägt er zur Distanz bei. Anatevka, das liegt hier weit, weit zurück in der Vergangenheit, und es braucht am Ende des Abends Barrie Koskys Spendenaufruf für Flüchtlinge aus Syrien, um den Bogen in die Jetztzeit zu spannen.

Quelle: F.A.Z.
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