Berliner Staatsoper

Trunken von Traum und Trieb

Von Jan Brachmann
 - 22:41

Draußen heftiges Schneegestöber, drinnen keine Heizung außer Kerzen, überall Gerüste, das Deckengemälde und der Wandzierrat unfertig, die Bänke so hart, dass man nach „Cesare e Cleopatra“ von Carl Heinrich Graun vermutlich Hornhaut am Sitzfleisch hatte – so wurde vor 275 Jahren, am 7. Dezember 1742, das erste frei stehende Opernhaus Deutschlands und das damals größte in Europa eröffnet: die Hofoper von Preußens König Friedrich II. am Berliner Reitweg Unter den Linden.

Das Programmheft zum Jubiläumskonzert und das liebevoll aufgemachte Buch im Hanser Verlag, „Diese kostbaren Augenblicke“, breiten solche Details noch einmal aus, als Entschuldigung und Selbstermunterung gleichermaßen. Denn auch jetzt, nach sieben Jahren Sanierung, ist noch längst nicht alles fertig: Die Theaterkasse steht weiterhin als Box vor dem Haus; Kostüm- und Maskenbildnerei behelfen sich mit Provisorien; das Saallicht lässt sich nur dimmen, aber nicht ausschalten zur Vorstellung; die Proben zu den ersten Premieren – Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ sowie Claudio Monteverdis „Krönung der Poppea“ – waren täglich durch Bauarbeiten unterbrochen worden. Unter solchen Bedingungen Theater zu machen verdient allein schon Bewunderung.

Behagliche Intimität

Es sei „ein Beleg für politisches Urteilsvermögen und menschliche Größe“, dass man dieses Haus in der Gestalt, die es nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg durch den Wiederaufbau 1955 gefunden hat, erhalten habe, sagt der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Festrede. Die Bemerkung ist ein erfreulicher Epilog zur unerfreulichen Diskussion um das erfundene Rokoko des Architekten Richard Paulick, das sich an die Formensprache des Ursprungsbaus von Georg Wenzelslaus von Knobelsdorff anlehnt. Lammert gibt en passant seine fritzische Gesinnung zu erkennen, wenn er Friedrich „den Großen“ nennt und ihn lobt für seine kulturpolitischen Verdienste ebenso – ! – wie für seine militärischen. Doch das politische Urteilsvermögen unserer Zeit scheint auch siebzig Jahre nach der Auflösung des Staates Preußen durch die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs noch derart verunsichert, dass man die Familie des vormals regierenden preußischen Königshauses nicht in die Feier einbezogen hat. Es wäre eine Geste der Souveränität und der menschlichen Größe gewesen; immerhin war das Haus 176 Jahre lang preußische Hofoper; immerhin hat das Königshaus Künstler wie Giacomo Meyerbeer, Felix Mendelssohn Bartholdy und Richard Strauss hierhergeholt. In München zeigt man sich gegenüber dem Haus Bayern längst nicht so verklemmt.

Aber glücklich – sogar „überglücklich“, wie Daniel Barenboim sagt – darf Berlin schon sein. Der Saal klingt schön, trennscharf, dabei warm. Und auch wenn beim Festkonzert der Staatskapelle unter Barenboims Leitung das Scherzo aus Mendelssohns Musik zum „Sommernachtstraum“ längst nicht so elektrisierend knistert, wie man sich das denken könnte, so ist es doch erstaunlich, dass die Bühnenauskleidung als „Konzertzimmer“ dem so postheroisch-bürgerlichen „Heldenleben“ von Strauss eine behagliche Intimität schenkt.

Mit Reifröcken und spanischen Halskrausen

Das ist gewiss die größte architektonische und akustische Kostbarkeit dieses Hauses: Nähe. Bei Achim Freyers Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ sitzt man wie im Herzinneren eines Kindes. Es ist ein dunkler Raum von Traum und Lust, von Angst und Wünschen, von einer Phantasie, die Ungeheures gebiert: eine Kreuzspinne als lieber Gott im Himmel, eine Riesenkatze, an deren Zunge weiße Mäuse kleben, und eine Hexe mit Wurstlippen und Kaffeetassenhut.

Freyer hat an diesem Haus 1968 das Bühnenbild für den „Barbier von Sevilla“ in der Inszenierung von Ruth Berghaus gemacht. Sie ist immer noch im Repertoire. Dass man ihm, mittlerweile 83 Jahre alt, die erste Operninszenierung am wiedereröffneten Haus übertrug, zeugt ebenso von sensibler Traditionspflege wie die musikalische Besetzung. Roman Trekel als Besenbinder Peter ist noch eine Entdeckung des alten Intendanten Hans Pischner gewesen. Und Sebastian Weigle, einst Hornist der Staatskapelle, leitet die Oper nun als Dirigent mit tiefem Verständnis für deren Waldromantik und für die Empfindlichkeit des Märchentons: Das behutsamste Pianissimo des Orchesters legt er unter die zauberhaft klaren Stimmen von Katrin Wundsam als Hänsel und Elsa Dreisig als Gretel. Dann beten sie den Abendsegen. Freyers Inszenierung, die Hänsel, Gretel und Hexe hinter Puppenköpfen versteckt, wendet sich an kindliche Betrachter, für die Handlung wichtiger ist als Ausdruck, Symbol wichtiger als Innigkeit. Und doch wird der Traum nach dem Abendsegen Zerrspiegel der Wirklichkeit, so wie das Märchen Bewältigung von Angst ist – nicht durch Analyse, sondern durch Bilder, die all dem Gestalt geben, was in der Seele diffus bleibt. Traumtrunken und märchenwelthellsichtig ist die Magie dieses Theaters, das die Welt verarbeitet, ohne sie zu erklären.

Das Seziermesser – auch das Rasiermesser – hingegen setzt einen Tag später Eva-Maria Höckmayr an für ihre Inszenierung von Claudio Monteverdis Oper „L’incoronazione di Poppea“. Zwei Körperwelten stellt sie einander gegenüber: den repräsentativen, sozialen Körper und den biologischen. Das Repräsentative gehorcht einer festen Kleiderordnung – mit Reifröcken und spanischen Halskrausen von Julia Rösler – sowie einem kreisenden Zeremoniell auf der abstrakten Bühne von Jens Kilian. Das Biologische entlädt sich in immer neuen Pas de deux und Pas de trois der sexuellen Hörigkeit von keuchend-heißer Drastik.

Musiktheater von Spitzenrang

Nero und Poppea paaren sich in allen Stellungen, gar zu dritt, weil Poppea begriffen hat, dass Nero auch einen Mann liebt: Lukan. Das zivilisationspessimistische Fazit dieses Stücks, dass nämlich sexuelle Energie sich nicht zähmen lässt, wird von Höckmayr mit aller Grausamkeit gezogen. Sogar der Leichnam des toten Seneca, der sich mit einem Rasiermesser die Halsschlagader durchschnitt, vermag die Triebgetriebenen allenfalls zu erschrecken, gebietet ihnen aber keinen Einhalt. Nur das Zittern der Poppea im Moment ihrer Krönung verrät die psychosomatische Abstoßungsreaktion des biologischen Körpers gegen den repräsentativen – während umgekehrt zuvor in der Entkleidung der Kaiserin Octavia mit dem sozialen Körper zugleich der biologische geschändet wurde.

Anna Prohaska als kaltblütiges Strategieflittchen Poppea legt alle nur denkbaren Nuancen des Gurrens, Girrens, Höhnens und Stöhnens in ihren Sopran, dass man sich gar keine andere Sängerin mehr in dieser Rolle vorstellen kann. Ihr steht der Countertenor Max Emanuel Cenčić gegenüber, glänzend vor aggressiver Brillanz, ein sprungbereites, treffsicheres vokales Biest von Nero. Durchdringend, auch in den matten Farben noch intensiv, setzt der Countertenor Xavier Sabata als Otho seine Stimme ein und geradezu athletisch seinen Körper in den Momenten verzweifelten Selbstopfers. Mit dem lockend sanften Bariton von Gyula Orendt als Lukan, dem salbungsvollen Bass von Franz-Josef Selig als Seneca und dem hoheitsvoll strahlenden Mezzosopran von Katharina Kammerloher als Kaiserin Octavia sind auch weitere Rollen so exzellent besetzt, wie sich das nur wenige Opernhäuser derzeit leisten können.

Diego Fasolis hat die fragmentarische Partitur durch Kompositionen der Zeit ergänzt, leider die Götterrollen fast alle gestrichen, treibt aber die Akademie für Alte Musik Berlin durch seine Leitung hinein in eine Leidenschaft, die heißes Blut in die barocke Rhetorik pumpt. Das ist Musiktheater von Spitzenrang. Darüber freue sich nun getrost die Stadt und der Erdkreis.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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