Tanztheater Wuppertal

Damals, zur Zeit des Wählscheibentelefons

Von Alexandra Albrecht
 - 13:31

Vielleicht ist es doch keine so gute Idee, für die Neuproduktionen des Tanztheaters Wuppertal wechselnde Choreographen zu verpflichten. Wenn sich jeder Gast erst einmal vor der großen Pina Bausch verbeugen möchte und deshalb geflissentlich ihr Werk zitiert, wird man irgendwann zwar einen Fundus von Stücken im Stile der Prinzipalin aufgebaut haben, aber wer braucht die schon, wenn er die Originale im Programm hat. Ein falsch verstandener Respekt lähmt so auf Dauer die künstlerische Entwicklung, und das Publikum, vor allem im Ausland, wird weiterhin die Arbeiten von Pina Bausch sehen wollen. Dann kann man sich den Aufwand auch sparen.

Am selbigen mangelte es der zweiten Uraufführung in dieser Saison, beigesteuert von dem in Deutschland noch eher unbekannten Norweger Alan Lucien Øyen, jedenfalls nicht. Die Mannschaft um den Regisseur umfasste abzüglich der Probenleitung und einer Assistenz immerhin sieben Personen, auf der Bühne agierten sechzehn Tänzerinnen und Tänzer. Der Trend zu immer größeren Produktionsteams hält an, nicht nur im Tanz, es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis sich das Verhältnis von Inszenierenden und Ausführenden umkehrt. Nur drängt sich nicht zwangsläufig der Eindruck auf, die Anzahl der Köpfe steigere proportional die Kreativität.

Differenziert durch Schauspiel

Ganz in der Tradition Pina Bauschs trägt auch dieses Werk am Abend seiner Uraufführung keinen Titel, weil es sich um die zweite Premiere der Saison handelt, heißt es schlicht „Neues Stück II“. Auch sonst wird mit Anleihen nicht gegeizt: Ein Lüfter lässt die langen blonden Haare von Julie Shanahan attraktiv fliegen, es wird geraucht, dass es die Tabakindustrie entzücken müsste, eine Zigarettenverkäuferin mit Bauchladen bietet ihre Ware charmant dem Publikum an, Stühle werden hin- und hergeschoben, geworfen, übereinander gestapelt: Willkommen im Café Müller.

Nostalgie liegt über der Szenerie, die von Alex Eales entworfene, sich ständig ändernde Bühne aus verschiebbaren Wänden eröffnet Räume, die vor Jahrzehnten eingerichtet wurden, mit Tütenlampen, schwarzen Wandtelefonen mit Wählscheibe, einem alten Gitterbett. Renoviert wurde hier noch nie, die Tapeten fallen von der Wand, der Stoff auf dem Sessel ist abgewetzt, die Türblätter sind verschmutzt. Auch die knielangen Tageskleider der Frauen könnten aus den Vierzigerjahren stammen, die geschlitzten Abendroben und Schuhe sehen dagegen aktuell aus.

Schließlich wagt sich Alan Lucien Øyen doch noch, aus dem Schatten der früheren Hausherrin herauszutreten und entwickelt einen Aufführungsstil, der eher dem Schauspiel als dem Tanz zuzurechnen ist. Anders als Pina Bausch lässt er die Tänzer Geschichten darstellen und erzählen, die weitaus ausformulierter und konkreter und weniger assoziativ gearbeitet sind als früher.

Wendung ins Komische

Alle handeln vom Weggehen und Verlassenwerden, vom Erinnern und dem Tod. Beim Bestatter erscheint eine schwarz gekleidete Witwe, an deren wund geweinten Augen lange rote Fäden hängen. Trotz ihrer offenkundigen Trauer lässt sie ihr Gegenüber raten, wie ihr Mann gestorben ist: durch Erhängen. Eine schön gelegene Grabstelle hätte sie schon vor Jahren reservieren müssen, sagt der gefühlslose Kaufmann kühl und bittet sie, ihm eine Urne als Aschenbecher zu reichen. Jetzt könne er ihr für ihren Mann nur noch einen Platz an der Seite einer Tunte anbieten.

Nicht alle Szenen sind so geschmacklos und albern, aber fast immer versucht Øyen, die aufkommende Traurigkeit durch eine Wendung ins Komische wegzuwischen. Eine Mutter stirbt friedlich in ihrem Bett, ihr Kind an ihrer Seite. Kaum hat sie ihren letzten Atemzug gemacht, nimmt die Tochter am Funkgerät den Notruf eines Mannes entgegen, der gerade seinen Vater umgebracht hat. Häufig weist der Choreograph und Regisseur auf die Konstruiertheit der Aufführung hin, wenn plötzlich deutlich wird, dass die selbstversonnen in ihrem Schlafzimmer tanzende Frau durch einen Spiegel gefilmt wird. Oder die Selbstmörderin sich ebenfalls nur vor der Kamera erschießt. Von der Wahrhaftigkeit und emotionalen Wucht und Intelligenz früherer Aufführungen bleibt bei diesem Spiel mit Metaebenen und Ironie nicht mehr viel übrig.

So hatte Pina Bausch es nicht gemeint

Dreieinhalb Stunden (mit einer Pause) reihen sich die Kurzakte aneinander, unterbrochen von Soli, die den auch schauspielerisch starken Tänzern die Möglichkeit geben, ihr wahres Können zu zeigen – mit Bewegung zu bewegen. Mal sind die Szenen ein Nachhall zu dem eben Gehörten, geben sie etwa dem Schmerz über den früh gestorbenen Vater einen körperlichen Ausdruck, dann wieder kommentieren sie einen lautstarken Ehestreit mit Gesten der Verzweiflung und des Aufbegehrens. Als Gruppe tritt die Compagnie kaum auf, es überwiegen Soli und Duette, die dem Stil des Hauses entsprechen.

„Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“, erinnert man sich nach diesem Abend an ein Zitat von Pina Bausch. Sie sagte nicht: spielt, spielt.

Quelle: F.A.Z.
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