Gogols „Revisor“ in Basel

Am Marterpfahl der alpinen Urhorde

Von Martin Halter
 - 22:46

Wo es an Phantasie, Mut oder auch leicht zu bearbeitenden Romanen fehlt, werden im Theater neuerdings gern alte Stücke mit neuen Sprachkleidern und zeitgemäßem Konfliktlametta behängt.

In Basel gehören solche „Überschreibungen“ sogar zur offiziellen „Basler Dramaturgie“; Simon Stones Überschreibung von Tschechows „Drei Schwestern“ als Familienkrisen-Soap um Hippies und Hipster wurde sogar zum Theatertreffen eingeladen. „Der Schweizer ist der bessere Russe“, sagt auch der Schweizer Dramatiker Lukas Linder im Programmheft; er trinke weniger, habe aber dafür bei der Hygiene die Nase vorn. In Linders Überschreibung von Gogols „Revisor“ bleibt von der russischen Vorlage daher noch weniger als bei Stone übrig: einige Figuren, der groteske Humor und die Läuterungsabsicht, aber kein Wort und selbst die Idee nur halb.

In Gogols Satire auf Habgier und Dummheit in Russland gingen 1836 rechtstreu korrupte Bürger einem Hochstapler auf den Leim, der sich als beamtete Autorität aus der Hauptstadt aufspielte. In Linders Schweiz-Komödie kitzelt ein – mutmaßlich – Fremder das Schlechteste im Eigenen der Eidgenossen hervor: Heuchelei, Zynismus, Überfremdungs- und Ausschaffungsiniativen, Gewalt gegen Ausländer.

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Der falsche Revisor entlarvt die gemütliche Dorfgemeinschaft als Abgrund des Falschen und Bösen. Er sieht und hört alles und notiert es pedantisch in seinem Sündenregisterbuch: Die Kirchenorgel ist verstimmt, der Zug fährt verspätet, das Essen ist kalt. Der Zivilschutzkommandant hortet in seinem Bunker Sexpuppen statt Waffen. Der Pfarrer, bei Max Rothbart gekrümmt vor verklemmter Geilheit und Bigotterie, hat als Missionar Kondome für Afrika unbrauchbar gemacht. Die Lehrerin ist zwar in der Flüchtlingshilfe engagiert, aber sie raucht und baut auf „Wutwanderungen“ im Gebirge Aggressionen gegen Ausländer ab. Andrea Bettinis Bürgermeister ist ein feistes, selbstzufriedenes Schwein, dem in seinen schlimmsten Albträumen Asylanten die Schweinswürste aus dem Gedärm ziehen. Für seine Frau ist der Fremde vor allem ein stark behaarter Mann, ein dunkel lockender Kontinent unerforschter Triebe. Die Tochter, Hesse-Leserin und romantisch-alternativ, macht den Fremden zum Gegenstand schwüler Gedichte und narzisstischer Schwärmereien. Der Dorftrottel grölt „Olé, olé Finale“ und „O Herr Jemine“ und spitzt schon mal mit dem Offiziersmesser den Spieß für die finale Hinrichtung an.

So projizieren alle ihre Lüste, Ängste und Obsessionen auf den Fremden. Gleichzeitig soll er mit allen Mitteln vergrämt, vergrault und vertrieben werden: Man setzt ihm Kartoffelstampf vor, zeigt ihm die Kläranlage als Sehenswürdigkeit und schlägt ihn, weil alles nichts hilft, brutal zusammen. Der Fremde aber, so Linders gogolesker Clou, ist weder fremd noch Asyl suchend, sondern: René Nöthli, waschechter Schweizer, womöglich sogar deutscher Tourist, jedenfalls pünktlich, pflichtbewusst und stumpfsinnig. Deshalb muss er unter Schmerzen lernen, was es heißt, Zielscheibe und Sündenbock fanatischer Eingeborener zu werden: Nöthli wird demokratisch zum Tod verurteilt und folkloristisch stilvoll am Marterpfahl hingerichtet.

Linder hat mit seinen surreal-grotesken Komödien derzeit einigen Erfolg. 2015 gewann er mit „Der Mann aus Oklahoma“ den Kleist-Förderpreis und den Publikumspreis des Heidelberger Stücke- markts. In diesem Jahr hat er gleich drei Eisen im Feuer, darunter die Helden-Groteske „Supergutmann“ und jetzt in Basel „Der Revisor oder: Das Sündenbuch“. Die Idee, Gogol auf die Schweizer Gegenwart zu überschreiben, ist allerdings nicht ganz neu. Sebastian Nübling etwa inszenierte schon 2009 am Zürcher Schauspielhaus den „Revisor“ als Klamotte zwischen Satire, hypnotischem Delirium und ordinärem Klamauk. Regisseurin Cilli Drexel legt nun noch ein paar Scherze und Wortspiele drauf: Auf der Bühne, einer Sperrholz-Schweiz unterm Leichentuch des Schnees, tummeln sich Kriecher, die in ihrer Selbstgerechtigkeit nicht einen Schwindler für den Revisor halten, sondern umgekehrt einen Bünzli wie ihresgleichen für den verhassten Fremden und Störenfried ihrer Ordnung. „Solange wir bleiben, wer wir sind“, parodiert und unterminiert Linder ihr Identitätsgefasel, „bleiben wir, wer wir sind.“

Gogol wollte mit seiner Komödie zur „moralischen Erneuerung des Landes beitragen“, Linder will die Schweizer Willkommenskultur als Lüge entlarven. Das ist gut gemeint und streckenweise auch passabel inszeniert: ein pointensicheres Spiel mit Schweiz-Klischees und Zitaten von „Tell“ bis „Heidi“. Aber Linder ist wohl doch kein neuer Dürrenmatt. „Na, wie hat Ihnen die Hinrichtung gefallen?“ heißt es am Ende. Spätestens wenn der Fremde am Marterpfahl unter dem Triumphgeheul der Schweizer Urhorde gefoltert und vor der Beiz zur Sau wie ein quiekendes Schwein abgeschlachtet wird, ist dieses „Sündenbuch“ nur noch ein, wie es einmal heißt, „Lehrstück, auf das man gerne verzichtet hätte“.

Quelle: F.A.Z.
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