„Lulu“ an der Staatsoper Wien

Frauenmörders Handlanger

Von Reinhard Kager
 - 23:08

Da sitzt sie wieder auf einer hohen Leiter inmitten der knallrot ausgeleuchteten Arena: Lulu, „das wilde, schöne Tier“, angegafft von einer stummen Menge schwarzgekleideter Männer, die von einer steilen Treppe aus gierig zum Rand dieser Manege drängen. Dort hatten Regisseur Willy Decker und sein Bühnenbildner Wolfgang Gussmann ihre Inszenierung von Alban Bergs Wedekind-Vertonung „Lulu“ schon 1998 in Paris und zwei Jahre später auch an der Wiener Staatsoper angesiedelt. Doch der damalige Direktor Ioan Holender wollte partout nur das zweiaktige Fragment zeigen und nicht die von Friedrich Cerha 1979 fertig instrumentierte dreiaktige Fassung.

Nun steht im Haus am Ring, nach der Aufführungsserie 1983 unter Lorin Maazel, endlich wieder das vollständige Werk auf dem Spielplan. Obwohl es sich um keine echte Premiere handelt – Deckers dreiaktige Fassung war nämlich bereits in Paris gezeigt worden –, lohnt sich diese neuerliche Begegnung. Denn erst in der komplettierten Fassung wird klar, worauf Deckers Konzept hinausläuft.

Orchester und Ensemble überzeugen

Eilen die schwarzen Männer in den ersten beiden Akten noch aufgeregt auf der steilen Treppe hin und her, um einen Blick der betörenden Lulu zu erhaschen, so klettern sie in der zweiten Szene des dritten Akts über mächtige Leitern in die als Einheitsbühnenbild fungierende Arena hinab, um am Ende Jack the Ripper durch kollektiv durchgeführte Dolchstöße bei der Ermordung Lulus zu assistieren. Unerfüllte Männerphantasien kippen in offene Aggressionen.

Da liegt sie nun, die einsam verblutende Lulu, vor einem Bilderrahmen mit den zerknüllten Resten ihrer eigenen Scham, dargestellt auf einem fragmentierten Gemälde von René Magritte, dessen Teile nach und nach verscherbelt wurden. Ein Sinnbild für die Entwürdigung und Verdinglichung der Protagonistin zum Sexobjekt. Durch präzise mit der Musik gearbeitete Szenen wie dieser büßt Deckers Regiekonzept auch nach fast zwanzig Jahren nichts von seiner Suggestionskraft ein.

Zum Gelingen dieses Abends trägt auch Ingo Metzmacher am Pult des Wiener Staatsopernorchesters entscheidend bei. Anders als Michael Boder, der die zweiaktige „Lulu“ bei der Premiere im Jahr 2000 schroffer, kantiger interpretiert hatte, setzt Metzmacher auf flüssige Linien, ohne jedoch die polyphonen Binnenstrukturen zu vernachlässigen.

Ein hochkarätiges Ensemble hat sichtlich Freude an diesem luziden, dennoch sanglichen Zugriff: Agneta Eichenholz besitzt einen ähnlich hellen, aber durchschlagskräftigeren Sopran als einst Anat Efraty. Und mit Angela Denoke als Gräfin Geschwitz, Bo Skovhus als Doktor Schön, Herbert Lippert als Alwa sowie Franz Grundheber als Schigolch und Wolfgang Bankl als Athlet, die schon vor siebzehn Jahren mitgewirkt hatten, wird Lulu auch von tollen Sängerdarstellern umrankt.

Quelle: F.A.Z.
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