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„Madame Bovary“ am Gorki Theater

Aus dem Leben einer Stubenfliege

Von Irene Bazinger
 - 12:35
Licht in eine Ehe bringen: Julischka Eichel als Emma Bovary und Alexander Fehling als ihr Mann Charles in Tine Rahel Völkers Berliner Flaubert-Dramatisierung Bild: David Baltzer/ZENIT, F.A.Z.

Die berühmte Zeitungsnotiz über jene Madame Delamare aus der französischen Provinz, die ihren Mann betrog, finanziell ruinierte und sich, als alles aufflog, vergiftete, ist auch im Berliner Maxim Gorki Theater zu hören. Schließlich inspirierte sie Gustave Flaubert zu seiner „Madame Bovary“ (1857). Unter dem gleichen Titel schrieb die Dramatikerin Tine Rahel Völcker nun eine eigene Bühnenversion. „Romanbearbeitungen haben keinen guten Ruf. In Kritikerkreisen und auch bei Autoren werden sie vielfach als Stücke zweiter Wahl gehandelt“, konstatiert sie im Programmheft. Ungeachtet dessen hat sie freilich die „schöne, produktive Situation, die schon Brecht und Heiner Müller bei der Arbeit mit bekannten Vorlagen zu schätzen wussten“, genutzt. So ist ihre kluge, geschmeidige Fassung inhaltlich eng dem Original verwoben und bewahrt dessen kühle Erzählweise, stellt aber Flaubert quasi vom frühflausigen Frauenbefreiungskopf auf die späten desillusionierten Emanzipationsfüße von heute.

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Federn muss die auf „das Leben einer Stubenfliege“ reduzierte Emma Bovary nicht nur an ihren kostbaren Hüten lassen. Es spiegeln sich in ihr überdies Rollenbilder wie Ibsens und Jelineks Nora oder Wedekinds Lulu und Klischees aus der aktuellen Konsum- und Modewelt. Sie bleibt die verloren-exaltierte Fremde aus ihrem Dorf in der Normandie und rückt trotzdem als eine prototypische Figur der Moderne nahe, in der Eigen- und Fremdbestimmungskräfte hart gegeneinander stoßen. Bis sie daran zugrunde geht.

Julischka Eichel zeigt sie als eine tagtraumhaft wache, leichtfüßige Grenzgängerin zwischen Aufbegehren und Gemütlichkeit, Offenheit und Gehorsam. Ihre Madame Bovary schlüpft so unbefangen in die Reifröcke und in die feinen Dessous, die ihr die Textilhändlerin Lheureuse aufschwatzt, wie sie sich in ihre Affären hineinbegibt. Sie knickt den Oberkörper bis in die Waagerechte hinunter, wenn sie sich ironisch den Maßregelungen ihrer Schwiegermutter beugt, oder springt ihrem Gatten wie ein verschrecktes Kind an den Hals, auf dass er sie vor Gefahren und Verführungen retten möge.

Verlaufsformen der Liebe zwischen Ökonomie und Politik

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In der schnörkellos durchgehaltenen, knapp dreistündigen Inszenierung von Nora Schlocker werden Aufstieg und Fall der Familie Bovary wie in einem Reagenzglas zu einem Experiment über die Verlaufsformen der Liebe im Spannungsfeld von Ökonomie und Politik. Denn dass der genügsame Landarzt Charles seine Frau wirklich liebt, obwohl er sie nicht versteht, ist offensichtlich, etwa wenn er mit geballten Fäusten wegschaut, dieweil sie sich hinter seinem Rücken mit einem anderen Kerl amüsiert. Ohne Groll erträgt er Demütigungen und Lügen und wird nach ihrem Tod wahnsinnig, weil er ohne Emma nicht sein kann. Bei Alexander Fehling ist er eine permanente Überforderung im weißen Hemd mit den zu kurzen Ärmeln, aus dem die blanken Handgelenke wie bei einem ewigen Schuljungen herausragen, die Stimme fahl wie seine ganze Erscheinung.

Der vollbärtige Tänzer Joris Camelin geistert als Knecht Hippolyt, aber auch sonst wie das personifizierte Irrationale durch den Abend und verweist nachdrücklich auf die Probleme der ausgegrenzten niederen Stände. Wie ausgespuckt aus einem von hohen, blassgrünen Wänden begrenzten Windkanal des Patriarchats wirken im von Jessica Rock-stroh entworfenen Bühnenbild Albrecht Abraham Schuch als der bleiche Notar Léon, einer von Emmas Liebhabern, und Wilhelm Eilers als ebenso farbloser Apotheker Homais, der für eine Politik der starken nationalen Männerhand plädiert. Ronald Kukulies als abgebrüht-zynischer Ladykiller Rodolphe steckt in seinem engen schwarzen Anzug wie in einem Panzer, der ihn vor emotionalen Verbindlichkeiten schützt. Sabine Waibel deckt als die Mutter von Charles, als Amme und als Textilhändlerin trefflich die verschiedenen Strategien der Weiblichkeit ab, die eine Existenz ohne allzu viele Herrschaftskonflikte erlauben.

Am Schluss dieser bemerkenswerten Aufführung tritt Julischka Eichel zwischen den mittlerweile geborstenen Wänden in der Rolle von Emmas erwachsener Tochter Berthe im blauen Arbeitskittel an die Rampe. Kalt schildert sie, wie sie sich in der Baumwollfabrik, die zur Zeit ihrer Mutter erst gebaut wurde, durchschlägt. Am Feierabend vertrinkt sie ihren Niedriglohn in der Kneipe um die Ecke, „so frei will ich sein“.

Ohne sie als bekanntes Opfer noch als verkannte Heldin darzustellen, gehen Tine Rahel Völcker und Nora Schlocker genau, geduldig und mutig dem Lebensweg Madame Bovarys nach. Und finden in ihren Spuren mehr unideologischen Zündstoff, als sich die beliebte Schwarzweißmalerei unserer Tage einzugestehen wagt.

Quelle: F.A.Z.
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