Biederer „Schwanensee“

Hier macht sich keiner nass

Von Wiebke Hüster
 - 15:08

Einen neuen „Schwanensee“, so viel steht nach der Düsseldorfer Premiere der neuen Choreographie von Martin Schläpfer fest, braucht die Welt nicht. Die diesbezügliche dpa-Meldung, wortgleich auf den Portalen von „Welt“, „rtl“ und „waz“ nachzulesen, bringt das Problem auf den Punkt: „ohne Tutus und künstliches Flügelschlagen“.

Darin stecken gleich zwei Fehler. Der deutsche Tanz leidet nicht an zu vielen Tutus, sondern an zu wenigen. Wie wahr das ist, kann man an der Formulierung „künstliches Flügelschlagen“ ablesen – kaum jemand hat offenbar vor Augen, wie faszinierend die Port de bras der Schwanenballerinen im Original sind, wie mit diesen schwierigen, wunderschönen Armgesten aus Frauen auf Spitzenschuhen geheimnisvolle Wesen einer anderen Welt werden.

Seit den Erzählungen der griechischen Mythologie sind Metamorphosen Bilder für Prozesse der Verwandlung und Anverwandlung, die Menschen durchlaufen, Bilder, die beschreiben, wie sehr uns Göttliches und Dämonisches, Geistiges und Animalisches zu eigen ist.

Theaterbesucher müssen tief in ihrem Gedächtnis kramen

So ein Ballett der Metamorphosen ist „Schwanensee“ in Marius Petipas und Lew Iwanows Fassung von 1895 gewesen, und das ist auch die Idee der Komposition Tschaikowskys. Wenn man an dieser Idee nicht interessiert ist, sollte man den „Schwanensee“ nicht inszenieren und erst gar keinen Gedanken an die choreographischen Schwierigkeiten verschwenden, mit denen man die unglaubliche Wirkung des Originals übertreffen könnte.

Nun ist es so, dass die meisten Theaterbesucher tief in ihrem Gedächtnis kramen müssen, wenn sie sich an einen dem Original von 1895 ähnlichen „Schwanensee“ erinnern wollen. Niemand fühlt sich bemüßigt, gegen die Aufführung von Verdi-Opern zu polemisieren. Wie kommt es also, dass eines der größten Ballette der Tanzgeschichte plötzlich mit abwertenden Klischees beschrieben wird, als sei es dringend notwendig, zu einer neuen, endlich nicht künstlichen Fassung zu finden?

Zur Erinnerung: Es gab einen nur von Männern getanzten „Schwanensee“, und es gibt John Neumeiers Tanztheaterfassung, in der sich der traurige Bayernkönig Ludwig in die Schwanenphantasiewelt flüchtet.

„Künstliches Flügelschlagen“

Das „künstliche Flügelschlagen“ ist in Wahrheit ein frühes Beispiel gegenstandslosen akademischen Tanzens, eine Vorwegnahme der Neoklassik George Balanchines. In den sogenannten weißen Akten, die in der Schwanenwelt spielen, zeichnen die Tanzbewegungen der 32 Ballerinen nicht nur eine unendliche Vielfalt an geometrischen Formationen in den Raum, sie entwerfen auch eine magische Sprache für die Zauber-Kreaturen, in der sie ausdrücken, was wir noch alles sein können, welche übernatürlichen und animalischen, welche phantastischen Impulse in uns lebendig sind.

Das Problem von Martin Schläpfers „Schwanensee“ beginnt weit unterhalb der choreographischen Ebene. Jenseits der Frage, ob seine ästhetischen Auffassungen, seine Bewegungsphantasie, sein künstlerisches Temperament es ihm nahelegen sollten, drei Stunden Schritte erfinden zu wollen, die unsere Bilder vom „künstlichen Flügelschlagen“ glücklich überlagern, ist der Gestus seines Herangehens, sind seine Dramaturgie und seine Regie wenig aufregend und überzeugend.

Es gab noch nie einen so biederen „Schwanensee“. Statt ästhetischer Öffnung hin zum Fabelhaften, Märchenhaften, Mythologischen, statt zu versuchen, die gegensätzlichen Welten von Kultur und Natur in eine moderne Form zu bringen, psychologisiert man in Düsseldorf herum.

Übersensibler Gespiele seiner Jungsfreunde

Marcos Menha als „Siegfried“ wirkt nicht nur im Habitus viel älter und betulicher als irgendein Achtzehnjähriger auf dieser Erde, er ist im ersten Akt auch ein übersensibler Gespiele seiner Jungsfreunde und bricht schier zusammen, als seine Ma, die Königin, ihm nahelegt, eine Braut zu wählen. Das ist natürlich Quatsch. Als Prinz wird ihm ja schon seit Kleinkindtagen erklärt, was auf ihn zukommt. Man möchte Schläpfers Helden zurufen, er möge doch kein Drama aus seinen Dramen machen, so angegriffen wirkt er.

Schon lange kultiviert Schläpfer eine Ästhetik der Brüche, auch das trägt zu dem altbackenen Eindruck dieser überwiegend barfuß abgehaltenen Veranstaltung bei. Sein Siegfried verlustiert sich mit einfachen Leuten, die sich munter in kurzen Hosen von links nach rechts amüsieren. Das gezierte, gespreizte Beine-bis-hinter-die-Ohren-Ziehen bleibt dann der Schwanendame Odette vorbehalten, die Marlucia do Amaral mit weit aufgerissenen Augen spielt.

Das Mimen in der Inszenierung ist schwer erträglich

Überhaupt, das ganze Mimen in dieser Inszenierung ist schwer erträglich. Wie sollen Tänzer, die nie Handlungsballette tanzen, das auch nach ein paar Wochen können? Trotz der übertriebenen Stummfilm-Schauspielerei versteht man kaum, was passiert, wenn man nicht vorher das Programmheft studiert hat.

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Am Ende des Abends hat das Publikum zumindest gelernt, wieso die allererste Fassung des Balletts von 1877 scheitern musste. Das Libretto der Urfassung, auf das auch Martin Schläpfer zurückgeht, sieht eine Stiefmutter Odettes vor und einen Großvater zusätzlich zum Rotbart. In Düsseldorf ist schwer zu durchzublicken, wer nun wem Böses oder Gutes will und warum.

Das steht im Gegensatz zu der choreographischen Feier der Einfachheit und Schlichtheit. Siegfried wirft sich Odette schon mal über die Schulter wie einen Sack Vogelfutter, und am Ende schleppt er die eben Gestorbene in die Gasse, frei nach dem Motto: Uff, das hätten wir geschafft!

Das alles ist tiefste Provinz, Provinz mit Geld

Es ist ja auch keine besonders attraktive Umgebung, welche die beiden da verlassen. Florian Ettis schwarze Bühne mit Neonlichtstreifen und seine spießigen Kostüme tragen zu dem braven pseudomodernen Gesamtbild bei. Odette trägt eine knielange weiße Tüllgardine mit einem Bikini darunter. Die zwölf Schwanendamen auf nackten Füßen tragen Röcke, die wie aus weißen Fellschwänzen zusammengenäht aussehen.

Das alles ist tiefste Provinz, Provinz mit Geld. Man möchte hoffen, dass auch die misogynen Züge und die politische Fragwürdigkeit der Inszenierung der Unbeholfenheit des ganzen Unterfangens geschuldet sind. Siegfrieds fiese Mutter hat offensichtlich ein Verhältnis mit ihrem schwarzen Zeremonienmeister (ganz großartig und würdevoll getanzt von dem phantastischen Chidozie Nzerem).

Odette wird von Siegfried mehrfach so gehoben, dass ihr das Publikum in den Schritt schaut, ein Fauxpas, dessen Abschaffung an dieser Stelle schon vor Jahrzehnten gefordert wurde. Provinz ist, wenn man sich modern fühlt, weil man in „Schwanensee“ die Tutus abgeschafft hat.

Quelle: F.A.Z.
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