Maxim-Gorki-Theater

Wenn Ablehnung die Luft zum Atmen raubt

Von Irene Bazinger
 - 12:56

Im Konzert der vielfältigen Berliner Theater ist das Maxim Gorki Theater einerseits das kleinste, andererseits das mit der markantesten, weil am stärksten ausdifferenzierten Stimme. Ironisch könnte man als Motto der seit 2013 währenden Intendanz von Shermin Langhoff und Jens Hillje sagen: Minderheiten aller Länder, wo auch immer euch das Herz schmerzt und der Schuh drückt, vereinigt euch hier bei uns! Identität, Sexualität, Herkunft, Gender Trouble, Migration, Ideologie, all das wird – gern mit englischen, arabischen, ungarischen, manchmal deutschen Übertiteln und meist mit reichlich Musik, Gesang, Tanz – im Stil eines flotten Zeitgeist-Cabarets auf die Bühne gebracht.

Wie viel das mit Kunst zu tun hat, lässt sich nur von Aufführung zu Aufführung entscheiden. Auf jeden Fall stimmt die Quote, da die Zuschauer zielgruppengenau angesprochen werden. Solcherlei Corporate Identity wird gewiss helfen, wenn es gilt, sich etwa gegen die neue Volksbühne zu behaupten, die ein ähnlich urbanes, hippes, modebewusstes Publikum gewinnen möchte.

Regisseurin Yael Ronen ist eine bewährte Kraft

Eine bewährte Kraft am Gorki Theater ist die israelische Regisseurin Yael Ronen, die ihre Produktionen inhaltlich wie formal stets mit dem jeweiligen Ensemble erarbeitet und durch dessen private Erfahrungen strukturelle politische Zusammenhänge zu erhellen versucht. Wie nun mit „Roma Armee“, einem zweistündigen Abend, in dem es um die heutigen Probleme von jungen Roma geht, die sich gegen „antiziganistische Diskriminierung“ respektive „Zigeuner“-Klischees wehren, ohne ihre Herkunft und emotionale Zugehörigkeit verleugnen zu wollen.

Im architektonisch schlichten Bühnenbild von Heike Schuppelius, das mit bildender Kunst von Delaine und Damian Le Bas dekoriert ist, erzählen die acht Darsteller mit geradezu unschuldigem Enthusiasmus von Diskriminierung, Repression, Armut, Hoffnungslosigkeit – oder von wüsten Gewaltphantasien, wenn ihnen die Alltagsdiffamierungen jedwede Luft zum Atmen rauben. In farbenprächtigen Kostümen, mit schmissig choreographierten Gesangseinlagen und gelegentlichen selbstironischen Anmerkungen brechen sie ihre Litanei des Unrechts auf und transzendieren sie in zwanglos-amüsante Agitation.

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Obwohl manches davon arg eindimensional erscheint, gelingt Yael Ronen mit dem Ensemble um die Schwestern Sandra und Simonida Selimović, die auch die Idee zu diesem Projekt hatten, eine multiple, immer wieder berührende Nahaufnahme der Ausgrenzung, der die Roma mehr oder minder überall in Europa unterliegen. Die Zuschauer sollen dadurch nicht länger auf sie herab sehen, sondern mit ihren Augen die Mechanismen von Demütigung und Verfolgung wahrnehmen.

Aus der Perspektive der Distanz

Ganz anders, und zwar nachdrücklich aus der perspektivischen Distanz, ist die zweite Uraufführung gestaltet, mit der das Maxim Gorki Theater auf der angegliederten Studiobühne die neue Saison eröffnet. In seinem von ihm selbst inszenierten Stück „Skelett eines Elefanten in der Wüste“ reflektiert Ayham Majid Agha, 1980 in Syrien geboren und Oberspielleiter des „Exil Ensembles“ am Gorki, über den Krieg in seiner Heimat. Es sind lose Fragmente, in denen ein Scharfschütze ebenso auftaucht wie eine Zirkus-Conferencière, eine Bauchtänzerin und ein Fotokünstler.

Auf der schmalen Bühne steht ein schwarzer Quader, den das Publikum erst im Dunkeln umkreist, ehe es ihn wie einen schwer zugänglichen Assoziationsraum betreten darf. An der Stirnseite laufen kurze Filme ab, die oft eine zerstörte Stadt mit aufgesprengten Häusern zeigen, und zwar wie durch ein Zielfernrohr: Sehr weit weg und doch tödlich nahe. Auch die lockere Textfolge ist wie mit einem fremd-kühlen Blick auf die syrische Tragödie geschrieben: „Er fiel vom Himmel am frühen Mittwochmorgen“, heißt es etwa einmal über einen toten Jungen, den die „Kämpfer“ als „Sack Fleisch“ beschreiben.

Thomas Wodianka als ungerührter Heckenschütze steuert einen kleinen Spielzeugpanzer zwischen den auf zwei Tribünen sitzenden Zuschauern hindurch und fixiert sie später beschwörend mit den Augen, wenn er über die Liebe zu Waffen spricht, die seine Figur prägt. Ohne jede Sentimentalität gelingt es Ayham Majid Agha als Autor wie als Regisseur, bekannte Informationen so kunstvoll zu modifizieren, dass sie die mediale Wirklichkeit, in der sie uns normalerweise kaum noch erreichen, erheblich übersteigen und quälend präsent werden. Subtil wird das Theater da politisch – und wahrhaftig zugleich.

Quelle: F.A.Z.
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