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Midori

Spielen, bis die Saite reißt

Von Anna von Münchhausen
 - 16:49
Ein Ausnahmetalent: Midori Bild: Union Theater, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.01.2005, Nr. 4 / Seite 53

Wie klein sie ist. Ein Mensch, der auf der Stelle Beschützerinstinkte weckt - offenbar unterschiedslos bei Männern wie Frauen. Der eisige Ostwind scheint die Musikerin Midori an diesem Morgen geradewegs von der Alster in den Künstlereingang der Hamburger Musikhalle hereingeweht zu haben, so verfroren sieht sie aus.

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Wärmstens begrüßt sie der Hausmeister: „Schön, daß Sie wieder mal zu uns kommen“ - um ihr gleich den Koffer abzunehmen. Keine fünf Minuten sitzt sie in der plüschrot ausstaffierten Garderobe, da kommt schon Benedikt Stampa, der neben ihr wie ein Hüne wirkende Geschäftsführer der Musikhalle, mit einem Tee-Tablett und fünf Bananen herein.

„Man muß aufrichtig sein mit sich selbst“

Vielleicht ist diese Fürsorge normal für einen Weltstar, der die großen Konzertsäle dieses Planeten nun schon seit 22 Jahren kennt, von den Kritikern gerühmt und vom Publikum verehrt wird. Vielleicht ist es auch normal für eine Frau, die trotz ihrer 33 Jahre immer noch mädchenhaft wirkt. Vielleicht ist es aber auch nur so, weil Midori eine Krise hinter sich hat, an der sie beinahe zerbrochen wäre. Jetzt drückt sie sich noch tiefer in die Ecke des roten Sofas hinein und gibt, aller Müdigkeit und einer heiseren Stimme zum Trotz, ebenso ernsthaft wie präzise Auskunft über das, was ihr in den vergangenen Jahren zugestoßen ist. Den Grundton setzt sie gleich vorweg: „Man muß aufrichtig sein mit sich selbst.“

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Midori hat ein Buch geschrieben - ja, sie selbst. Kein Team, kein Ghostwriter. Und zwar ein ehrliches. Damit hat sie etwas gewagt, das in der kleinen Szene der Musikprofis von Rang absolut ungewöhnlich ist: das erschütternde Zeugnis einer psychischen Erkrankung abzulegen. Sechs Jahre lang, zwischen 1994 und 1999, balancierte Midori am Abgrund, von aller Welt unbemerkt.

Das Wunderkind

Das alles kam nicht von ungefähr. Schon auf den ersten Seiten der Autobiographie entfaltet sich der düstere Dreiklang, der ihre frühen Jahre prägte: Von Leid und Schuldgefühlen ist die Rede, als die Ehe der Eltern scheitert. Und vor allem natürlich von der heiligen Pflicht, dem Üben, tagein, tagaus. Ihre erste Lehrerin war die eigene Mutter, die nach der Scheidung in der Tochter einen neuen Lebensinhalt findet. „Wenn wir zusammen übten, verliefen diese Stunden selten ruhig. Hin und wieder gab es auch einen Klaps, und einmal, als sie besonders frustriert war, hat sie meine Geige gepackt und sie kaputtgeschlagen.“

Was zu tun war, wußte Midori schon mit sechs, sieben Jahren - ihr „innerer Aufpasser“, genannt „I.A.“, ein wahrer Sklaventreiber, diktierte ihr eine Routine besessener Arbeit an sich selbst. Als Sechsjährige spielt sie die 24 Paganini-Capricen, dazu Bachs Sonaten für Violine solo. Die logische Folge ihres Auftritts als Elfjährige mit den New Yorker Philharmonikern unter Zubin Mehta war jene Zeit, als sie Publikum und Kritiker nicht nur mit schierer Niedlichkeit, sondern ebenso mit erstaunlicher Technik und reifen Interpretationen beeindruckte: die „Wunderkind“-Jahre. Sie haßt dieses Wort, das Wort und das Klischee, das damit einhergeht. Doch dieses Klischee erfüllte sie nahezu hundertprozentig.

Viel zu früh

Da ist die Mutter - unerbittlich, was das Üben angeht und das Streben nach früher Perfektion. Als sie eine neue Beziehung eingeht, eine Chance, das symbiotische Mutter-Tochter-Verhältnis herunterzudimmen, wird alles noch schlimmer, denn Midori lehnt den Stiefvater ab, besonders, als dieser sich in ihre Karriere einmischt.
Da ist die Juilliard School in New York - eine Art Hochtemperaturreaktor für den Nachwuchs des Konzertbetriebs, der darauf gedrillt wird, sich gegenseitig mit virtuosen Bravourstücken zu übertreffen. Schließlich die neue Heimat, in der sie wie in einem Kokon lebt: Midori spricht nach ihrem Weggang aus Osaka zunächst nur rudimentäres Englisch.

Eine Konstellation, die in extremer Isolation mündet, wie in Alice Millers Abhandlung „Das Drama des begabten Kindes“ beschrieben. Sein Ausnahmetalent versperrt dem Mädchen alles, was einen Ausgleich zur asketischen Disziplin geschaffen hätte. Viel zu früh wird die junge Musikerin überdies allein auf Tournee geschickt. Und damit jener trostlosen Routine des Konzertbetriebes ausgesetzt. Ein Lebensrhythmus, der auch stabilere Naturen aus der Bahn werfen kann.

Dramatische Momente

Als Interpretin hat sie immer schon einen Espressivo-Stil mit vollem Körpereinsatz gepflegt, dem mitunter das Etikett „gestrig“ angeheftet wird. „Das Wunderkind ist längst erwachsen“, meldeten die Medien Anfang der neunziger Jahre, froh, daß in diesem Fall der gefürchtete „Wunderkinderkaterknall“ ausgeblieben war, der schon oft Karrieren beeendete, die in frühen Jahren zu den schönsten Hoffnungen Anlaß geboten hatten. In Midoris Fall aber kam es schlimmer.

Denn allmählich entwickelte sich der „I.A.“ zum Dämon, ständig gab es neue Ziele. Nicht Ehrgeiz, nicht der Wunsch nach Anerkennung von außen trieb sie voran, womöglich nicht einmal der Drang, auch anspruchsvollste Stücke der Musikliteratur zu durchdringen und letztlich zu beherrschen. Sondern vielmehr ein innerer Zwang, der schließlich selbstzerstörerische Züge annahm. Ab und an meldet sich das Unterbewußtsein, sehr, sehr leise. Dann läßt sie ihre Geige irgendwo liegen, vergißt sie einfach im Restaurant oder anderswo. Dramatische Momente.

Diagnose: schwerste Depressionen

„Ihr Ruhm ist so groß, daß es keines Nachnamens bedarf“, schrieb ein Kritiker noch kurz vor ihrem ersten Zusammenbruch. Ende 1993 war es - da ließ sie sich zum ersten Mal Schlaftabletten verschreiben. Sie wurde quasi über Nacht abhängig.

Ein halbes Jahr später, während der Europa-Tournee mit Robert McDonald, hörte sie einfach auf zu essen. „Ich nahm nur noch alle paar Tage etwas zu mir. Diese Art von Selbstbeschränkung erfüllte mich mit großer Ruhe.“ Als die „New York Times“ im September 1994 meldet, Midori werde „aufgrund ungeklärter Verdauungsbeschwerden“ eine Auszeit nehmen und eine Reihe von Konzertterminen absagen, hielt sie sich bereits in der geschlossenen Abteilung der Cornell Medical Centers auf. Diagnose: schwerste Depressionen, Magersucht, Tablettenabhängigkeit. Bis zum Finale furioso hatte sie funktioniert, den Takt gehalten, war zuletzt auf dem Tanglewood Festival noch kurzfristig eingesprungen für Anne-Sophie Mutter. „Beethovens Violinkonzert stand auf dem Programm. Ich glaube, ich spielte es nicht anders als sonst. Aber ich nahm alles nur wie durch einen Schleier wahr.“

Das Leben neu sortiert

Das Jahr 1999 bringt den Wendepunkt. „Das Karussell von Schuld, Angst und Verzweiflung, auf dem ich mich die letzten Monate befunden hatte, drehte sich immer schneller - bis zum erneuten Zusammenbruch.“ Zum fünften und letzten Mal begibt sie sich in die Fürsorge der Klinik.

Daß sie herausfand aus dieser Abwärtsspirale, ist zum einen der Arbeit ihrer Therapeuten zu verdanken, zum anderen ihrem Entschluß, ihr Leben noch einmal zu sortieren und auf eine neue Grundlage zu stellen. Nun ist die Musik ein wichtiger Teil, aber nicht mehr der einzige Fokus ihrer Existenz. Sie hat eine Stiftung gegründet, die sich der musikalischen Früherziehung in Schulen widmet, hat ihr Psychologiestudium mit dem Master-Examen beendet, und sie unterrichtet Studenten an der Manhattan School of Music.

Nein, als therapeutische Bewältigung möchte sie das vorerst nur auf deutsch erschienene Buch keinesfalls verstanden wissen. „Es war eine Idee meines Verlegers, und ich schreibe inzwischen richtig gern.“ Und wie immer, wenn Midori etwas beginnt, macht sie es sehr, sehr gründlich und am Ende richtig gut. Mit dem Schreiben ist es ähnlich wie mit der Musik: „Sie dringt völlig in mich ein und beginnt dann in mir ein Eigenleben.“
Plötzlich steht sie auf, um den rechteckigen Kasten zu öffnen, den sie auf Reisen nie aus den Augen läßt. Über den grünen Samtvertiefungen liegt ein weißes Tuch, außen Seide, innen Flanell. Darunter Midoris Instrument: Nach langer Suche ist sie schließlich auf diese Guerneri del Gesu gestoßen, Baujahr 1734, auffallend klein und von einem überirdisch strahlenden Klang. „Nein, ich lasse sie nirgendwo mehr liegen.“ Auch dieses Problem ist also bewältigt.

Den Bogen überspannt

Daß sie ein Ausnahmetalent war, belegen Fotos ihres ersten Konzertauftritts. Da war Midori, geboren 1971 in Moriguchi bei Osaka, vier Jahre alt und konnte gerade die Sechzehntel-Geige halten. 1982 Umzug nach New York, Lehrjahre an der Juilliard School unter Dorothy DeLay. Im gleichen Jahr Debüt mit den New Yorker Philharmonikern unter Zubin Mehta, 1986 beim Tanglewood Festival - ein Auftritt, der Furore machte: Der Geigerin riß mitten in der Bernstein-Serenade zweimal die Saite, woraufhin sie beherzt zu den Instrumenten der Orchestermusiker griff, ohne den Vortrag zu unterbrechen. Die "New York Times" bejubelte diesen Auftritt auf der Seite eins. Regelmäßige Konzerttourneen mit den großen internationalen Orchestern folgten. Einer ihrer einflußreichsten Mentoren wurde Isaac Stern.

Lange schien es, als bleibe sie trotz ihrer Wunderkind-Karriere von Einbrüchen verschont. Doch 1994 brach ihre Krankheit aus - mehrfach ließ sie sich gleich nach einer Tournee in die Psychiatrie einweisen. Ein Gegengewicht zur Musik bilden inzwischen ihre Stiftung "Midori&Friends", das Studium sowie ihre Arbeit mit jungen Violinisten. Ihre Autobiographie ("Einfach Midori", Henschel Verlag, 24,90Euro) ist soeben erschienen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.01.2005, Nr. 4 / Seite 53
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