Mozartfest Würzburg

Ein Trümmerfeld von Leichtsinn und Frivolität

Von Gerald Felber
 - 14:32

Die Aufklärung: Wort und Sache fanden ja, ehe die bunten Zappelstöhnbildchen auf dem Smartphone diese Funktion übernahmen, vor allem im Zusammenhang mit der sexuell-moralischen Ertüchtigung der jungen Generation Anwendung – Pädagogik unter Einschluss einer kleinen Restverlegenheit.

Genau genommen geht es, wenn man über jene Epoche im achtzehnten Jahrhundert redet, die die gleiche Bezeichnung trägt, auch nicht viel anders, wenn ihr Verhältnis zu den Künsten ins Spiel kommt: Man weiß schon so ungefähr, worüber man reden will, aber... Der Ansatz eines Kant oder Voltaire war eben ein gesellschaftspädagogischer und kein künstlerischer; das Irrationale, Überspannte und in vielerlei Hinsicht Regellose, mittels dessen Kunst unverwechselbar oder überhaupt erst zur Kunst wird, passte nicht wirklich in die Systematik der Enzyklopädisten und Weltdurchleuchter.

Nochmals gesteigert gilt das für die Musik mit ihren tief ins Unbewusste wie triebhaft Physiologische reichenden Wirkungsmechanismen. Deswegen ist es für den eloquenten Ulrich Konrad, der als Mozartspezialist in Würzburg lehrt und damit als Dauer-Gesprächsgast des dortigen Mozartfestes quasi gesetzt ist, viel leichter, über Wolfgang Amadés Selbstvermarktungsstrategien als Beispiel dafür zu sprechen, wie einer aufklärerische Handlungsmaximen innovativ und erfolgreich auslebt; und ungleich schwieriger, sobald die Frage ansteht, wie dergleichen nun vielleicht auch aus den Klängen herauszuhören sei.

„Ich glaube nicht an die aufklärerische Kraft der Musik“

Da kommen oft zitierte Belegstellen aus Mozarts Briefen wie die über das „Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht“, welches der Komponist bei seinen Klavierkonzerten anstrebte; jene raren Streiflichter also, mittels derer der Künstler kurze Blicke in den ästhetischen Braukessel gestattet und die doch eigentlich gar nichts über Substanz und Wirkung des Ganzen sagen; und es kommt die „Kleine Nachtmusik“ als Paradebeispiel kunstvollst disponierter – aufklärerischer? – Einfachheit.

Doch das diesjährige Mozartfest-Motto „Aufklärung – Klärung – Verklärung“ ließ dem Referenten keine Wahl und forderte Stellungnahme. Dass dabei zu fast jeder Aussage auch gegenteilige, wenigstens relativierende Belege möglich sind, macht die Sache deswegen keineswegs sinnlos und führte bei einer Künstlerumfrage sogar zu erstaunlich rigorosen Statements wie beim Pianisten Christian Zacharias: „Ich glaube nicht an die aufklärerische Kraft der Musik.“ Weiter spielen wird er sie natürlich trotzdem – in Würzburg als Dirigent und Solist mit dem Orchestre de Chambre de Paris (22. Juni) und in einer ansehnlichen Reihe weiterer Pianisten wie Kristian Bezuidenhout (10. Juni), Pierre-Laurent Aimard (20. Juni) und William Youn (am 24. Juni, dem Abschlusstag des Festivals).

Diese Reihung zeigt auch, wohin Evelyn Meining, die seit 2014 amtierende, überaus rührige Mozartfest-Intendantin, bei ihren Einladungen zielt: nicht zuerst auf Geläufigkeit und Renommee, sondern vor allem auf eine möglichst intensive Beziehung zum Festivalpatron. In diesem Sinne hat sie seit ihrem Amtsantritt schon die Dirigenten René Jacobs und John Eliot Gardiner an den Main locken können, während sich dieses Jahr gleich zu Anfang Hartmut Haenchen und Marc Minkowski am Pult ablösten.

Mozart als Anti-Aufklärer?

Aufklärung hat bei solchen Künstlern, in einer wieder etwas anderen Spielart des Wortes, mit einer gefestigten, kritisch-analytischen Beziehung zu tun. Deren staunenswertes Ergebnis konnte man zum Beispiel in Haenchens Interpretation von Mozarts „Jupiter“-Symphonie mit der Camerata Salzburg erfahren: keine Spur von edler Klassizität, die einleitenden Tuttischläge wie Prankenhiebe, verzagte, leise winselnde Antworten im Nachsatz, jede Dissonanz schmerzlich auskostend – eine Kontrastspanne, die am Ende schließlich in jenes Fugenfinale führte, das gemeinhin als Muster transparent ausgeleuchteter Klangarchitektur gilt und hier nun plötzlich als tief beunruhigte, düster-unrastige Jagd wonach auch immer vorbeigeisterte.

Minkowski wiederum legte am ersten der beiden Abende mit seinen „Musiciens du Louvre“ den Hauptakzent auf zwei Symphonien Joseph Haydns: Routine – höchsten Niveaus zwar, aber Routine eben doch –, die freilich an einigen Stellen schon für ein plötzliches, bestürzt-erschrecktes Zu-sich-Kommen sorgte. Dann aber folgte die Oper „Così fan tutte“, und was bei Haydn noch als Einzeldetail stand, wurde hier zur abendfüllenden Großform: In Tuchfühlung zum Publikum hörte und sah man die Wandlung einer mit Hochdruck angeheizten, leichtsinnig-frivolen Selbsterforschungs-Maschinerie in ein emotionales Trümmerfeld.

Und wo man erst einem hitzigen Match beizuwohnen glaubte, bei dem aus zwanzig Eckbällen immer noch kein Tor geworden war, erlebte man im zweiten Akt das zunehmende Zerfallen der Strukturen, die immer verzweifelteren Pausen und einen Gang der Dinge, bei dem am Ende Protagonisten wie Zuschauer eins wurden im fassungslosen Begreifen, dass nun vielleicht nichts, aber auch gar nichts mehr je gut werden könne.

Das alles mit sparsamsten Mitteln und einer einmal mehr perfekt ausgesuchten Sängerschar, in der die seelisch immer mehr den Boden verlierende und stimmlich immer eindringlicher werdende Fiordiligi von Ana Maria Labin, der wüst haltlose Guglielmo von Robert Gleadow und das rotzige Gör, zu dem Giulia Semenzato ihre Despina machte, besondere Glanzlichter setzten. Mozart als Anti-Aufklärer?

Er denunziert ja nichts und niemanden, nicht einmal den abgegessenen Seelen-Mechaniker Don Alfonso. Doch die Abgründe, in die er hier wie in vielen anderen Werken blicken lässt, lassen sich heute genauso wenig in schöne Ordnungssysteme pressen wie damals. Wobei ja auch schon das tatsächlich Machbare alle Anspannung fordert. Evelyn Meining hat in ihren bisherigen vier Jahren das Fest weit geöffnet: mit dem „Mozart-Labor“, das sich als „aufgeklärter Salon“ zwischen Fachleuten, künstlerischem Nachwuchs und allen Neugierigen versteht, und einer Menge weiterer neuer Veranstaltungsorte und -formen.

Die flammend berauschende Bildwelt des Residenzbaus von Neumann und Tiepolo bleibt in Synthese mit den Klängen Mozarts der zentrale Ort, roter Teppich und fackelilluminierter Garten gehören dazu, doch das Finale dieses Jahrgangs wird nicht dort, sondern in einem umgerüsteten Industriegelände und mit dem in lustvoller Konventionsverachtung agierenden STEGREIF.orchester stattfinden. Auch das ist ein Zeichen – man könnte es aufklärerisch nennen.

Quelle: F.A.Z.
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