Mozarts „Le nozze di Figaro“

Ein Graf von reizbarer Noblesse

Von Jan Brachmann
 - 13:14

Die Menschen lachen. Ganz ohne Vorsatz, jäh überrumpelt – es ist ganz wunderbar. Sie lachen in Straßburg, und sie lachen in München. Es wäre verkehrt, zu sagen, sie lachten hier genauso wie dort. Denn in Straßburg lachen sie lauter, herzlicher und etwas zahlreicher als in München, aber sie lachen verlässlich an den gleichen Stellen. Dann nämlich, wenn der Page Cherubino – vom Grafen unterm Kleid auf dem Sessel entdeckt und des Lauschens bezichtigt – mit schockstarrer Schlagfertigkeit raushaut: „Ich war so taub, wie ich nur sein konnte.“

Oder wenn der Gärtner sagt, ein Mann sei vom Balkon gesprungen, aber ein Pferd habe er nicht vom Balkon springen sehen. Schließlich, wenn sich herausstellt, dass Marcellina, die den chronisch klammen Figaro über einen Kreditvertrag zur Heirat erpressen will, dessen Mutter ist.

Hä? Wie jetzt? Seine Mutter?! Die Architektur der Überraschungen, Zeitpunkt und Umgebung ihrer dramatischen Plazierung sind in der Oper „Le nozze di Figaro“ von Lorenzo da Ponte und Wolfgang Amadeus Mozart so unübertrefflich gefügt worden, dass das Stück auch nach über zweihundert Jahren zündet.

In der Opéra National du Rhin in Straßburg sitzen, in der dritten Vorstellung seit der Premiere, ziemlich viele Studenten und schulpflichtige Kinder mit ihren Erwachsenen, meistens den Großeltern. Das Haus ist, mitten in der Woche, bis unters Dach ausverkauft, inklusive der dreißig Stehplätze. Der Eindruck einer weitgehend intakten städtebürgerlichen Teilhabe an der Kunst stellt sich ein. Die neue Intendantin Eva Kleinitz, die von Stuttgart ins Elsass wechselte, ist glücklich darüber. Sie erntet damit auch die Früchte ihres Amtsvorgängers Marc Clémeur, der hier nur Regisseure verpflichtet hatte, die den denkenden, liebevollen Dialog mit den Werken und dem Publikum suchen, aber nicht die zynische Selbstbespiegelung des eigenen Betriebs.

Kleinitz setzt diese Arbeit verantwortungsvoll fort. Schon ihre erste Saison hat sie komplett selbst geplant und für den „Figaro“ Ludovic Lagarde verpflichtet, den Intendanten der Comédie Reims, der es hervorragend versteht, eine Komödie zu inszenieren. Sein „Figaro“ spielt im Atelier eines Modemachers von heute; die Kostüme von Marie de La Rocca erinnern an Roben und Haartrachten von Alexander McQueen. Der Graf Almaviva, den Davide Luciano mit der Verführungskraft eines Don Giovanni singt, ist der Chefdesigner. Sein Bedürfnis nach Zuneigung ist ebenso immens wie seine Großzügigkeit der Zuwendung. Es ist die Gräfin, die ihn mit sich selbst konfrontiert und ihn am Ende erkennen lässt, dass ein manipulativer Narzisst in ihm steckt, der seine Umgebung krank macht.

Lässt man sich nun auch in München unter Druck setzen?

Aber zugleich bewahrt Lagarde den Ton des Zaubers, einer melancholischen Zärtlichkeit aller gegen alle. Andreas Wolf als Figaro lässt wegen seiner Wachheit, Reaktionsschnelle und feurigen Schönheit seines Timbres aufhorchen, ebenso die junge Litauerin Lauryna Bendžiunaite, deren Sopran ziemlich gewitzt und süß zugleich ist, wie es sich für eine Susanna gehört. Patrick Davin, der das Orchestre Symphonique de Mulhouse leitet, hat einen untrüglichen Sinn für musikalischen Fluss und komödiantisches Timing. Dass die Pointen so genau sitzen, ist wesentlich ihm zu verdanken.

Natürlich kann das Bayerische Staatsorchester in München nicht nur mit Originalinstrumenten wie ventillosen Hörnern und Barocktrompeten, sondern auch mit einem brillanteren Klang der Streicher aufwarten. Aber der Dirigent Constantinos Carydis schlägt zuweilen derart überhastete Tempi an, dass es selbst einen so unanfechtbaren Sänger wie Christian Gerhaher bei den Koloraturen in der Coda seiner Arie als Graf Almaviva im dritten Akt aus der Kurve trägt. Dazu hört man immer wieder Kunstpausen, jähe Akzente oder das bedrohliche An- und Abschwellen der Hörner, was zwar von einer ungeheuren orchestralen Virtuosität zeugt, aber hier selbstzweckhaft ausgestellt wird. Und braucht man wirklich Cembalo, Hammerflügel und Truhenorgel für die Begleitung der Seccorezitative? Oder lässt man sich nun auch in München unter Druck setzen durch den Maximaleinsatz erogener Interpretationsspielzeuge, mit denen Teodor Currentzis neuerdings Mozart auch für die durch Gewöhnung Erschlafften wieder sexy machen will?

Ein an Genialität grenzender Einfall im Bühnenbild

Gesungen wird in München frisch und ansprechend. Federica Lombardi hat die nötige Tiefengrundierung für die Schwermut der Gräfin. Gerhaher ist als Graf von sehr reizbarer Noblesse, wirklich liebebedürftig, doch am Ende durch seine Bloßstellung bis aufs Knochenmark erschüttert, was er mit überragender Sparsamkeit darzustellen weiß. Ein Ereignis ist natürlich auch Anne Sofie von Otter als Marcellina, die statt ihrer Schaf- und-Ziegen-Arie im vierten Akt Mozarts tiefsinniges Lied „Abendempfindung“, sehr sensibel begleitet von Carydis am Flügel, singen darf. Da zeigt sie sich als weise Frau, die im Wissen um die Vergänglichkeit aller Freude wie allen Kummers ihren Sohn tröstet.

Christof Loy ist mit seiner Regie ein analytisches Meisterstück gelungen: Hier herrscht von Anfang an Misstrauen zwischen den Menschen. Alex Esposito als Figaro und Olga Kunchynska als Susanna keifen sich ständig an. Nervöse Aggression lauert zwischen Graf und Gräfin ebenso wie zwischen Gräfin und Susanna. Nur Solenn Lavant-Linke als Cherubino unterwirft sich diesem stets zum Fauchen bereiten Zwang des Belauerns nicht. Er kennt weder Eifersucht noch Maske; sein Begehren ist unverstellt, dessen Objekte sind vielfältig. Mit einem schönen, an Genialität grenzenden Einfall im Bühnenbild von Johannes Leiacker rückt Loy die Dialektik von Freiheit und Unfreiheit im Prozess dieses Dramas ins Bild. Die Türen werden immer größer; am Ende sind die Türklinken außer Reichweite. Geöffnete Türen lassen sich nur noch schließen, aber nicht mehr öffnen. Je mehr Figaros Sehnsucht nach Aufrichtigkeit, nach einem Ende aller Verstellungen sich zu erfüllen scheint, desto weniger Ausflüchte gibt es. Er, der sich im sprachlich immer wieder erstaunlichen Libretto Da Pontes als „neuer Vulkan des Jahrhunderts“ begreift, muss bemerken, dass ihm die Folgen seiner Palastrevolution über den Kopf wachsen. Ist der „Figaro“ in Straßburg eine herzerwärmende Komödie geworden, so gerät er in München zu einem Denkstück über jene soziale Kontrolle, die uns die Tyrannei des Authentischen eingebrockt hat.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMünchenStraßburgFrankreich-Reisen