Wiener Bühnen

Untergang mit Luftballons

Von Martin Lhotzky, Wien
 - 23:03

Seit Beginn der jäh abgewürgten Direktionszeit von Matthias Hartmann prangt auf der Titelseite der Programmhefte des Burgtheaters groß ein Zitat aus der im Heft vorgestellten Aufführung. Ganz winzig, an den oberen Seitenrand geklebt, findet man dann doch noch den Titel und den Autorennamen. Auch Karin Bergmann hat, wohl weil es bei den – noch nicht völlig überwundenen – finanziellen Schwierigkeiten des Hauses am Ring nicht opportun wäre, ein neues Konzept für das Layout in Auftrag zu geben, diesen Brauch beibehalten. Selten fühlt man sich vor dem Betreten des Saales auf die zu erwartende Darbietung so gut vorbereitet wie an diesem Premierenabend: „Die Gefahr, die auf uns zukommt, ich meine die wirkliche Gefahr, ist immer namenlos.“ Diese Formulierung findet sich zwar so nicht in Joseph Roths großem Roman „Radetzkymarsch“ – um dessen Bühnenadaption geht es diesmal –, aber die Warnung vor „wirklicher Gefahr“ ist berechtigt. Doch sie ist keineswegs namenlos.

Johan Simons heißt der Regisseur des Abends, bis heuer Leiter der Ruhrtriennale, ab der Spielzeit 2018/19 dann Chef des Schauspielhauses Bochum. Bei den Wiener Festwochen war er schon zu Gast, nun gibt er mit dieser Inszenierung sein Debüt an der Burg. Dass er, wie er in einem Interview treuherzig bekannte, den „Radetzkymarsch“ nie im Original zu lesen versucht hat, sondern sich vom Dramaturgen Koen Tachelet, der etwa bereits aus Roths „Hiob“ eine Bühnenfassung destilliert hatte, ein Konzept ausarbeiten ließ, ist dem Abend in jeder Minute anzumerken. Schon die Tatsache, dass die wunderbar ironisch-melancholische Sprachmelodie von Joseph Roth beinahe komplett verlorengeht, gibt allen, die ein Ende von Romandramatisierungen fordern, recht.

Was zeigt uns Simons davon?

Eigentlich geht es bei Roth um den Untergang der Habsburgermonarchie, um die stillen Verbindungen zwischen deren letztem Repräsentanten, dem Kaiser Franz Joseph, dem Tollhaus der k. und k. Armee, und den Nachfahren des alten Leutnant Trotta, des „Helden von Solferino“, der dem damals jungen Kaiser in ebenjener Schlacht 1859 das Leben gerettet hat, dafür befördert und geadelt („Hauptmann Trotta von Sipolje“) wurde. Trottas Sohn Franz wird Bezirkshauptmann einer im Roman nur mit „W.“ benannten Stadt. Der zwingt seinen Sohn Carl Joseph, die Militärlaufbahn einzuschlagen. Der wiederum – im Buch nehmen er und sein an sich jämmerliches, von Selbstzweifeln geplagtes Leben die Hauptrolle ein – fällt gleich am Beginn des Ersten Weltkrieges in einem Scharmützel, das sich genauso sinnlos ausnimmt wie der ganze Krieg. Und auch Vater Franz stirbt, als gebrochener Mann, kurz nach dem Tod seines Kaisers.

Was zeigt uns Simons davon? Leute in Unterwäsche, die mit riesigen Luftballons spielen, welche wiederum ständig störend ins Publikum segeln und von dort manchmal beherzt zurück auf die Bühne geschubst werden. Kaum fällt da noch ins Gewicht, dass – mit Ausnahme der Steirerin Andrea Wenzl, die mehrere Geliebte des Leutnants Trotta in chronologischer Reihenfolge geben darf – lediglich Wahlösterreicher in den Hauptrollen wirken. Falk Rockstroh als Bezirkshauptmann Trotta bleibt schön steif und förmlich. Philipp Hauß als sein Sohn Carl Joseph legt seinen Weichei-Offizier verwirrt und beinahe zu zurückhaltend an. Für Johann Adam Oest bleibt da nur, als leicht vertrottelter oberster Kriegsherr im Nachthemd immer wieder huldvoll in die je falsche Richtung zu winken. Fast möchte man mutmaßen, dass das ein Gott nicht gewollt haben kann, fiele dieser Satz nicht derzeit an ganz anderer Stelle in Wien und in passenderem Zusammenhang.

„Du sollst dir das anschauen!“

Gleichzeitig beweist Regisseur Stephan Kimmig gemeinsam mit Dramaturg Roland Koberg am Volkstheater, dass die Gattung Film dem Theater doch bisweilen näher steht als der Roman. Der 1996, in seinem erst fünfundfünfzigsten Lebensjahr verstorbene, polnische Filmemacher Krzysztof Kieslowski schrieb sich spätestens mit seinem „Dekalog“ – zehn je zirka einstündigen Spielfilmen, die, fürs polnische Fernsehen zwischen 1988 und 1989 produziert, auf die biblischen Zehn Gebote Bezug nehmen – in die Riege der Großen der Filmkunst ein. Eine kleine Fotoausstellung im oberen Rangfoyer des Volkstheaters erinnert derzeit an Kieslowski und, wie schon bei anderen Inszenierungen versucht, ehrt die zweitgrößte Wiener Bühne das Andenken an den Filmkünstler auch durch Textübersetzung mittels Übertiteln während der Vorstellungen. Diesmal eben auf Polnisch und Englisch – und manchmal Deutsch, wenn einzelne polnische oder englische Sätze fallen.

Auf knapp drei Stunden heruntergebrochen, entfalten die nur ganz lose verbundenen Erzählungen in „Die Zehn Gebote“ ihre eigene Wucht auf der bis auf ein Lastwagenwrack und acht schlichte Bürostühle leeren Bühne. Das Ensemble des Abends besteht aus acht Schauspielerinnen und Schauspielern, ergänzt um – an jedem Abend aus Jugendschutzgründen freilich bloß je zwei – entzückend schauspielernde Kinder, die sich in die vielen Rollen wunderbar und rasend schnell aufteilen.

Da verkörpert etwa Seyneb Saleh die Studentin Anka, die ihre Mutter nie kennengelernt hat und nun durch einen Brief, den sie eigentlich nicht hätte öffnen dürfen, in Zweifel gerät, ob Michal, den Lukas Holzhausen erst im Bergsteigeroutfit, dann in einen braunen Achtziger-Jahre-Anzug wechselnd gibt, ihr echter Vater ist („Du sollst Vater und Mutter ehren“). Oder Peter Fasching, der als jugendlicher Voyeur und Postbeamter Tomek von Magda, seiner nymphomanischen Angebeteten, der Anja Herden ihren kräftigen Körper leiht, gezwungen wird, sie beim Sex mit einem hier anonymen Mann („Du sollst nicht ehebrechen“) zu beobachten. Mag es auch als Blasphemie gelten, für diese Inszenierung ein neues Gebot aufzuwerfen, so muss es doch heißen: „Du sollst dir das anschauen!“

Quelle: F.A.Z.
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