Anzeige

Neue Volksbühne Tempelhof

Aus jedem Lippenschürzen spricht Übermut des Erlebens

Von Simon Strauss
 - 22:36
Anrührende Direktheit: Zina Al Abdullah ist eine der jungen Frauen. Bild: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de, F.A.Z.

Bis vor sechs Wochen wurde der Hangar 5 auf dem Flughafen Tempelhof noch als Erstaufnahmelager genutzt. Flüchtlinge schliefen, stritten und träumten dort, in der gewaltigen Werkhalle, wo während des Zweiten Weltkriegs ein Endmontagelager für Jagdbomber eingerichtet war. Jetzt findet hier eine Theaterinszenierung statt. Von einer temporären Zuschauertribüne schaut man hinab auf eine spiegelweiße Fläche, an deren hinterem Ende neun Stühle stehen. Besetzt werden sie bald von neun jungen syrischen Frauen, die darauf warten, zu einem Vorsprechen aufgerufen zu werden. „Iphigenie“ soll gespielt werden, jenes antike Mythenstück, in dem die Tochter vom Vater den Göttern geopfert werden soll, damit das griechische Heer weiterfahren kann nach Troja. Der Tod der einen als Lösung für die vielen.

Anzeige

Aber an diesem Abend geht es nicht um den alten Mythos, sondern um die aktuelle Lebenssituation der potentiellen Iphigenie-Darstellerinnen. Nacheinander kommen sie aus dem Halbdunkel nach vorne, setzen sich auf einen Stuhl und blicken ungerührt in die Kamera, hinter der auf Stöckelschuhen eine Casterin steht und ihnen intime Fragen stellt.

Mit quirligem Innenleben und großer Inszenierungslust

Die Flucht ist nicht das zentrale Thema in diesem vom syrischen Dramatiker Mohammad Al Attar geschriebenen und vom syrischen Regisseur Omar Abusaada arrangierten Theaterstück. Zum Glück nicht. Denn dann wäre nach wenigen Minuten schon alles klar – Iphigenie als Spielball der Mächtigen, geopfert aus politstrategischen Interessen. Was diesen Abend von anderen unterscheidet, die unter dem Vorzeichen „Flüchtlinge auf der Bühne“ stehen, ist die Diskretion, mit der das Thema behandelt wird. Es geht nicht darum, einem vorhandenen Stück den schweren Mantel der „Migrationskrise“ überzustülpen, es rabiat auf moralische Linie zu bringen und gedankenarm zu aktualisieren. Stattdessen wird eine ritualisierte Situation der Enthüllung immer wieder aufs Neue beschrieben. Der Moment, in dem eine Frau mit wenigen, einfachen Worten erzählt, wer sie ist, was sie fürchtet, worauf sie hofft.

In den jeweils etwa zehnminütigen Vorsprech-Sequenzen werden die individuellen Lebensgeschichten der Laienschauspielerinnen auf die konkrete Rollenbewerbung bezogen. Immer wieder fragt die Casterin nach Identifikationsmomenten, nach dem eigenen Bezug zu Iphigenie. Und die Frauen geben Antwort, sprechen über die ihnen vertraute „einengende Liebe“ zum Vater, ihre Opferbereitschaft für Heimat und Familie. Aber dann reden sie sich immer weiter weg vom Stück, sprechen über ihr eigenes Leben, ihre Liebesbeziehungen zu Männern, die „innen ganz leer“ geworden sind, über Geldsorgen, Selbstmordversuche und Liederabende im Mai.

Anzeige

Diana, die ein Schauspielstudium in Damaskus begonnen, aber bisher in ihrem Leben nie etwas zu Ende gebracht hat, erzählt mit einer Mischung aus Abscheu und Hoffnung davon, wie ihre Phantasie sie ständig weitertreibt. Layla, im weißen Kleid, halten alle für stark und stur. Ihr Lachen macht einen fröhlichen Eindruck – „aber innen in mir fühle ich mich ganz einsam“, sagt sie und tanzt dagegen an, schlicht und ungenau, aber mit großer Überzeugungskraft. Sajeda, Maschinenbaustudentin, der Vater ist gestorben, presst die geschwungenen Lippen aufeinander und rückt ihren Hidschab zurecht. Ob das Theaterspielen nicht gegen ihre Gebote der Sittlichkeit spreche, fragt die Casterin, und ob sie in ihrer Rolle auch einen fremden Mann küssen würde. Sajeda zögert und schlägt mit hochmütiger Unschuld die Augen nieder: „Kann ich nicht eine Rolle haben, in der nicht geküsst wird?“, fragt sie spöttisch und spielt dann ergreifend jene Szene vor, in der Iphigenie den Vater um ihr Leben bittet: „Ach, lass mir doch die Strahlen der Sonne.“

Ihre Konfessionen geben diese Frauen mit anrührender Einfalt. Auf ihren schönen, bewegten Gesichtern spiegeln sich ihre Empfindungen ohne Filter, ohne Manierismus. Aus jedem Augenaufschlag, jedem Lippenschürzen spricht der Übermut des Erlebens. Ihre Verzweiflung spielen sie ohne Zweifel, ihre Hoffnung mit großer Zuversicht. Sie drücken ihre Gefühle ganz altmodisch und frei aus, deuten sie nicht nur intelligent an. Und doch sind sie moderne Frauen, tragen Undercuts und haben Therapeuten, mit denen sie über Skype sprechen. Ihr Dasein ist von ihrer eigenen Einschätzung bestimmt, nicht von den Zuschreibungen anderer. „Flucht, Bootsfahrt, Schrecken – ich kann diesen Teil meiner Geschichte nicht mehr hören“, ruft eine von ihnen einmal voller Wut.

Aufmüpfige Ehrlichkeit bei der Selbstbeschreibung, vorsichtige Konzentration beim Ausdruck – diese Haltungen machen den Volksbühnen-Abend besonders. Dass diese Frauen „Geflüchtete“ sind, spielt nämlich nur von Ferne eine Rolle. Vor allem sind es junge Frauen mit quirligem Innenleben und großer Inszenierungslust. Sie spielen mutig mit sich selbst, stellen nicht vorwurfsvoll etwas für andere dar. Ihr Erlebtes unterlegt nicht den Gegenstand, sondern bildet selbst das Geschehen – Dokumentartheater im besten, weil unzweideutigen Sinne.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenTempelhofFlüchtlingeFrauen

Anzeige