Oper „Agnes von Hohenstaufen“

Gewagt, gestemmt, gewonnen

Von Klaus Heinrich Kohrs
 - 10:11

Erhebet die Fahnen, bald rufen die Klänge der Kriegesdromete zum blutigen Tanz!“ Damit beginnt der martialische Schlusschor von Gaspare Spontinis großer historisch-romantischer Oper Agnes von Hohenstaufen, deren Beginn zum selben Geschwindmarsch im Zweivierteltakt den „Adler des heiligen Reiches“ beschworen hatte, der in „Welschlands Gefild“ für Ordnung sorgen soll. Hämmernd werden beide Zählzeiten betont, die zweite mit Pauke, Militärtrommel und großer Trommel noch stärker als die erste. Es geht um den Aufbruch von Kaiser Heinrich VI.* nach Sizilien, der dort sein legitimes Erbe sichern will. Am Ende der Oper stehen sie wieder am Anfang. Dazwischen entfaltet sich in vierundzwanzig erzählten Stunden eine Romeo-und-Julia-Geschichte auf dem Konflikt-Terrain der verfeindeten Welfen und Staufer: Kaiser Heinrichs Cousine Agnes, dem Sohn Heinrichs des Löwen früh versprochen, soll aus Staatsräson mit dem französischen König verheiratet werden, aber die Kavallerie in Form des welfischen Löwen-Vaters kommt noch rechtzeitig.

Was soll man am Beginn des 21. Jahrhunderts mit einer solchen Geschichte und zudem mit einem schwer erträglichen Libretto-Deutsch, das ein Italiener in Musik gesetzt hat, anfangen? Das Theater Erfurt hat es dank des Engagements seines Chefdramaturgen Arne Langer gewagt, Spontinis letztes Werk, an dem dieser von 1827 bis 1837 gearbeitet hatte und das er für sein opus summum hielt, nach einer Pause von hundertachtzig Jahren in seiner Originalgestalt und in deutscher Sprache wieder auf die Bühne zu bringen. Vier extrem gekürzte italienische Produktionen zwischen 1954 und 1986 waren vorangegangen.

Kraftakt und Überbietung

Alles bei Spontini ist hier Kraftakt und Überbietung in gleich mehrere Richtungen. Widrigen Umständen an seiner Wirkungsstätte, der preußischen Hofoper in Berlin, sollte ein letzter Achtungserfolg entgegengesetzt werden. Eine früh schon, in „La Vestale“ und „Fernand Cortez“, gefundene hochexpressive Verbindung von Gesang und einem sprechenden Orchester sollte in eine letzte Konsequenz bis zur Grenze der Implosion getrieben werden. Der preußische Generalmusikdirektor Spontini verlangte den äußersten Einsatz von Menschen und Material: ein Riesenorchester plus achtzehnköpfiges Bläser-Fernorchester zur Imitation einer Orgel, eine große Banda und ein gewaltiges Choraufgebot. Alle Kräfte fasste er im doppelchörigen zweiten Finale, einer Sturmszene mit Blitzeinschlag, zu einem nie gehörten riesenhaften Crescendo zusammen. Wir stehen vor einem Extremwerk in der Liga von Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ und Hector Berlioz’ „Trojanern“. Erfurt hat es gewagt – und gewonnen.

Dass das Ende zugleich der Anfang ist und der Anfang schon das Ende, hat der Regisseur Marc Adam zur Leitidee gemacht: Der martialische Marsch umklammert mit eiserner Faust ein Geschehen, das in eine tief gestaffelte historische Perspektive gestellt ist: von den Schützengräben des Ersten Weltkriegs bis ins zwölfte Jahrhundert und wieder zurück bis zur Reichsgründung. Evoziert wird das durch ein in der Folge der Akte nur wenig modifiziertes zentralperspektivisches Bühnenbild, das in seiner Anlage die legendären Schinkelschen Bühnenbilder zitiert – und durch Kostümwechsel von der Weltkriegsuniform zum Mittelalter-Mummenschanz und zurück bis zur Pickelhaube (Monika Gora). Das ist mit leichter Hand gemacht. Aber die Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitschichten signalisiert zugleich Unentrinnbarkeit.

Die Protagonisten wachsen aus dem großen ersten Chortableau heraus, so als würde die mächtige Musik die Individualschicksale gleichsam aus sich herausschleudern. Am Schluss der Oper treten sie ins Kollektiv zurück. Agnes spielt gar keine Rolle mehr. In Marc Adams Deutung aber – vielleicht sein schönster Gedanke – liegt ein erschöpfter junger Heinrich gleich am Anfang auf der Bühne, im derangierten Weltkriegs-Kommandostand, und ein leibhaftiger Adler sitzt ihm im Nacken. Beim Schlusschor finden sich die beiden endlich vereinten Liebenden an derselben Stelle, in derselben Stellung wieder, zwischen ihnen eine Gasmaske.

Frei von allen Formstandards

Musikalisch vollbringen das verstärkte Philharmonische Orchester Erfurt, die Chöre und die aus Laien bestehende Erfurter Stadtphilharmonie (für die Orgel-Evokation) unter der Leitung von Zoi Tsokanou Erstaunliches. Geradezu überwältigend gelingt das große Sturm-Finale des zweiten Akts. Souveräne Disposition von großen Entwicklungen ist zweifellos die Stärke der Dirigentin, weniger die musikalische Gegenwelt: jene unverwechselbare Idiomatik, die der große Spontini-Verehrer Berlioz „melancholisch-sinnlich“ genannt hat. Agnes’ Barcarole im ersten Akt gerät ihr so zur eher leichtfüßigen Tändelei, und auch Claudia Sorokina nimmt hier einen eher soubrettenhaften Einstieg in ihre Rolle, der Schlimmes befürchten lässt für ihre große Arie im zweiten Akt, jenes wundersame, frei von allen Formstandards sich entwickelnde Gebilde, das allen Seelenschwankungen nachspürt. Große melodische Bögen in immer neuen Varianten und in richtiger Phrasierung sind hier zu gestalten. Das gelingt ihr höchst eindrucksvoll.

Genau dieses Verständnis fehlt dem jungen Heinrich von Bernhard Berchtold für seine Gefängnis-Arie „Der Strom wälzt ruhig seine dunklen Wogen“, ein melancholisches Siciliano, das auf ein düsteres Orchestervorspiel mit einer Kette verminderter Septakkorde folgt. Der andere Spontini, der die martialische Punktierung ins elegische Schweben zu verwandeln weiß, müsste noch stärker herausgearbeitet werden.

Sopran aus der Starre

Berchtold, der in Chemnitz einen so schönen Vasco da Gama gesungen hat, enttäuscht insgesamt durch die Unentschiedenheit seiner Rollenauffassung: ein Don Ottavio, den es ins jugendlich-heroische Fach verschlagen hat und der auch mit seinem „Waffenbruder“ Philipp (Todd Wilander) nicht recht harmonieren will. Eine faszinierende Charakterstudie liefert Maté Sólyom-Nagy als Kaiser Heinrich. Davon hätten die dröhnenden Bässe der alten italienischen Aufnahmen nur träumen können. Siyabulela Ntlale ist ein stimmschöner, wendiger französischer König, Margarethe Fredheim als Pfalzgräfin Irmengard ein hochdramatischer Sopran, der sich erfolgreich aus einer anfänglichen Starre löst.

Aber diese Starre liegt, nach der wiederentdeckten, hier erstmals gespielten schönen Ouvertüre, über dem ganzen Beginn: Die Schrecken des Weltkriegs lassen nur ein dumpf-trotziges Stampfen zu, der Adler fliegt schon wieder: Vom Rücken des hingestreckten jungen Heinrich auf die Faust des Kaisers. So wird es – in Erfurt noch bis diesen Sonntag – weitergehen.

* Anmerkung der Redaktion: Heinrich VI. war der Staufer-Kaiser, der in Gaspare Spontinis Oper „Agnes von Hohenstaufen“ eine Rolle spielt, nicht Karl VI., wie in einer früheren Fassung dieser Besprechung irrtümlich zu lesen war.

Quelle: F.A.Z.
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