Paris

Man spielt nur mit dem Leben

Von Gerhard Stadelmaier
 - 07:02

"Haben Sie keine Angst. Ich möchte nicht geliebt werden. Nicht in Wirklichkeit", beruhigt Fräulein Wurtz den Mann, den sie über alle Maßen liebt. Seit Monaten gibt sie ihm Klavierunterricht. Seit Monaten kommt er in Mendelssohns f-Moll-Präludium keinen Schritt weiter. Seit Monaten steht sie einmal die Woche hinter ihm, schaut auf die ungeschickten Finger des Lieblosen, verzehrt sich vor Begierde und hat vor nichts mehr Angst als vor dem Ende aller Klavierstunden, dem Ende aller Liebe. Ein großes Drama. Würdig eines Marivaux, der es mit Tschechows Feder unter Benutzung von Ionescos Tinte in Becketts Sessel auf dem Papier von Botho Strauß aufgeschrieben haben müßte.

Im Pariser Théâtre de la Madeleine sieht man dieses große Drama nicht. Man sieht ein größeres: das Drama einer Sehnsucht nach einem Drama. Fräulein Wurtz, gespielt von Dominique Reymond, schlank, elegant, gestattet kalkuliert ironisch ihrem schön und scharf geschnittenen Gesicht eine unterkühlte erotische Ausstrahlung und steht wie eine Freiheits- oder Sehnsuchtsstatue leicht wankend, aber verwegen auf der Theke einer etwas zu großen, etwas zu schicken und gleichzeitig etwas zu verkommenen Bar.

Komödiengespenster

Auf der blutrotgestrichenen Wand hinter ihr stürmt ein von den Bühnenbildnern Gilles Aillaud und Bernard Michel gemalter schwarzer Stier in den Raum. Vorne links ein Sofa, überall Kleider und Krimskrams verstreut. Eine Mischung aus Probebühne, Hintertreppenschmiere, Kantine und Lounge. Ebenso verstreut ein paar Schauspieler in Mänteln und Hüten. Sie scheinen fertig mit dem Theater, vielleicht mit dem Leben. Und wollen aufbrechen. Ende der Vorstellung. Da sagt ihnen Fräulein Wurtz von oben herab das Zauberwort: "nicht in Wirklichkeit" - die Liebe, die Sehnsucht, der Schmerz, das Leben. Sondern umgekehrt: dies alles nur ein Spiel. Das Spiel aber todernst.

Dann erklingt der Mendelssohn, richtig und gut gespielt, und die fünf Schauspieler bleiben nun, umschlossen von schöner Musik, kruden Träumen, letzten Eitelkeiten und komischen Illusionen, wie für ewig und immer gefangen in ihrem glänzenden, schmutzigen, verkommenen, genialen Theater, in das sie sich hineingerettet haben - und das sie beschützt und rettet. In dem sie aber auch dazu verdammt sind, ewig weiterzuspielen und weiterzuleben. Komödiengespenster, denen die Zeit vergeht.

Erbfolgekrieg

Denn natürlich ist Fräulein Wurtz doppelt unwirklich. Sie ist die Hauptperson in einem "Bulgarischen Stück". Dieses "Bulgarische Stück" wird geprobt von Aurelia (als Fräulein Wurtz), einer Figur aus dem "Spanischen Stück". Aurelia ist von Beruf Schauspielerin. Sie hat im "Spanischen Stück" eine Schwester Nuria, ebenfalls Schauspielerin, erfolgreich in Cannes und bald in Hollywood, verwöhnt mit Preisen und schönen Kleidern. Aurelia dagegen, mittelmäßig erfolgreich, leidlich arm und auf bulgarische Stücke angewiesen, ist mit dem Mathematiker und Alkoholiker Mariano verheiratet, der ihr gelangweilt und angeödet die Stichworte gibt, wenn sie das Fräulein Wurtz probt. Aurelias und Nurias Mutter Pilar hat sich soeben mit dem verwitweten Hausverwalter Fernan liebesmäßig zusammengetan. Die dritte Schwester Christal ist schwanger von ihrem Zweitagesgeliebten.

Die Ehe - ein Abgrund. Die Liebe - ein Wahnsinn. Die Familie - eine Bande. Mutter und Töchter führen im "Spanischen Stück" zu spanischer Musik und spanischen Tänzen einen Erbfolgekrieg um Zuwendung und Sucht und Eifersucht und Buttertörtchen und Sex und Tabletten und Erziehung. Die Männer aber kriegen die Tiefschläge ab, die dabei fällig sind.

Leerstellen des Lebens

Nicht nur deswegen treten die Schauspieler im "Spanischen Stück" hie und da aus diesem aus, diskutieren mit dem imaginären Autor des "Spanischen Stücks" und dessen imaginären Regisseur über ihre Rollen, reden über ihr Wunschtheater, übers Schauspielersein, über die "Leere" oder die "Eitelkeit" oder "Einsamkeit" des Berufs, über ihre Wunschrollen (die Sonja aus dem "Onkel Wanja"). Und dann sind da natürlich noch die Schauspieler der Pariser Uraufführung des neuen Stücks "Une pièce espagnole" (Ein spanisches Stück) von Yasmina Reza, die also unter Luc Bondys Regie Schauspieler spielen, die Schauspieler in einem "Spanischen Stück" spielen, in dem Schauspieler nebenbei auch ein "Bulgarisches Stück" proben: die Puppe in der Puppe in der Puppe. Der Schein, der den Schein im Schein spiegelt. Wenn es uns nicht spanisch vorkäme, könnte es uns wie Pirandello vorkommen. Ist aber von heute.

Die Dramatikerin Yasmina Reza, in Paris lebende Tochter eines Persers und einer Ungarin, zieht in ihren Zeit- und Geist-Komödien den Figuren den Boden unter den Füßen weg. Sie macht aus den Leerstellen des Lebens, den Unerreichbarkeiten der Liebe, Freundschaft und Gesellschaft schwebende Leichtigkeiten, aus verlorenen Utopien Gelächter und aus kalter Entfremdung witzige Pointen. Yasmina Reza ist neben Botho Strauß in Europa die einzige ernst zu nehmende dramatische Persönlichkeit, die den Boulevard entlangschlendert, auf dem die aus der Tiefe kommenden Katastrophen, entzückend verkleidet, bei Rot die Straße überqueren; man bremst, schaut fasziniert zu - und fährt dann glücklicher weiter ins Unglück.

Wildes, wirres Leben, in Theater verwandelt

Luc Bondy, der Regisseur, der im größten Unglück noch das Glück sucht wie einen tollen, rauschmachenden Pilz und im Glück die schönsten Katastrophen feiern kann, als seien diese eine große Party, der Regisseur also, der dem Leben so sehr vertraut, daß er sich ihm nur mit dem größten Mißtrauen nähert, um es nicht mit dem Theater zu verwechseln, ignoriert in seiner Pariser Uraufführungsinszenierung des Puppe-in-der-Puppe-Spiels die Pappe-Schichten zwischen den einzelnen Puppen. Er reißt das "Spanische Stück" und das "Bulgarische Stück" und das Stück, in dem die Schauspieler über das Stück reden, aus- und durcheinander. Er macht aus dem Theater im Theater: wildes, wirres Leben, das sich in Theater verwandelt.

Der Hausverwalter Fernan, im "Spanischen Stück" ein trockener Kerl mit Finanz- und Katasterkenntnissen, ist bei Thierry Fortineau eine Art Clark Gable: Menjoubärtchen, Verführernaßfrisur, rote Fliege, roter Schal, den Charme des Schwerenöters im wiegenden Gang. Ein Graf Danilo frisch vom "Maxim", der, während er von Hauseinheiten und Hofaufsichten philosophiert, der Pilar beharrlich an die Wäsche geht und von Treppenhäusern girrend und gurrend berichtet, als seien es pure Aphrodisiaka.

Probleme der höheren Kehrwoche

Bulle Ogier als die spätgeliebte Pilar empfängt ihn mit lila Strähnchen im Haar und einer geriatrischen selig lächelnden Soubretten-Erotik, als sei sie direkt dem Katalog meschuggener Heiratsvermittler entlaufen. Die Rolle der schnöseligen Mutter ihrer schnöseligen Töchter legt sie sofort beiseite zugunsten eines höheren Weiber-Wettbewerbs: Auf dem Sofa läßt sie keine Gelegenheit aus, zu zeigen, daß sie jederzeit besseren Sex haben kann als ihre beiden Nachwuchszicken.

Über Hausgemeinschaften und Probleme der höheren Kehrwoche duettiert Fernan mit dem Alkoholiker Mariano, als erzählten die beiden sich die unanständigsten Witze. Und André Marcon schmiegt sich als Mariano bei der Erörterung finanztechnischer Finessen mit entzückt überreizten Augen an die Schulter Fernans, als zeige ihm dieser gerade das Paradies. Marianne Denicourt als Nuria im kurzen schwarzen, scharfen Ledermini und Dominique Reymond als Aurelia durchtoben, durchraunzen und durchtänzeln den Kampf mit der Mutter koksschniefend, cocktailsüffelnd und kobolzschlagend, beinzeigend und sich fläzend, als würden sie gerne aus ihren Häuten fahren und sich andere überziehen.

Die Oberfläche ist tief genug

Nuria präsentiert denn auch ihr neues, gewagtes Kleid für eine Preisverleihung den verlegen ins Offenliegende glotzenden Männern als eine Art Schlangenhaut, die sie sich über die Seele gestreift hat und die sie wieder ablegen möchte - wenn die Schlange, ihre Seele, sie nur ließe.

Wer sind wir wirklich? Haben wir ein Gesicht? Oder nur eine Maske? Wie können wir leben, wenn wir nur spielen? Sind wir ohne ein Medium, das uns inszeniert und verstellt, überhaupt noch vorstellbar? Es sind die luxuriösesten, schwersten und altmodischsten Fragen, die Yasmina Rezas Figuren im "Spanischen Stück" stellen. Kann sein, daß wir gerade andere Sorgen haben. Aber dies ist eine der Komödien, in der wir unser Zeitalter aufglühen sehen wie eine Sternschnuppe: hinter einem kostbar geschliffenen Brennglas. Luc Bondy inszeniert sie als wunderbare Zimmersternschnuppe. Er hat das Schwere in diesen Fragen leicht-, das Leichte darin schwergenommen. Alles an der Oberfläche. Aber diese ist tief genug. Und einfach nur große Kunst.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2004, Nr. 24 / Seite 37
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