Castorf und Kennedy in Berlin

Zwei Zwiespaltspiele

Von Simon Strauß
 - 20:50

Theater bringen Welten auf die Bühne. Gegenwelten. Meist existieren sie gefahrlos nebeneinander. Aber manchmal stehen sich diese Gegenwelten auch unversöhnlich gegenüber. In Berlin konnte man in den vergangenen Tagen miterleben, wie zwei radikal verschiedene Theaterwelten aufeinanderkrachten. An der neuen Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz präsentierte die junge, europaweit erfolgreiche Künstlerin Susanne Kennedy eine Neuauflage ihres installativen Theaters. Am neugeführten Berliner Ensemble zeigte der altbekannte Anklamer Theaterrevolutionär und ehemalige Volksbühnen-Chef Frank Castorf eine szenische Bearbeitung von Victor Hugos „Les Misérables“. Alt gegen Jung, transmediale Weltläufigkeit gegen lokalen Bühnenpatriotismus – so lauten dabei ungefähr die Schusslinien.

Die Sympathien in der Stadt sind klar verteilt – wenn auch nicht in klassischer Weise: Traditionalismus gilt im Moment mehr als selbstbehauptete Avantgarde. Selten wohnte einem neuen Anfang so wenig Zauber inne wie bei der Neueröffnung der Volksbühne unter Chris Dercon. Bisher ging fast alles schief, was schiefgehen konnte. Im Vorfeld gab es enormen Gegenwind, viel Kritik an Person und Programm des Intendanten, die Absagen von Künstlern häuften sich, und schließlich wurde das Haus sogar von sozialkritischen Aktivisten besetzt.

Vor ein paar Wochen kam dann endlich die langersehnte Eröffnung – aber auch die war über weite Strecken ein peinliches Debakel. Der Druck am Haus wächst also. Am zweiten Premierenabend dieser Saison werden vor dem Haupteingang Flyer verteilt, auf denen verschwörerisch eine weitere „Maßnahme“ angekündigt wird. Drinnen aber ist die Stimmung aufgeschlossen und heiter. Noch. Denn bald schon werden die ersten Zuschauer das Theater entnervt verlassen und sich auf „Gegenmaßnahmen“ freuen.

Unsere Träume sind in Gefahr

Kennedys Abend steht unter der Überschrift „Women in Trouble“ und will Zeitkritisches zur Rolle der Frau zeigen. Das Ganze spielt auf einer permanent rotierenden Drehbühne, die verschiedene Räume oder besser: „Environments“ einer Schönheitsklinik zeigt. Belebt wird dieser kreisende Limbo von posthumanen Charakteren im Zustand „ausgesetzter Identität“, deren Gesichter unter einer Latex-Maske eingezwängt sind und deren Stimmen vom Band kommen. Stimmen, die wie ihre Gesten von fremder Hand antrainiert sind. Die Doppelgängerinnen berühren einander nicht.

Das ganze Setting durchzieht eine Atmosphäre von Kälte und Künstlichkeit: Auf Bildschirmen fliegen Meteoriten durcheinander, am Eingang einer MRT-Röhre blutet eine Replikantin aus dem Unterleib, im nächsten Raum steht ein „CrossFit-Trainer“, überall liegen Massagehandtücher und grüne Äpfel herum wie scharfe Waffen. Die Aura wirkt saubermännisch wie in der Eingangshalle eines Scientology-Gebäudes, aber neben der Atmosphäre gibt es sonst nicht viel Interessantes zu sehen oder zu hören. Die Texte, von Laienstimmen eingesprochen, sind – laut Programmzettel – Zitate aus Filmen, Serien, Büchern und dem Internet und kreisen um Selbstoptimierung, Krankheit und Sexismus. Wenn wir so weitermachen, dann sind wir bald zu leblosen Konsumenten degeneriert, so die Botschaft. Unsere Träume sind in Gefahr, alles droht Fake und Oberfläche zu werden. Kennedy lässt ihre Puppenspieler minutenlang die Nebenwirkungen eines Krebsmedikaments vortragen, woraufhin die ersten Zuschauer mit Scheibenwischerbewegungen den Saal verlassen.

Vielleicht ein großes Wort für das, was auf der Bühne passiert

Auch bei der Premiere am nächsten Abend ergreifen viele vorzeitig die Flucht. Allerdings dauert die Aufführung hier auch dreimal so lange: Siebeneinhalb Stunden, am Ende wartet man, wie immer bei Castorf, nur noch darauf, dass es endlich vorbei ist. Aber der Anfang ist schön und berührend. Der alte Jürgen Holtz tritt auf und monologisiert ausführlich über das Pariser Kloakensystem. Sein zerfurchtes Greisengesicht verzieht sich, er spuckt und geifert, die Hände zittern vor Lust, wenn er von Eingeweiden und Stricken spricht, an denen die Reste von Selbstmördern hängen.

Schon in den ersten Minuten ist der Abend damit dort angekommen, wo er hinwill: im Dreck, in der Gosse, bei den „Elenden“. Castorf versetzt Hugos 1862 veröffentlichten Sozialroman in das vorrevolutionäre Kuba und kombiniert ihn mit Passagen aus dem Havanna-Roman „Drei traurige Tiger“ von Guillermo Cabrera Infante, der 1958 – kurz vor Castros Machtübernahme – spielt. Collagenartig wird die Geschichte um den entlassenen Galeerensträfling Jean Valjean als Folie genutzt, um so handfest wie möglich von sozialer Ungerechtigkeit zu erzählen. Auch wenn „erzählen“ ein vielleicht zu großes Wort ist für das, was auf der Bühne passiert.

Die traditionelle Castorf-Backmischung

Immer wieder wird im ersten Teil des Abends durchaus ernsthaft dargestellt, gelingen großartige Schauspiel-Szenen. Wie Jean etwa, den Andreas Döhler mit einer Mischung aus schüchterner Freiheitssehnsucht und schwelender Aggressivität gegen die „Strukturen“ gibt, zum ersten Mal auftritt, wie er immer wieder neu ansetzt, um sich und seine Wut verständlich zu machen, wie er dann einem großherzigen Bischof begegnet, sich von ihm ungläubig staunend läutern lässt und schließlich doch wieder ins Elend zurückfällt – das ist eindrucksvoll anzuschauen. Auch Valery Tscheplanowa sieht man gebannt zu, wie sie spärlich bekleidet am Boden entlangrobbt, sich von den Männern demütigen lässt und um ihre Würde kämpft. Die drastische, wenig sensible Art der weiblichen Körperführung zeugt davon, dass sich hier einer von tagesaktuellen Debatten um Sexismus nicht verunsichern lässt.

Überhaupt will der Abend möglichst oft „Trotzdem“ sagen: Es ist von „Rasse“ und „Negern“ die Rede (freilich aus dem Mund einer afrodeutschen Schauspielerin) und von „Hänsel und Gretel“ wird ohne Vorwarnung zu „all den anderen Vergasten“ gesprungen. Castorf lässt seine Schauspieler mit Worten wild Autoscooter fahren, fügt hier noch einen Exkurs zur Lot-Figur ein, lässt dort noch einmal Boethius und Heiner Müller zu Wort kommen. Witzwüste Wortspiele, zuckelnde Live-Videoübertragung, gebrochene Revolutionsromantik – „Was die Welt antreibt, sind keine Eisenbahnen, sondern Gedanken“ –, die traditionelle Castorf-Backmischung.

Zu leicht von der eigenen Lust zufriedengestellt

Im Gegensatz zu Kennedy kann man hier neben allem Stoff und Mitgeteiltem immerhin großartigen Schauspielern bei ihrem Verwandlungsspiel zusehen. Enttäuschend ist die sonst so großartige Stefanie Reinsperger: In ein rotes Ballkleid gezwängt, muss sie als Bubikopf-Furie schrill schreien und sich ins Leere verausgaben. Auch Wolfgang Michaels chargenhaftes Antispiel als eifernder Gesetzeshüter Javert ermüdet. Ein früheres Ende hätte der Inszenierung gutgetan, aber sicher auch den sportlichen Ehrgeiz vieler Castorf-Jünger enttäuscht. Folglich präsentiert der Regisseur gnadenlos einen zweiten Teil, der die Verbliebenen wohl mürbemachen soll, damit sie sich für die Revolutionsbotschaft empfänglich zeigen. Allein Sina Martens, Patrick Güldenberg und Aljoscha Stadelmann haben als Hustenbonbonverkäufer noch einen komödiantischen Auftritt, dann versinkt alles in krampfhafter Pseudowildheit.

Zwei Theaterabende in Berlin, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Der eine sieht interessant aus, gibt sich aber dramaturgisch keine Mühe, der andere will mit den alten Mitteln der gebrochenen Darstellung aufrütteln, lässt sich aber von der eigenen Lust an der Grenzüberschreitung zu leicht zufriedenstellen. Vielleicht zeigt sich in den beiden divergierenden Abenden die Verunsicherung des Theaters, das seiner Rolle als Ort der sinnstiftenden Erzählung, des Empfindens misstraut. Vielleicht zeugen sie auch vom reichhaltigen Angebot an aktuellen Theatersprachen. Eines machen Kennedy und Castorf aber in jedem Fall klar: Es fehlt ein weiterer Weg. Ein Sonderweg vielleicht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild / Simon Strauss
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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