Wagners „Ring des Nibelungen“

Geborgen in einem Kokon aus Klang

Von Gerald Felber
 - 23:30

Eben ist Wotan verbittert hinausgestürmt, und Brünnhilde, die Lieblingstochter, bleibt in den wenigen Minuten, bevor sie Siegmund seinen bevorstehenden Tod verkünden wird, „erschrocken und betäubt“ allein zurück. Nein, nicht wirklich allein, sondern mit dem Orchester: Das Englischhorn, grundiert von Fagotten und tiefen Streichern – bald kommen feierliche Posaunenakkorde hinzu –, singt eine fassungslos traurige Melodie von den verlorenen Illusionen einer jungen, privilegierten Frau, die genau in diesem Moment entdeckt, dass ihre bisher so homogene Welt auf einen Schlag auseinandergefallen ist; dass nie wieder etwas so sein kann, wie es bisher war. Weder Waldweben noch Walkürenritt oder Siegfried-Trauermarsch: keine der großen Orchesternummern, von denen man sich immer neu gern überrollen lässt, sondern ein kleiner, anekdotischer Durchgang, der zum großen seelischen Übergang wird – und den man in dieser „Walküre“-Aufführung Christian Thielemanns mit der Dresdener Staatskapelle vielleicht das erste Mal überhaupt bewusst, aber sicher das erste Mal so eindringlich schmerzlich hört.

Es wird ja ziemlich viel – man darf mit einigem Recht sagen: zu viel – geredet im „Ring des Nibelungen“. Aber das Wesentliche vermitteln dennoch kaum je die Worte und oft nicht einmal die vokalen Linien, die Richard Wagner ihnen mitgegeben hat, sondern die Instrumente. Thielemann ist inzwischen mit fast traumwandlerischer Sicherheit in diesen Kosmos hineingewachsen als einer der nicht nur aktuell besten, sondern mittlerweile auch erfahrensten Wagner-Dirigenten, der im Umgang mit dessen Musik eine große, gelassene Selbstverständlichkeit entwickelt hat.

Die Farbpalette ist reicher geworden

Der „Ring“ in der Semperoper ist, nach diversen Einzelaufführungen in den Jahren seit seinem Dresdner Amtsantritt 2012, Thielemanns vierter. Wien und Bayreuth, nicht gerade Nebenschauplätze, gingen voran; am Anfang aber stand Berlins Deutsche Oper in der (kürzlich nach 33 Jahren endgültig ins ewige Archiv abgelegten) „Zeittunnel“-Inszenierung Götz Friedrichs, und auch damals, vor knapp zwanzig Jahren, habe ich Thielemann damit schon gehört. Erinnerlich ist mir eine im Gestus drahtig-energische, auf kontrastierende Klangfarben setzende Orchesterführung; ein „Ring“ aus dem Geist jener Jahre, wo Wagner – vor 9/11 – im Kontext einer eisern fortschrittsgläubigen, sich selbst als weltoffen begreifenden Gesellschaft gehört wurde, die sich gerade in der Aneignung eines seltsamen neuen Gerätes – volkstümlich „Handy“ genannt – schulte.

Die enorme Farbpalette ist geblieben und noch reicher geworden, aber inzwischen klingt sie anders: weicher, fließender und auch melancholisch-verletzbarer, weniger viril verpanzert. Natürlich ist der pure, eitel-selbstreferentielle Glanz, mit dem beispielsweise das trompetengleißende Schwert-Motiv aus seinem Background aufragt, unvermindert derselbe. Doch es geht eben nicht nur um solche monolithischen Sammlungspunkte, die eher als Felsriffe im Klangkontinuum stehen, sondern um die Partitur als Ganzes; und die flutet jetzt, in Dresden, noch organischer, hypnotischer, Ohren und Sinne tranceartig einspinnend.

Die „schönen“ – und das will in unserer vom prägnanten ersten Eindruck besessenen Zeit erst einmal heißen: effektvollen – Höhepunkte der vier Abende stehen ja zu Teilen in der Erbfolge Beethovens, Webers und nicht zuletzt des von Wagner so selbsthasserisch gehassten Meyerbeer; doch seine Prägung erhielt Wagner gleichermaßen vom Belcanto, von den – mit einem von ihm selbst geliebten Wort – „sehrenden“ Melodien etwa eines Bellini. Indem er sie von ihren metrischen Fesseln entbunden und gleichzeitig menschliche Stimmen auch in die des Orchesters hereingeholt hat, entwickelte er seinen fast unbegrenzt knetbaren, jeder Liebes- und Leidensintensität zugänglichen vokal-instrumentalen Mischklang.

Edler und leidenschaftlicher Gesang

Thielemanns Dresdner „Ring“ lässt diese Verwurzelung auch des Orchestralen im edlen, leidenschaftlichen Gesang (ein Komponist wie Puccini wusste genau, warum er Wagner so verehrte) in selten gehörter Weise zum Ereignis werden. Da wird in der innigen Verwobenheit und dem Sich-Verflechten der Motive, im gemeinsam atmenden An- und Abschwellen des stets anders ausgeleuchteten Klangkontinuums immer auch von der Liebe gesungen – selbst dann noch, wenn sie in der Bühnenhandlung ganz hoffnungslos oder schon getötet scheint.

Dabei mag vieles mitspielen: die geänderten Zeitläufte vielleicht, das Älter- und Reiferwerden des Dirigenten mit Sicherheit, aber dann auch und vor allem: die Dresdner Staatskapelle, ein Solitär im globalen Mainstream der sich immer ähnlicher werdenden Orchestersounds. Nur mit einem so sensibel reagierenden, geistig wachen Ensemble ist es möglich, die vielen, manchmal geradezu ins bilderbuchhaft Putzige reichenden Klangmalereien der Siebzehn-Stunden-Tetralogie – die frühlingsflirtenden Vögelein in Siegfrieds liebes- und familienkundlichem Disput mit Mime, die biedermeierlich gruseligen Schauereffekte, wenn dieser dem Jungen das Fürchten erklären will – gleichzeitig individuell herauszustellen wie dennoch zum Teil einer universellen, sich unaufhörlich wandelnden Ganzheit zu machen.

Dresden ist ein Stück Bayreuth

Dresden ist, wenn Wagner gespielt wird, ja immer auch ein Stück Bayreuth. Im letzten Jahr saßen sechzehn Musiker der Sächsischen Staatskapelle mit im Festspiel-Orchestergraben – Streicher und drei Holzbläser-Solisten. Doch auch das Blech bringt an den Abenden in der Semperoper immer wieder Passagen, bei denen es in einem ganz still wird vor Staunen: wenn sich Siegfrieds Hornrufe am Ende der Phrasen flüsternd zurückziehen und damit die Vorstellung eines Verhallens im weit geöffneten Raum suggerieren; oder wenn die Basstuba sich in den beiden ersten „Siegfried“-

Akten gleichermaßen komisch wie bedrohlich, mit dickflüssiger, blasiert-schleimiger Eleganz durchs klangliche Unterholz windet und würmt.

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Was nun schließlich Christian Thielemanns Umgang mit den Sängern angeht, so wäre es vielleicht schönfärberisch, zu behaupten, dass er sie geradezu auf Händen trüge. Seine Sorgsamkeit besteht vielmehr darin, sie in einem klanglichen Kokon zu bergen, der auch ein intonatorisches Ausgleiten oder eine verhuscht weggedrückte Phrase abfedern und auffangen kann. Natürlich können auch diese Dresdner Abende in der fast minimalistischen, in ihren guten Momenten kühl-ironischen Jahrtausendwende-Inszenierung Willy Deckers das relative Elend der heutigen Wagner-Sängerei nicht verdecken.

Doch das wäre ein neues Thema für den nächsten Komplett-Durchlauf, und für diesmal darf man sich ans Positive halten: wo nämlich auch das Vokale stimmt wie zum Beispiel im Wissens-Duell zwischen Vitalij Kowaljows Wanderer und Gerhard Siegels Mime, öffnen sich dank Thielemanns inspirierender, analytisch durchblickender Führung die Perspektiven nicht nur rückwärts in die große Zeit des Belcanto, sondern genauso nach vorn: über die hier vorweggenommene Sachs-Beckmesser-Konstellation der „Meistersinger“ bis ins Singen des zwanzigsten Jahrhunderts, weiter zu den Besten der Heutigen.

Quelle: F.A.Z.
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