Rücktritt von Alexander Pereira

Neue Köpfe für Salzburg

Von Gerhard Rohde
 - 23:00

Es war seit längerem zu erwarten. Die ständigen Reibereien zwischen dem Intendanten der Salzburger Festspiele, Alexander Pereira, und deren Aufsichtsrat über Finanzen, Sponsoren, Spielplanausweitungen und so fort, mündeten jetzt explosionsartig in eine finale Entscheidung: Pereira, dessen Vertrag eigentlich bis 2016 laufen würde, scheidet nach den Festspielen 2014 vorzeitig aus. Die zwei folgenden Jahre wird ein Interimsintendant, Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf, die Festspiele leiten, 2017 soll ein neuer „Chef“ kommen - die Ausschreibung des Postens erfolgt schon jetzt.

Seit dem Ende der Karajan-Ära wiederholen sich die missliebigen Ereignisse bei den Festspielen mit unschöner Regelmäßigkeit. Gerard Mortier, als Wundermann aus Brüssel geholt, geriet alsbald mit seiner phantasievollen Quirligkeit und seinem Enthusiasmus mit dem Festspielkuratorium in Streit. Als er sogar die teuren Wiener Philharmoniker gegen ein eigenes, preisgünstigeres Festivalorchester einzutauschen wünschte, brach im fernen Wien die Staatskrise aus. Thema erledigt.

„Zeitfluss“-Gründer Markus Hinterhäuser als Nachfolger?

Mortiers Nachfolger, der Komponist und Dirigent Peter Ruzicka, setzte die von Mortier eingeleitete Modernisierung der Festspiele fort. Als er aber, wider die Absprache, seine Arbeit als Leiter der Münchner Biennale für Neues Musiktheater, immerhin eine Gründung Hans Werner Henzes, noch ein Jahr lang fortzusetzen gedachte, ging in Salzburg der Sturm los: Unser Intendant gehört uns! So die Devise. Ruzicka wurde vor den Gerichtshof, Pardon: das Kuratorium zitiert - und teilte kurz und bündig mit, dass er seinen Vertrag nicht verlängern werde.

Anschließend geriet Nachfolger Jürgen Flimm in die Kuratoriumsmühle. Als durchsickerte, dass er mit Berlin über die Leitung der Lindenoper verhandelte, war es aus. Flimm verließ Salzburg ein Jahr früher als geplant und verschaffte so dem Pianisten und „Zeitfluss“-Gründer Markus Hinterhäuser einen umjubelten Interims-Intendanten-Auftritt. Hinterhäuser, der eigentlich bei den Wiener Festwochen gebunden ist, wird denn auch bereits offen als Favorit für die Pereira-Nachfolge gehandelt.

Schon die Konzeption sorgte für Missstimmung

Es gab in Salzburg viele, die Hinterhäuser schon nach 2011 als Intendanten behalten wollten. Aber da tauchte am Horizont des Kuratoriums der erfolgverheißende Pereira auf, der die Oper Zürich zu internationaler Bedeutung geführt hatte. Und der vor allem als genialer „Spürhund“ für potente Sponsoren galt. Geld war in Salzburg immer schon das Thema Nummer eins. Also wurde es Alexander Pereira. Jubel, Freude überall. Kurzfristig.

Jetzt hat es auch Pereira erwischt. Missstimmung breitete sich schon im ersten Jahr aus. Pereiras weiträumige Konzeption für die Zukunft der Festspiele missfiel den Kuratoren, machte ihnen regelrecht Angst: immer höhere Sponsoren-Aquisitionen, immer umfangreichere Spielpläne. Pereira hatte schnell das Grundübel der Festspielfinanzierung erkannt: Wenn die öffentlichen Zuschussgeber die von ihnen mit den Tarifpartnern ausgehandelten Lohnerhöhungen nicht mehr ausgleichen, können diese Steigerungen nur noch aus dem Etat der Festspiele beglichen werden.

Preußen liegt derzeit ganz real in Salzburg

Das bedeutet: Jahr für Jahr müssen die Festspiele mehr Geld für Lohnkosten aufbringen. Das lässt wiederum den künstlerischen Etat ausbluten, der in Anbetracht der ohnehin schon abnorm hohen Eintrittspreise kaum mehr zu erhöhen ist. Man konnte leicht errechnen, dass in spätestens zehn Jahren in Salzburg kein Geld mehr für neue Aufführungen zur Verfügung stehen würde.

Pereira sah das sehr genau. Aber so etwas wird in Salzburg ungern zur Kenntnis genommen. Im preußischen Verwaltungsrecht gab es eine - satirische - Definition für dessen Arbeitsweise: „Das haben wir immer so gemacht“, „Das haben wir noch nie so gemacht“ und: „Da kann ja jeder kommen“. Preußen liegt derzeit ganz real in Salzburg. Das Kuratorium aus drei Vertretern der Politik, einem Abgesandten des örtlichen Fremdenverkehrs sowie dem Bürgermeister der Stadt Salzburg ist unfähig, sich aus den gewohnten, etwas provinziellen Bahnen zu bewegen: Unser Intendant gehört uns. Teilung mit anderen Institutionen darf und soll es nicht geben.

Also geht Alexander Pereira - nach Mailand, als Scala-Intendant. Ab 2015. Ihm erschien wohl die Taube auf dem Dach attraktiver als der Spatz in der Hand. Dabei wäre es denkbar gewesen, aus der veränderten Konstellation etwas Konstruktives zu gewinnen: Eine attraktive neue Mailänder Produktion als Premiere bei den Salzburger Festspielen beispielsweise - zum Salzburger „Otello“ von Verdi etwa den Mailänder „Otello“ von Rossini. Oder zu Verdis Salzburger „Maskenball“ eine hochkarätig besetzte Aufführung von Aubers gleichnamiger Oper aus der Scala. An Ideen sollte es nie fehlen. Man muss nur Ideen haben.

Die Salzburger Festspiele brauchen für ihr Kuratorium endlich beweglichere, phantasievollere neue Köpfe. Politische Betonköpfe haben in der Kultur keine Zukunft.

Quelle: F.A.Z.
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