Schauspiel Frankfurt

Der Charme dubioser Verhältnisse

Von Eva-Maria Magel
 - 22:37

Sich trennen ist nie eine feine Sache. Ganz blöd, wenn einerseits die körperliche Anziehung weiterhin heftig ist. Andererseits aber eine weitaus zukunftsträchtigere Anziehung wirkt: die der materiellen Sicherheit. Man muss nicht selbst den gehobeneren Kreisen des Pariser Bürgertums um 1900 angehören, um die Mechanismen zu kennen. Das macht, vielleicht, Georges Feydeaus heute unvorstellbar erfolgreiche Gesellschaftskomödien von damals immer noch witzig: Es steckt unter all den „Huchs“ und „Hachs“ und Anzüglichkeiten halt doch auch das Fünkchen sozialer Wahrheit, an dem man, wenn es gutgeht, das Feuer der alten Komödie wieder entfachen kann.

Es klappt nur nicht mehr mit Flanellunterhosen und Riechsalz. Das macht Roger Vontobel flugs klar, wenn er den Helden schon in den ersten Sekunden untenrum ohne ins Scheinwerferlicht taumeln lässt, den Reizen der Sängerin Lucette verfallen. Was aber steht an der Stelle der einst „Unaussprechlichen“?

Dämlich, aber reich: die adlige Viviane

In Georges Feydeaus „Klotz am Bein“ (1894) ist am Ende die Unterhose des Fernand de Bois d’Enghien das Objekt, das einerseits die Zuschauer in Lachstürme versetzte und andererseits den Knoten durchhaut. In Vontobels Inszenierung, einer Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Schauspiels Frankfurt, muss die nackte und im Fall von Max Mayer auch tätowierte Haut herhalten, um Wirkkraft zu entfalten. Wenn am Ende, auf der kunstvoll verkleinerten Frankfurter Riesenbühne, der splitterfasernackte Mayer als Bois d’Enghien den Ruin fürchten muss, gewinnt er alles: das Herz der dämlichen, aber reichen und adeligen Viviane (Friederike Ott) – und die endgültige Trennung von Lucette (Claude de Demo), der Geliebten aus der Entertainmentbranche.

Es ist vielleicht die modernste Volte von allen komischen Kurven dieses Unterhaltungsstücks, dass die Tochter aus gutem Hause den verordneten Ehemann erst attraktiv findet, als er durch seine dubiosen Verhältnisse skandalös und begehrenswert erscheint. Und dass die vermeintlich halbseidene Lucette die romantische Liebe beschwört und mit Selbstmord droht. Deshalb macht Vontobel da auch Schluss – anstatt die unseligen Verwicklungen des Unterhosenskandals weiter aufzufalten.

Es wird geflogen zwischen zurückschnellenden Gummischnüren

Dass sie alle doch nur Gefangene ihrer Verhältnisse sind, der geistigen ebenso wie der materiellen, zeigt Olaf Altmanns sonst leere, nur durch das Licht (John Delaere) in Stimmungen gestaltete Bühne. Er hat ein enges Trapez mit Wänden aus flexiblen Schnüren gebaut. Wer hindurch will, muss sie mühsam auseinanderzwingen, und wer gegen die Wand prallt, fällt im Rückstoß überaus eindrucksvoll auf die Schnauze. Was nicht nur für Dienstboten gilt wie den akrobatischen Stefan Graf, sondern für alle anderen auch – es wird viel geflogen zwischen den zurückschnellenden Gummischnüren, das macht Effekt, bisweilen muss man lachen.

Das Ensemble legt sich ins Zeug mit Körpermarotten und Sprachspielen, Max Mayer als Bois d’Enghien und Peter Schröder als Fontanet mit atemberaubendem Mundgeruch zumal. Sebastian Reiß als Lucettes Ex-Mann und Katharina Linder als Baronin und Anna Kubin als Schwester Marcelline haben ihre Momente, am meisten kostet sie Heiko Raukin als deutsch radebrechender General Irrigua aus, der aus Bois d’Enghien unentwegt „Bodega“ macht. Und auch wenn man es sich, wie der Übersetzer der neuen Fassung, Claudius Lünstedt, fest vorgenommen hat, nicht über Akzente zu lachen – was soll man machen, wenn der General als leidenschaftliche Witzfigur sie dann so wacker liefert?

Der Musiker Keith O’Brien im Graben läuft, nach bisweilen allzu lautstarker Untermalung, gegen Ende zu Hochform auf, jeder Trippelschritt wird mit Klang begleitet, die Kostüme in psychedelischen Comic- und Blumendrucken (Ellen Hofmann) tun zwar historisch, sind aber gleichzeitig heutig gemeint wie das Ganze sowieso. Das erinnert stark an das surreale Schauspielertheater von Herbert Fritsch, der als Erster die einst hippen Komödien wiederentdeckt und in reines Spiel verwandelt hat. So radikal wie Fritsch aber geht Vontobel dann doch nicht vor. Gerade dieses „Auf-halber-Strecke-Stehenbleiben“ zwischen Irrsinn und Botschaft aber macht die erste Hälfte der Inszenierung etwas zäh, und auch in der zweiten tut die Komödie das, was Feydeau unter allen Umständen vermieden hat: Sie zeigt, welch schwere Arbeit es ist, Komödie zu machen.

Quelle: F.A.Z.
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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