Schauspielhaus Bochum

Nestroyverluste oder Das letzte Aufgebot

Von Andreas Rossmann
 - 22:41

Den Titel dieser „Posse mit Gesang“ kennt jeder, doch gesehen hat sie kaum jemand, denn Aufführungen sind selten. Das letzte Mal hat sie sich Frank Castorf in Wien vorgeknöpft und sie mit zwei anderen Dramen des Autors zur „Karambolage nach Nestroy“ verschnitten; aber das ist fast zwanzig Jahre her. Dabei ist ihre Ortsmarke ein Synonym für die Kleinstadt schlechthin. Das war schon bei Jean Paul, in der Erzählung „Das heimliche Klagelied der jetzigen Männer“ (1801), so, aber erst Johann Nestroy hat sie richtig bekanntgemacht: „Freiheit in Krähwinkel“ ist das einzige von Nestroys 79 Stücken, das, uraufgeführt am 1. Juli des Revolutionsjahres 1848 in Wien, nicht die Zensur passieren musste.

Auch wer sich die Neuinszenierung in den Bochumer Kammerspielen anschaut, lernt „Freiheit in Krähwinkel“ nicht wirklich kennen. Der Regisseur Milan Peschel, so erklärt die Dramaturgin im Programmheft, „überschreibt Nestroys Stück“, aber das ist nur eine hochtrabende Formulierung für einen freien, selbstgerechten Umgang, der den Text fleddert und aufpeppt. Wobei sie mit einem Buchstaben weniger, mit „überschreit“ statt „überschreibt“, auch stimmen würde. Denn die Bürger von Krähwinkel gehen es, nachdem sie sich in der langen stummen Eröffnung – das Wirtshaus ist hier nur eine Bude – im Schlangestehen nach Bier geübt haben, überaus aggressiv an: Lautstark geben die dumpfbackigen Spießer, die rote Jakobinermützen tragen und sich an ihren Maßkrügen festhalten, einer nach dem anderen eine Empörungsarie zum Besten.

Freiheit als Berufsrisiko

Der Journalist Eberhard Ultra, der die Krähwinkler aufstacheln und ihnen die Revolution (bei)bringen will, fegt in diese Provinzgesellschaft wie ein Spargel-John-Travolta in eine Dorfdisco: Kristina Peters tanzt ihn als Hosenrolle, glatt und geschmeidig, mit schlaksigem Schwung. Doch die Freiheit, die er hier meint, ist die, der es der Schauspielerin offenkundig gebricht, und so fährt sie schneidig aus der Rolle und schweres Geschütz auf: „So ein Quatsch, Nestroy, der österreichische Nationaldichter, in Bochum. Wer hat sich das nur ausgedacht?“

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Gute Frage. Der Zuschauer mag sie sich auch schon gestellt haben. Doch dann kommt gleich die nächste: „Wer ist schuld am Theatersterben?“ Die Antwort fällt schlicht aus: „Die Regisseure mit ihren Konzepten.“ Und die Remedur noch schlichter: „Warum können wir nicht einfach mal sagen: ,Viel Spaß!‘?“ Was aber, nächste Frage, heißt „Viel Spaß!“ auf Holländisch, wo der neue Intendant, sein Name wird nicht genannt, doch ein Niederländer ist? „Veel plezier!“ Zu Frau Antje ist es nun nicht mehr weit, Holzschuhe klappern, weiße Trachtenhauben wippen. Und schon ist aus Nestroys satirischer Posse eine szenische Selbstreflexion des Ensembles geworden. Statt um politisches Aufbegehren geht es um die Arbeitsbedingungen des „NV (Normalvertrag) Bühne solo“: Freiheit meint hier das Berufsrisiko, in der nächsten Saison vielleicht ohne festes Engagement dazustehen. „Ich möchte endlich frei sein, aber wohin soll ich gehen“, schmettert „Ton Steine Scherben“.

So biegen womöglich weniger der Regisseur als die Schauspieler Nestroys Stück um zu einem Spielanlass in eigener Sache. Ein Ensemble geht auseinander, wie das jedes Jahr viele Male im deutschen Theater geschieht, und lässt frotzelnd und flachsend, stichelnd und stänkernd seinen Frust ab. Der äußere Rahmen des Stücks, die zwei Abteilungen („Die Revolution“ und „Die Reaktion“), bleibt bestehen, die Figuren behalten ihre Namen und Klamotten, Koteletten und falsche Bärte zitieren Historie, doch die Vorlage gerät zum Vorwand für einen bunten Abend, der, von Leuchtgirlanden illuminiert und einer „Weltraumorgel“ geschmiert, assoziativ und zunehmend beliebig Szenen und Nummern, Kostümklamauk, Mitspiel-Mätzchen und Stummfilmkomik, Allotria und Action Painting aneinanderwitzelt.

Es wird Zeit für einen Neuanfang

Auch „Murmelmurmel“ nach Herbert Fritsch und Castorfs Kartoffelsalat dürfen nicht fehlen. Pot(t)pourri. Das zieht und zerdehnt sich, und weil sich die Schauspieler ja neu bewerben müssen, werden die Verwandlungskunststückchen des umtriebigen Ultra um ein „Best of“ von Vorsprechtexten verlängert, das von „Hamlet“ über Schiller, Kleist, Tschechow und Brecht bis zu „Auftrag“ von Heiner Müller reicht. Das Stück ist da längst aus dem Blick geraten: Nestroyverluste.

Das Bühnenbild von Nicole Timm recycelt Aufführungsplakate, Programmheftcover, Szenenfotos und Signets der Bochumer Theatergeschichte, die, auf Wandmaße vergrößert, hin und her geschoben werden: Angefangen bei einem Deckblatt zu Shakespeares „Sturm“ aus dem Jahr 1932 über Highlights der Jahre von Peter Zadek, Claus Peymann und Frank-Patrick Steckel bis zu dem roten Stachelherz, das die Intendanz von Leander Haußmann (1995 bis 2000) fröhlich blinken ließ. Das Plakat zu Zadeks bahnbrechender „Hamlet“-Inszenierung 1977 stellt den jungen Ulrich Wildgruber trauer- und pelzumflort und überlebensgroß in den Raum, wo er angepflaumt und angespielt wird.

Ja, richtig, die Theaterstadt Bochum zehrt von ihrer Vergangenheit, sie hat große Zeiten erlebt. Ist leider schon etwas her. Kehraus an der Königsallee. Das letzte Aufgebot. Ganz so schwer, wie Milan Peschels knapp drei pausenlose Stunden weilende Inszenierung glauben machen will, fällt der Abschied nicht. Eine Interimsspielzeit klimpert aus. Das Schauspielhaus Bochum ist reif für einen neuen Anfang. Ab Herbst in diesem Theater.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Rossmann
Redakteur im Feuilleton.
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