Theater in Düsseldorf

Die Schaubühne als Privatvergnügen betrachtet?

Von Andreas Rossmann
 - 22:42

Als der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel, ein knappes Jahr ist es her, seine „Aufreger-Diskussion“ um das Schauspielhaus anzündelte, da hatte er Brandsätze in jeder Größenordnung parat: Vom Abriss der denkmalgeschützten Bau-Skulptur von Bernhard Pfau und dem Wiederaufbau nach dessen Plänen, über eine Umnutzung („Kongresszentrum oder Ähnliches“) bis zur langfristigen Vermietung an einen Musical-Betreiber brachte er kommerzielle Zweckentfremdungen für den Preis ins Gespräch, dass das Theater auf Dauer in der Notunterkunft „Central“ heimisch wird und aus der Mitte der Stadt verschwindet. Hauptsache, Kosten senken – das leitete seine „Grundsatzfrage“: Kulturpolitik als Sparpolitik.

Theaterleute, Bürger und Kommunalpolitiker wehrten sich gegen diese Diffamierungen des Theaters, der Rat sprach sich für eine Sanierung der Architektur-Ikone aus, das Stadtoberhaupt stand isoliert da. Und doch ist etwas hängengeblieben von seinem Entwertungskatalog. Der Aufforderung, die Zuschauer sollten doch spenden, wenn ihnen an dem Luxus Theater so viel gelegen ist, verlieh der Sozialdemokrat im November auf einer Podiumsdiskussion Nachdruck, als er das Angebot einer Tausend-Euro-Zuwendung aus dem Publikum mit der demonstrativen Bereitschaft quittierte, aus eigener Tasche das Doppelte draufzulegen.

Merkwürdiges Verständnis von „öffentlich“

Genau das empfiehlt jetzt ein Kuratorium zur Nachahmung, das „namhafte Düsseldorfer Bürger aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen“ gegründet haben, um die Kampagne „Schauspielhaus 2020“ zu unterstützen. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Sanierung des Gebäudes bis zu dessen Wiedereröffnung 2020 mitzufinanzieren, und zwar, wie es ausdrücklich heißt, seiner „öffentlichen Bereiche“. Also dort, wo Zuschauer sich aufhalten, sollen sie für die Aufwertung der Areale spenden. Was hier alles im Argen liegt, führen fünf kurze Filmclips von Sönke Wortmann vor, die – „mit Ihrer Hilfe“ – um Mittel für die Instandsetzung des Foyers und die Wiederinbetriebnahme des Aufzugs, für größere sanitäre Anlagen, eine zugfreie Eingangssituation und einen beleuchteten Durchgang zum Hofgarten werben.

Ein merkwürdiges Verständnis von „öffentlich“ artikuliert sich hier – und das in mehrfacher Hinsicht. Als wäre nicht das ganze Theater, das die Stadt Düsseldorf und das Land Nordrhein-Westfalen gemeinsam tragen, eine öffentliche Einrichtung, als käme nicht auch eine Modernisierung der nur den Künstlern und Technikern zugänglichen Bereiche dem Publikum zugute. Doch vor allem: Warum sollen Bürger zur Sanierung des Theaters, die aus den von ihnen entrichteten Steuern bezahlt wird, noch einmal aus privater Tasche beitragen und damit für die Versäumnisse bei der Bauunterhaltung und der Wartung der technischen Anlagen, die zu den (meisten der) entstandenen Schäden führten, aufkommen? Um die Pflichtvergessenheit der Kommune, die den Sanierungsstau zugelassen und zu verantworten hat, zu billigen, gar zu belohnen? Die Kampagne, die bis 2020, dem fünfzigsten Geburtstag des Hauses, sechs Millionen Euro einsammeln will, mag die besten Absichten haben und aller Ehren wert sein. Und ist doch ein fragwürdiges Unterfangen und falsches Signal. Denn es geht hier nicht um „Extras“ wie das Engagement eines herausragenden Regisseurs oder Schauspielers, das der laufende Etat nicht hergibt, sondern um Maßnahmen, die jede Grundsanierung des Bauwerks, das wie wenige andere ein Düsseldorfer Wahrzeichen ist und mit der Stadt identifiziert wird, einschließen müsste.

Eine Angelegenheit der besseren Kreise

Indem sie aus Spenden bezahlt werden, wird die Tür dafür, die Kommune aus ihrer Verantwortung zu entlassen, einen – ersten? – Spalt weit geöffnet. Geht doch!, wird der Oberbürgermeister denken, der zufrieden zwischen den Kuratoriumsmitgliedern Platz nahm, und sich bestätigt fühlen. Seinem Vorschlag wurde gefolgt, der Intendant bekundet Wohlverhalten und lässt zu, dass der Grundgedanke der öffentlichen Subvention, die Kunst den Bedingungen des Marktes zu entziehen, untergraben wird. Kollegen in anderen Theaterstädten, auch solchen, die höhere Schulden drücken und Düsseldorf um seinen privaten Reichtum beneiden, könnten sich Thomas Geisel zum Vorbild nehmen.

Was der Initiative eine Anmutung des, wenn nicht Elitären, so doch des Exklusiven gibt, ist die Zusammensetzung des Kuratoriums, dem, so die „Rheinische Post“, die es als „Medienpartner“ begleitet und mit ihrem Chefredakteur vertreten ist, „einflussreiche Bürger“ angehören. Prominente und solche, die es sein wollen, aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft sind hier unter sich, ein Studienrat, Handwerker oder Rheinbahnfahrer ist nicht dabei. Und was, wenn der Einfluss dieser „einflussreichen Bürger“ auf den Geschmack kommt und so viel Hunger entwickelt, dass er sich auf das Programm richtet? Das Schauspielhaus, so der anachronistische Eindruck, der hier suggeriert wird, ist eine Angelegenheit der besseren Kreise. Auch das passt zu einem Engagement für die „Hochkultur“, die auf deren Teilprivatisierung hinausläuft. Das öffentliche Gut Theater – hier ist es dabei, ein Klubgut zu werden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rossmann, Andreas (aro.)
Andreas Rossmann
Feuilletonkorrespondent in Köln.
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