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Schauspiel Köln

Nachtschwarz irrlichternde Identitäten

Von Andreas Rossmann
 - 18:01
Saisoneröffnung am Schauspiel Köln: Stefan Bachmann inszeniert „Peer Gynt“ Bild: Tommy Hetzel, F.A.Z.

Von der linken Bühnenseite schleppt sich eine Frau im grobgestrickten giftgrünen Kleid herein, kriecht auf allen vieren, ächzt, schluchzt, atmet schwer. In der Mitte angekommen, wendet sie dem Publikum den Rücken und den lockengewickelten Hinterkopf zu, spreizt die Schenkel und schnauft noch lauter, während sie drückt und presst – eine ganz schwere Geburt, die Aase da durchstöhnt. Im nächsten Moment ist der Sohnemann, Großmaulheld und Lügengeschichtenerzähler, schon obenauf, ein gealterter Halbstarker mit weißblonder Vokuhila-Frisur und prolligem Habitus. „Peer, du lügst!“ Senkrecht steht der Peer von Jörg Ratjen, ebenfalls im Strickkostüm, dessen Babyblau ihn kindisch daherkommen lässt, auf der Rückwand, blickt auf die Mutter herab und bläst die Backen auf, um mit seinem wüsten, wilden Ritt auf dem Bock zu prahlen.

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So, etwas angestrengt symbolisch, beginnt die Aufführung des „Peer Gynt“, mit der das Schauspiel Köln im Depot 1 die neue Spielzeit eröffnet: mit Aufhebungen der Schwerkraft wie der Wahrscheinlichkeit, mit Zeitebenen, die zusammengezogen werden, mit Figurenbeziehungen, die in die Vertikale gekippt sind, und mit einer Mutter Aase (Marek Harloff), die wie alle Frauenrollen von Männern gespielt werden – Versprechen geradezu, dass das Theater sich nicht der Realität unterordnet und sich von ihr lossagen kann. Stefan Bachmann hat das „dramatische Gedicht“ nicht auf die leichte Schulter genommen: Seine Inszenierung verzichtet auf jede Abschilderung von äußerer Wirklichkeit. Das macht sie auch zu einer Selbstbehauptung des Theaters, zur Reflexion über seine Mittel und seine Möglichkeiten.

Die Bühne von Olaf Altmann schafft den Ort dafür: eine nackte, glänzende, auch spiegelnde Spielfläche. Wenn sich die Wand aufdreht, gibt sie sich als Außenseite eines schräg abgeschnittenen Zylinders zu erkennen, auf dessen Scheibe das Schauspiel auf die schiefe Bahn geraten und zur fratzenhaften Freak-Show verrutschen kann. Kein „Hang mit Laubbäumen“, kein „Palmenhain“, auch kein „Mondschein und ziehende Wolken“ werden aufgeboten. Peer Gynt reist durch keine wiedererkennbare Welt und reibt sich an keiner Gegenwart, sondern bewegt sich in einem Reich der Illusionen. Sein Aufbruch in die Ferne ist Flucht vor sich selbst. Seine Größenphantasien sind vor allem: große Phantasien.

Die reflektierte Naivität dieses Ansatzes lässt Stefan Bachmann ein Theater der starken Bilder entfalten, das ein nachtschwarzes Märchen der irrlichternden Identitäten erzählt: Wie sich der Kölner Peer als Brauträuber, Einsiedler, Sklavenhändler, Plantagenbetreiber, Kapitalist, Forscher, Prophet, gar als „Kaiser seiner selbst“ im Irrenhaus von Kairo herumtreibt und als Schiffbrüchiger zurückkehrt, fächert ein vagabundierendes Ich auf, das, hin und her gerissen von seinen Wünschen, Ängsten und Vorstellungen, sich blutig schürft und verfünffacht. Die Inszenierung, die sich auf ein spielfreudiges Ensemble – die sieben weiteren Akteure wechseln zusammen durch mehr als dreißig Rollen – stützen kann, findet immer wieder überraschende Lösungen, die in Schaubuden-Satire und derbe Direktheit ausscheren: Die „grüngekleidete“ Trollprinzessin erscheint – das nur als Beispiel – als grell-groteske Männerphantasie, die mit gehäkeltem Busen ihre Reize ausfährt, und die Trolle treten als zottelige Heavy-Metal-Hippies auf, die mit ihren keulendicken Geschlechtsteilen und schweren Goldketten kaum gehen können vor lauter Kraft.

Doch der dreistündigen, pausenlosen Aufführung, die Musik von Edvard Grieg bis zu den Beatles und Johnny Cash unterlegt, mangelt es an Stringenz, die Bilder zu gliedern und zu verzahnen. Disparatheiten und Aufsage-Längen folgen mehr aufeinander, als dass sie ineinandergreifen, der düstere Schluss wird zerdehnt. Jörg Ratjen, der in der Dramatisierung von Bölls „Ansichten eines Clowns“ den Hans Schnier furios an seine Grenzen führte (F.A.Z vom 15. Februar), stemmt sich in die große Rolle und hält sie in einer Mittellage, die den „nordischen Faust“ nicht erreicht; die Solvejg von Peter Miklusz ist nicht mehr als ein treuherziger Trampel. Stefan Bachmann zeigt einen unkonventionellen Weg durch Ibsens Epochendrama auf und hat mitunter Mühe, sein Kölner Ensemble darauf mitzunehmen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Rossmann
Feuilletonkorrespondent in Köln.
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