Stoppok & Tess Wiley live

Hintersinn, eingängig verpackt

Von Norbert Krampf
 - 07:31

Bislang war der Sänger und Gitarrist Stoppok, den meisten nur unter diesem Nachnamen geläufig, vor allem in zwei Versionen zu erleben. Entweder stand er mit einer Band im Studio und auf der Bühne, oder er trat solo auf. Ausnahmen bildeten zwei Duo-Produktionen mit seinem langjährigen Bassisten Reggie Worthy. Andere Vokalisten, darunter Astrid North und Pohlmann, kamen als temporäre Erweiterung der Band für einzelne Songs zum Zug, Beverly Jo Scott sang 2004 als besonderer Gast beim Solo-Konzert in Hamburg einige Stücke mit. Während seiner gerade zu Ende gegangenen Herbst-Tournee hat Stoppok nun eine neue Konstellation vorgestellt. Erstmals in seiner 35 Jahre währenden Karriere spielt der vielfach ausgezeichnete Songpoet aus Hamburg komplette Konzerte im Duo mit einer Sängerin und Musikerin.

Tess Wiley kam Ende der neunziger Jahre mit einem Stipendium von Texas nach Europa und blieb in Deutschland hängen. Seit 2001 hat sie vier Studioalben mit eigenem Repertoire veröffentlicht, vor rund zwei Jahren lernte sie zufällig Stefan Stoppok kennen. Wileys angerauhte, relativ dunkle Stimme passt mit ihrer unaufgeregten Rock- und Soul-Emphase zu Stoppoks lakonischem, rhythmisch phrasierten Sprechgesang mit dem mal heiseren, mal näselnden Timbre. Beide verbindet ein gemeinsamer Groove, der in Folk-, Blues- und Rock-Traditionen geerdet ist. Entsprechend präzise verzahnen sich Wileys Westerngitarren-Akkorde und Stoppoks anspruchsvolle Pickings, Riffs sowie knapp gehaltene Soli. Seinen unterschiedlichen, oft offen gestimmten Akustikgitarren verpasst er in manchen Momenten durch Klangregelung und leichte Verzerrung eine rockig angehauchte Ausstrahlung. Andere Passagen verziert Stoppok mit Bottleneck-Glissandi, sein älterer Song „Mülldeponie“ erinnert durch Melodieführung und Mandoline entfernt an Psychedelic-Folk der siebziger Jahre.

Die Frau am Wurlitzer-Piano

Ohne digitale Hilfsmittel, etwa Looper oder Samples, entwickelt das Duo einen recht fülligen Sound. Wie gewohnt tritt Stoppok mit beiden Füßen Bass- und hellere Beats, deren stetige Genauigkeit manche Zuschauer schon an Playbacks denken ließen. Wiley spielt überwiegend Wurlitzer-Piano, für „Heut Nacht“ sowie die Balladen „Tanz“ und „Dein Glück“ greift sie zur Violine, die sie im Alter von zwölf Jahren als zweites Instrument nach dem Klavier lernte. Erst im Zugaben-Block packt Wiley die Autoharp aus und setzt sie im Song „Willi Moll in Afrika“ zunächst eher vorsichtig ein. Doch dann inszeniert sie ein punkig-schräges Solo, das die Zuhörer wieder einmal grinsen lässt. Natürlich finden sich auch zwei Songs von ihrem bislang letzten Album „Little Secrets“ im gemeinsamen Repertoire.

Das Publikum singt mit

Allein unter musikalischen Aspekten betrachtet, könnte Stoppok auch mit einem Musiker vom Balkan, aus Nordafrika oder noch ferneren Regionen im Duo auftreten. Mitte der siebziger Jahre vagabundierte er rund drei Jahre lang als Straßenmusiker durch Europa, seit 2010 Jahren reist er unregelmäßig nach Indien. Mit Musikern aus Kalkutta vertonte Stoppok Texte des Dichters Rabindranath Tagore und gibt immer wieder Konzerte, bei denen er sich meist auf die Rolle des Gitarristen beschränkt. Tess Wileys Vorteil ist, dass sie als Amerikanerin mit dem „Feeling“ von Blues und Soul sozialisiert ist, gleichzeitig aber auch einen anderen wichtigen Teil von Stoppoks Entertainment versteht, nämlich seine deutschen Songtexte und skurrilen Geschichten, die er gerne zwischen die Stücke streut.

Mit ironischem Witz und Kalauern hat Stoppok die Lacher stets auf seiner Seite, zumal er sich oft selbst auf den Arm nimmt. Der Troubadour kann auch romantisch sein und dabei Kitsch vermeiden, gleichzeitig lässt er keine Zweifel an seiner Haltung und Integrität aufkommen. Stoppoks Lieder wimmeln vor Alltags-Karikaturen, finden oft das Politische im Privaten und bringen es beiläufig, aber treffend auf den Punkt. Etwa wenn er in „La Kompostella“ die unsichtbaren Resultate der Müllexporte anspricht oder in „Mein Herz hat damit nichts zu tun“ eindrücklich beschreibt, von welchen Banalitäten man sich ablenken lässt und was wirklich wichtig ist. Das Eingeständnis persönlicher Unzulänglichkeiten und die Entschlossenheit, einen eigenen Weg zu gehen, sind bei Stoppok kein Widerspruch. Ebenso wenig wie die Verbindung von Hintersinn und leicht eingängigen Refrains, die vom begeisterten Publikum immer wieder mitgesungen werden.

Quelle: F.A.Z.
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