„Ring des Nibelungen“ in Wien

Hoffnung kennt die Spaßgesellschaft nicht

Von Reinhard Kager
 - 22:37

Langsam nähert sich der gedrungene Mann dem knabenhaft wirkenden Helden. Fingert noch rasch an seiner langen Waffe, die er aus einem Baugerüst gerissen zu haben scheint: Keinen Speer, sondern ein schnödes Stahlrohr trägt der düstere Hagen, der sich hinter Siegfrieds Rücken duckt, um mit geballter Energie zum tödlichen Hieb auszuholen. Viermal schlägt er zu in der „Ring“-Trilogie des Theaters an der Wien, jedoch nicht unmittelbar nacheinander, sondern jeweils am Beginn der drei Abende und im Finale aus der „Götterdämmerung“.

Die nur von einem leisen Paukenwirbel begleitete Szene nimmt zwar stumm den tragischen Höhepunkt vom „Ring des Nibelungen“ vorweg, verweist jedoch dramaturgisch auf dessen Bedeutung bei der Entstehung von Richard Wagners Monumentalwerk: Auf das Jahr 1848 gehen die ersten Arbeiten zur „Nibelungen“-Vertonung des Komponisten zurück, die ursprünglich nur aus einer Oper, „Siegfrieds Tod“, bestehen sollte. Rasch bemerkte Wagner jedoch, dass die komplexe Siegfriedsage nicht an einem einzigen Abend erzählt werden kann, und so gewann die spätere, gleichwohl auf den Tod des jugendlichen Helden zugespitzte Tetralogie erste Konturen.

Zweite Generation im Fokus

Jetzt, da sich in der Literatur, auf den Bühnen und im Film die Adaptionen des Nibelungen-Stoffes signifikant häufen, wird auch Wagners Weltentwurf in Wien neu umgesetzt. Bereits 1999/2000 war in Stuttgart die Einheit der Tetralogie aufgebrochen worden, als der damalige Intendant Klaus Zehelein die Inszenierungen vier verschiedenen Regisseuren übertrug. Das Theater an der Wien geht noch einen Schritt weiter in der Auflösung der Ganzheitsidee: Gekürzt auf elf Stunden und dramaturgisch umgestellt, läuft dort eine „Ring“-Trilogie der Regisseurin Tatjana Gürbaca, mitgestaltet durch die Dramaturgin Bettina Auer und den Dirigenten Constantin Trinks.

Wagners Mythos, verhackstückt zu billigem Trash? Keinesfalls, denn es geht Gürbaca um einen Wechsel der Erzählperspektiven, den sie durch – meist erstaunlich schmiegsam gelingende – Umstellungen erreichen will: Im Fokus ihrer Inszenierung steht die zweite Generation der Wagnerschen „Nibelungen“, also Hagen, Siegfried, Brünnhilde, die durch die Schandtaten ihrer Väter, Wotan und Alberich, viel Leid erfuhr und weitergibt.

Dies zu zeigen, wie sich mörderisches Unheil über Generationen fortpflanzt, gelingt im ersten, auf die dunkle Figur des Hagen konzentrierten Abend am besten. Er beginnt zwar mit der „Götterdämmerung“, die von Siegfrieds Tod zurückführt zu jener Szene, als Alberich mahnend fragt: „Schläfst du, Hagen, mein Sohn?“, um dann unvermutet im „Rheingold“ zu landen. Plötzlich finden wir uns auf dem schlammigen Grund des Rheins wieder, wo der lüsterne Alberich von den Rheintöchtern (Mirella Hagen, Raehann Bryce-Davis und Ann-Beth Solvang, die auch eine starke Waltraute sang) geneckt wird, bis er kopfüber in der braunen Suhle landet – stumm beobachtet von seinem kleinen Sohn Hagen, der auch die Gier genauestens registriert, mit der sein Vater verklebte Geldscheine anstelle von Gold aus dem rheinischen Dreck zieht.

Erzählweise zeigt die Traumata der Figuren

Es sind also gleichsam filmische Rückblenden, durch die Gürbaca den Blick des Publikums schärfen will für die Traumata, die Hagen und später auch Siegfried und Brünnhilde erleiden müssen. Dazu blendet die Regisseurin die mythologische Götterwelt bis auf Wotan (deklamatorisch tadellos, doch stimmlich zu klein: Aris Argiris) und Loge (Michael J. Scott) vollständig aus, was deren Handeln umso brutaler, weil teilnahmslos wirken lässt.

Wie Gentlemen-Gangster, gekleidet in schnieke Anzüge (Kostüme: Barbara Drosihn), tänzeln Wotan und Loge um das dreckige Szenario, das der Bühnenbildner Henrik Ahr in einem anfänglich offenen, weißen, doch zunehmend verschmutzenden Würfel zeigt, der sich im Verlauf der Trilogie verengen wird, bis er im Finale der „Götterdämmerung“ vollends geschlossen ist.

Nicht minder gierig als Alberich, den Martin Winkler als lechzendes Ekelmonster mimt, versinken auch die beiden Götter bald im Sumpf, um schließlich dem Nibelungen vor den Augen des kleinen Hagen die Hand abzusägen und blutig den Ring an sich zu raffen. Solcherart geschädigt und von Alberich zur Rache instrumentalisiert, wird später, als die Handlung wieder in die „Götterdämmerung“ gleitet, Hagens schroffe Psyche verständlich: Großartig gerät Hagens Wacht in der Gibichungenhalle Gunthers (der junge, vielversprechende Kristján Jóhannesson), in der die existentielle Einsamkeit dieser von Samuel Youn dunkel gesungenen Figur spürbar wird.

Das Orchester spielt zu laut

So verheißungsvoll der erste Abend, „Hagen“, gelingt, so wenig überzeugt der zweite, „Siegfried“, der mit dem ersten Akt der „Walküre“ beginnt. Singen Liene Kinča als Sieglinde und Daniel Johansson als Siegmund noch ein solides Liebespaar, so ist Daniel Brenna als dessen Spross stimmlich ziemlich überfordert. Merkwürdig belegt wirkt das Timbre dieses wenig intonationssicheren Siegfried, in den Höhen der Partie zudem überaus angestrengt.

Wenig hilfreich ist es für ihn, dass das Radio-Symphonieorchester Wien arg laut spielt, obwohl ihm die Wagner-Tuben fehlen. Constantin Trinks am Pult nutzt die Gunst der Stunde selten, dass das Orchester aufgrund des kleinen Grabens im Theater an der Wien stark reduziert werden musste. Anstatt die keinesfalls nur motorischen Binnenstrukturen der Partitur herauszuarbeiten, setzt er auf einen eher kompakten Sound, sieht man von den zarten „Walküre“-Teilen dieser „Ring“-Trilogie einmal ab.

Weniger Mythologie, mehr Menschliches

Auch Gürbaca verheddert sich bei „Siegfried“ in unnötigen Verkleinerungen, mit denen sie die Entmythologisierung des Stoffs provokant unterstreicht: Zu einem nüchternen Lederfauteuil ist die Weltesche mutiert, aus dem Siegmund anstelle eines Schwerts unter glitzerndem Goldregen ein Küchenmesser zieht. Der musikalisch gestrichene Feuerzauber wird szenisch nur angedeutet: En miniature ist das brennende Modell des Bühnenwürfels zu sehen, der in den naturdominierten Szenen trotz zahlreicher Rotationen und aufklappender Öffnungen an seine Grenzen stößt.

Die wenigen grünen Büsche vor der Höhle Fafners (Stefan Kocan, der auch Hunding verkörpert), hinter denen der bunt gekleidete Waldvogel (Mirella Hagen) hervorlugt, schaffen noch keine geheimnisvolle Waldatmosphäre. Das befremdet, ist aber natürlich konzeptuell gedacht: Durch das grellweiße Licht von der Decke hängender Fluter (Beleuchtung: Stefan Bolliger) soll nicht nur die Mythologie entzaubert, sondern auch der Kern der menschlichen Geschichte ausgeleuchtet werden: Gier nach Macht und Geld.

Ungewohnt lebendige Inszenierung

Das ist in der weit besser gelungenen „Brünnhilde“ deutlich zu spüren. Auf die heiße Liebesszene aus dem Finale der „Walküre“, das nicht auf einem Felsen, sondern in einer Art riesiger Stele mit einem eingravierten, Unheil raunenden Rabenkopf spielt, folgt Siegfrieds ernüchterndes Vergessen. Zwar verzichtet Gürbaca nicht auf einen betäubenden Trank, doch lässt sie keinen Zweifel daran, dass der im T-Shirt umherhopsende Knabe keinesfalls so unschuldig ist, was schon sein rüder Umgang mit Mime zeigt, dem der etwas übertreibende Marcel Beekman seine klare Stimme verleiht.

Die Gegenfigur zur herrschaftssüchtigen Männerwelt bildet zweifellos die von Ingela Brimberg auch tadellos gesun-gene Brünnhilde. Sie emanzipiert sich nämlich nach und nach vom Übervater Wotan, der dadurch selbst eine Wandlung erfährt. Auch in den Teilen aus der „Götterdämmerung“ präsent, beobachtet der alternd im Rollstuhl sitzende Gott fassungslos das dekadente Treiben von Hagens Mannen (gesungen vom prägnanten Arnold Schoenberg Chor): ein verblödetes Cricket-Team, das Siegfried mit einem Baseballschläger den endgültigen Garaus macht. Kein Wunder, dass Brünnhilde die Türen hinter sich schließt: Für Hoffnung ist in der Spaßgesellschaft wenig Platz.

Allen Einwänden und Siegfrieds vierfachem Tod zum Trotz: So lebendig war Wagners „Ring“ in letzter Zeit nur selten zu erleben.

Quelle: F.A.Z.
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