Theater-Spielzeit

Kommt raus, ihr Feiglinge, ihr seid erzählt!

Von Gerhard Stadelmaier
 - 19:25

Vielleicht lässt sich nicht nur die kommende Spielzeit, sondern das Theater dieser Jahre überhaupt so auf den Punkt bringen: Eine junge Regisseurin sucht nicht nach einem Stück, sondern nach einem „theatralen Projekt“. Dieses wiederum beschäftigt sich ausschließlich mit den Besetzungsintrigen eines „Filmprojekts“. Unter dem Titel „Das Scarlett-O’Hara-Syndrom“ sollen die „Heulattacken, Selbstmorddrohungen und der gigantische Kraftakt, der drei Regisseure und zehn Drehbuchautoren verschliss“, szenisch behandelt werden, der die Herstellung des Leinwandklassikers „Vom Winde verweht“ (Hollywood, dreißiger Jahre) begleitete.

Das Schauspiel Frankfurt, das die „Uraufführung“ ankündigt, kümmert sich nicht nur um einen Film, wie er auch der im selben Haus herauskommenden Fassung von Jean Cocteaus „Orphée“ (Paris, vierziger Jahre) oder der Version von Fassbinders „Sehnsucht der Veronika Voss“ (Bundesrepublik, Nachkriegszeit) zugrunde liegt, sondern darum, wie es zu einem Film überhaupt kommt. Als gäbe es nicht genug alte und neue Stücke, in denen „gigantische Kraftakte“, „Nervenzusammenbrüche“, „Depressionen“, „Erschöpfungen“ ihre Reize spielen lassen – vom „Rand des Wahnsinns“ zu schweigen.

Im Gemütsschutz des Ohrensessels

Abgesehen davon, dass man in Frankfurt auch Goethes „Wilhelm Meister“-Roman ebenso zu Theater macht wie die Kleist-Novelle „Die Marquise von O.“, hält man sich dort noch geradezu vornehm zurück mit der Mode, der die deutschen Theater in den letzten Jahren massiv verfallen sind. Die aber in der kommenden Saison alle Rekorde schlägt. In Frankfurt sind nur ungefähr zwanzig Prozent des Spielplans episch verseucht, an den Münchner Kammerspielen dagegen gut achtzig, im Berliner Gorki Theater an die neunzig Prozent. Den Bühnen scheint die Lust aufs neuere Drama ziemlich vergangen.

Womöglich gerade deswegen, weil sie zu viel mit den alten und neuen Stücken angestellt haben, legen sie das dramatische Genre müde und gelangweilt beiseite wie reizlose Spielsachen, auf deren Etikett ja immerhin noch ein lästiger Dramatikername prangt. Ein Stück fordert Unterwerfung, auch wenn man sich über es erhebt. Man muss mit ihm kämpfen, um ihm das zu entwinden, womit es spielt. Und man ist mit ihm immer in Gesellschaft: von fremden Leuten. Und immer in einer anderen Welt. Selbst wenn man es zerstört. Ein Roman dagegen, wenn er nicht selbst schon ein großes Drama enthält, das nur große, demütige Regisseure (Stein und Breth bei Dostojewskij, Düggelin bei Camus) ihm zu entlocken vermögen, bietet sonst gerne den Gemütsschutz des Ohrensessels. Man liest ihn sich in seine eigene private Welt hinein. Man ist mit ihm allein. Romane zu inszenieren hat oft etwas von einer Wärmestube. Der epische Ofen bollert, der Schmökerer darf sich was wünschen. Und setzt’s in Szene.

Prinz Eisenherz trifft Nietzsche

So hängen sich die theatralischen Roman- oder Filmbearbeiter wie schutz- und wärmesuchende Kleinbürger an die Rockzipfel des Epischen. Wobei es nicht nur auffällt, dass es die ältesten Zipfel sind. Man stößt auch auf wahre Kuriositäten. So kommen in Wiesbaden gar der Comic vom „Prinzen Eisenherz“, in Saarbrücken selbst die juride Fälle-Sammlung „Verbrechen“ des Rechtsanwalts Ferdinand von Schirach nebst Nietzsches Übermenschen-Prosa „Also sprach Zarathustra“ zu Dramatisierungsehren. Und Düsseldorft spielt natürlich die „Jüdin von Toledo“ nicht als Drama von Grillparzer, sondern als die Dramatisierung des Romans von Lion Feuchtwanger, der mit seinem „Erfolg“-Epos aus dem Bayern der Vor-Hitler-Jahre den Münchner Kammerspielen zu Diensten ist.

Die Stoffe liegen entweder im Bewährten, das man ausbeutet, oder im Bestsellerischen, an das man sich hängt. So bietet das Schauspiel Zürich die „Schwarze Spinne“ des Jeremias Gotthelf, in welcher der Teufel zu Jungfernkusse kommt (und Frank Castorf knutscht regiemäßig mit), den „Stiller“ des Max Frisch (Identitätsprobleme der fünfziger Jahre), „Rot und Schwarz“ von Stendhal (nachnapoleonische Karriereprobleme). Dresden, Wiesbaden und Potsdam dagegen klettern am „Turm“-Erfolg des Uwe Tellkamp (DDR-Gesellschaft von vor dreißig Jahren) herum. Und Bruchsal dramatisiert das nobelpreisgekrönte „Herztier“ der Herta Müller (Rumäniendeutsche unter Securitate-Schikanen, siebziger Jahre). Stuttgart, wo man auch Fritz Langs „Metropolis“-Film und Ulrich Peltzers Wirtschafts-, Sabotage- und Revolutionsschmöker „Teil der Lösung“ auf der Pfanne hat, bietet ebenso wie das Berliner Gorki Flauberts „Madame Bovary“ als „Uraufführung“ (Frauenproblem, neunzehntes Jahrhundert).

Die Tantiemen kassieren die Bearbeiter

Basel, das neben dem Berliner Gorki romangeilste Haus überhaupt, zeigt die „Heidi“ von Johanna Spyri (Gartenlaubenalm, neunzehntes Jahrhundert), kommt über John Steinbecks „Jenseits von Eden“ und der „Legende vom Heiligen Trinker“ von Joseph Roth und dem dazu passenden „Durst“ von Flann O’Brian ins zwanzigste Roman-Jahrhundert hinein, dem es immerhin auch die verkaufserfolghafte Jüngstbankentkrisensatire „Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson widmet. Gut im Verwertungsrennen liegt heuer auch Luchino Visconti mit seinen Filmen „Ludwig II.“ (Münchner Kammerspiele) und „Rocco und seine Brüder“ (Gorki, Berlin). Und immer kassieren die Bearbeiter (Dramaturgen) den Tantiemensegen.

Abgesehen davon, dass Dürrenmatts Würden-Sie-für-Geld-töten?-Drama „Der Besuch der alten Dame“ zu Wirtschaftskrisenzeiten wieder vermehrt auftaucht (Bruchsal, Göttingen, Mannheim, Augsburg und sogar im Berliner Gorki, dem Roman-Junkie-Haus), gibt es bei den richtigen neuen Stücken, die auf den Bühnen den Kopf überhaupt noch aus der epischen Schwemme kriegen, einen eindeutigen Schlag ins Exotische, aber meist auf Paar-Basis. So verschleißen sich in „Robert Redfords Hände selig“ von Rebekka Kricheldorf (Uraufführung in Kassel) zwei Gutmenschen-Paare in Afrika in einem „Wettbewerb der Selbstdarstellung“, lässt Roland Schimmelpfennig in „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ (Wiener Burgtheater und Berliner Deutsches Theater) zwei Paare, von denen eines als Ärzte in Afrika gearbeitet hat, keine Worte und kein Verständnis füreinander, höchstens noch für eine Holzpuppe finden. Wobei sich Schimmelpfennigs für Frankfurt geschriebenes Stück „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum“ mit den heimischen Problemen begnügt, die sich ergeben, wenn ein „Bauherr nicht mit seinen Handwerkern zurechtkommt“.

Herr Schuster spielt Monopoly

Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen in Bochum spielen aber auch auf der modischen Afrika-Klaviatur und behaupten: „Eleganz ist kein Verbrechen“. Was sie mit Schauspielern aus der Elfenbeinküste und aus Bochum als „Verständigung zwischen den Kulturen“ exekutieren möchten. Laura Fernandez dagegen schickt die, die immer helfen wollen, und sei es nur durch Proteste beim G-8-Gipfel, in ihrem „Gegengipfel“ (Uraufführung in Mainz) in den Urwald, dieweil der britische Modedramatiker Dennis Kelly in „Osama, der Held“ (deutsche Erstaufführung in Essen) in einem Vorstadtviertel die Bürgerwehr mobilisiert, wenn Siebzehnjährige für Herrn Bin Ladin schwärmen und Mülltonnen anzünden und das Exotische terroristisch eingemeinden.

Wem aber „Kapitalismus, säkularer Humanismus und liberale Demokratie sowieso sinnlos“ erscheinen, der kann als Altachtundsechziger im Party-Kreis schick resignierter Krimiautoren, Bauingenieure und Soziologen die Welt wenigstens im Monopoly-Spiel beherrschen in „Herr Schuster kauft sich eine Straße“ von Ulrike Syha, uraufzuführen in Mannheim. Dort kommen die Au-pair-Mädchen, die schon in Syhas Monopoly-Theater eine Rolle spielen, in Felicia Zellers „Gesprächen mit Astronauten“ zu Uraufführungswort und -konflikt: als „Dienstmägde der Globalisierung“.

Ein Mittel reiner Selbstbeschäftigung

Im überschaubar Katastrophenträchtigen, dem Arreal gleich vorm Kleine-Welt-Abgrundrand, hat sich der momentane deutsche Lieblingsdramatiker Nis-Momme Stockmann (siehe auch: Nis-Momme Stockmann: Der Mann, der die Welt schmeckt ) leichterhand niedergelassen. Seine „Ängstlichen und Brutalen“ kommen im Schauspiel Frankfurt zur Uraufführung, worin es um den Kampf zweier Brüder am Totenbett des Vaters geht, und Braunschweig zeigt mit Stockmanns „Inga und Lutz“ die, verspricht der Spielplanprospekt, typische Stockmann-Konstellation: eine aktive Frau, ein passiver Mann, ein Schnellkochtopf, beste Absichten, schlimme Folgen. Was Fitzgerald Kusz in seiner so fränkischen wie zänkischen Weihnachtskkomödie „Lametta“ (Uraufführung in Nürnberg) noch steigert: Patchwork-Familie unterm Tannenbaum – alle miteinander auf Ex-Fuß, lauter gewesene Beziehungsschlappenbezieher – gerät in Konstellationenkonfusion auf Slapstick- und Alkoholbasis.

Was aber sind alle dieses Scharmützel-Stücke gegen „Krieg und Frieden“, Tolstojs Großroman (neunzehntes Jahrhundert), den der Wiener Burgtheaterchef seit letzter Saison in Voraufführungs- und Probenschnipsel zerlegt und womöglich nie zur Premiere bringt!? So trifft der Roman im Theater ins Schwarze: als Mittel reiner Selbstbeschäftigung. Fehlt nur noch, dass ein Romancier über den theatralischen Romanverwertungsbetrieb einen Roman schreibt – und die Theater exakt diesen Roman dramatisieren.

Quelle: F.A.Z.
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