Theater

Thomas Mann im Quadrat

Von Andreas Rossmann
 - 16:25

Einerseits ist es ein aussichtsloses Unterfangen, „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann für die Bühne zu adaptieren. Knapp zweitausend Prosaseiten lassen sich auch von einer sechsstündigen Aufführung, die sich zwei Pausen nimmt, nicht einholen. Und so fiele es leicht, aufzuzählen, was verkürzt, verflacht, vereinfacht wurde, dass Entwicklungen gekappt, die mythische Konstellation aufgelöst wird. Aber wie billig wäre es, da recht zu behalten. Andererseits ist Regie keine Philologie. Am Ende zählt, ob es spannendes Theater ist. Und das ist dem Versuch, den Wolfgang Engel mit der Fassung von John von Düffel am Düsseldorfer Schauspielhaus unternimmt, nicht abzusprechen.

Der Zugang ist ungewöhnlich. Die Zuschauer werden durch kurze, verwinkelte dunkle Gänge auf die Bühne des Großen Hauses geführt. Es hat etwas Verschwörerisches, hier einzutreten, wo das Theater ganz bei sich selbst ist und seine Technik offen liegt. Eine quadratische Fläche, von vier Zuschauertribünen eingefasst, hat Olaf Altmann abgegrenzt. Labor und Arena. Nackt und nüchtern ist diese Bühne, nur ein Lichtmast erhebt sich nicht ganz in der Mitte: Der Boden lässt sich, unterteilt in vier Bahnen, auf- und abbewegen. Der leere Raum. Scharf ausgeleuchtet, setzt er die Schauspieler schutzlos aus.

Manns Sprache als Hauptfigur

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.“ Aus der Tiefe werden die (zunächst) sechs Akteure hochgehoben. Schwarze Kostüme. „Die Geschichten Jaakobs“, Rückgriff auf den biblischen Mythos: sein Segensbetrug an Esau, die Verbannung bei seinem Onkel Laban, dem er zweimal sieben Jahre um dessen Tochter Rahel dient, die Brautvertauschung mit ihrer Schwester Lea, die ihm Reuben gebiert, bevor Rahel ihm endlich Joseph schenkt. Dann dessen Fahrt zu den Brüdern, bis sie ihn, dem sie die Bevorzugung durch den Vater neiden, in den Brunnen werfen – erzählendes Theater, knapp stilisiert, elementar und intensiv in schnellen Rollenwechseln und Mehrfachbesetzungen, bei denen Männer auch Frauen spielen. Chor und Individuen, Für und Wider der Blicke, Rede und Gegenrede, mit großer Genauigkeit und voller feiner Nuancen komponiert. Sprach-Musik. „Der Mann“, der Joseph in die Wüste führt, hatte sich, ein älterer Herr mit Hermesflügelchen als Sporen an den Fersen, aus der ersten Reihe zu Wort gemeldet.

Ganz in Weiß setzt sich das orientalische Ägypten dagegen ab. Musikalisch klingt es an, doch auch hier genügen wenige zeichenhafte Requisiten. Die Vorgänge werden etwas mehr ausgespielt, der schmale Grat, der zu Deklamation wie zu Illustration entschieden Distanz hält, wird zum Hochseil. Der Eunuch Potiphar des Wolfram Rupperti bleibt, wach und gelassen, die Souveränität in Person, und als Zwerg Dudu rutscht Guntram Brattia hochnäsig giftspritzend auf Knien. Wie der Joseph des Michele Cuciuffo ihm Rede und Antwort steht, aber fasziniert den Vorsteher des Pharaos, und die Sprache Thomas Manns, deren Reichtum sich unaufdringlich entfaltet, wird zur eigentlichen Hauptfigur der Aufführung.

Ein sechsstündiges Argument für Thomas Mann

Potiphars Gattin Mut ist in Gestalt von Janina Sachau, der einzigen Frau im Ensemble, nur ein schmales Hemd, doch wenn sie sich vor Joseph zu schützen und ihn, ihre verdrängte Sexualität entdeckend, stürmisch einzunehmen versucht, verfällt sie in Ekstase: Verschlingung und Zerreißprobe. Kopfüber stürzt sie in einen Eimer, aus dem sie blutig wieder auftaucht. Die Handlung im szenischen Stenogramm, das auf Entwicklungsläufe und Argumentationsketten verzichten muss. Stumm erduldet Joseph die Strafe, erneute „Fahrt in die Grube“.

Ein Linsengericht, sinnigerweise, in der zweiten Pause: „Joseph, der Ernährer“ beansprucht nur noch eine Stunde. Sein „Volkswirt“ wäre auch heute ein Heilsbringer, doch an die Aktualität wird er nicht ausgeliefert, auch durch die Verschränkung von Nähe und Distanz, Fremdheit und Vertrautheit hält die Inszenierung von Wolfgang Engel an einer Individualität, die „nach hinten offen steht“ (Thomas Mann), fest und sich lebendig. Erst hier, bei der Wiederbegegnung Josephs mit seinen Brüdern und dem Vater, stößt sie am deutlichsten an ihre Grenzen: Während Wolfram Rupperti als Reuben, Matthias Leja als Schimeon, Guntram Brattia als Levi und Milian Zerzawy als Benjamin knappe, farbige Porträts zeichnen und Michael Abendroth als Jaakob eine fast stoische Altersmilde ausstrahlt, muss Michele Cuciuffo zum Ende eines großen Bogens dem Joseph Geschmeidigkeit und Aura schuldig bleiben. Keiner der Schauspieler aber, und das ist Engels Hauptverdienst, ist in Düsseldorf je zu solcher Form aufgelaufen.

„Ich habe keinen Mangel außer Zeit“, sagt Mont-kaw, Potiphars oberster Diener, als die Händler eintreffen, „aber die haben sie nicht zu verkaufen.“ Das Theater vielleicht schon: Sechs Stunden hat es dem Publikum mit „Joseph und seine Brüder“ nicht etwa gestohlen, sondern geschenkt. Und womöglich auch die Zeit dafür aufgetan, die Romantetralogie endlich zu lesen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rossmann, Andreas (aro.)
Andreas Rossmann
Feuilletonkorrespondent in Köln.
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