Theater

Übern Strindhügel gerutscht

Von Gerhard Stadelmaier
 - 16:58

Manchmal macht ein Gesicht schon eine Aufführung aus. An diesem Abend im Staatstheater Wiesbaden gehört dieses Gesicht dem Schauspieler Hannsjörg Krumpholz.

Getragen wird es über einem schmutzroten Samtjackett, hellen Cordhosen und unter einem etwas wirren, klebrig feuchten Haarschopf. Es ist das Gesicht von Senor Mariano, eines Versagers, Mathematiklehrers, Gatten einer Schauspielerin, eines Berauschten, der nach Worten genauso trancehaft tapsig und wie unter Wattepolstern aggressiv zulangend greift wie nach Gläsern und Flaschen - als biete ein Substantiv wie „Schäufelchen“ oder eine Konjugation wie „entsetzt“ denselben Halt wie der Kognak im Flachmann: die Sicherheit eines Strohhalms am Abgrund.

Nichts und völlig leer

Der Abgrund besteht in Yasmina Rezas Komödie „Ein spanisches Stück“ darin, daß Krumpholz einen Schauspieler spielt, der den Mariano spielt, und daß der Darsteller des Mariano wie alle anderen Mitwirkenden „nichts und völlig leer ist“. Trotzdem muß er in einem spanischen Stück auf einem spanischen Theater ein alkoholgetränktes Würstchen spielen, dessen Frau gerade dabei ist, ein bulgarisches Stück zu proben, in dem sie eine Klavierlehrerin spielt, die in ihren Klavierschüler verliebt ist, ihm dies aber nicht gestehen kann. Wobei die Schauspieler des spanischen Stücks hie und da aus ihren Rollen heraustreten und mit dem Autor, der unsichtbar in der Kulisse sitzt, über sich, die Welt und das Theater rechten. Ein Spiel im Spiel im Spiel. Wo so viel auf demselben steht, kann viel verlorengehen.

Der Schauspieler Krumpholz zeigt, was der Schauspieler, den er spielt, verloren hat. Er wedelt mit den Armen, wenn er einem anderen zu nahe kommt, als wolle er eine unangenehme lächerliche Erscheinung verscheuchen, die auch nur wieder einen anderen spielt, bohrt sich mit einer Zigarre am Hals, wenn mit ihm Konversation gemacht wird, die ja nur gespielt ist, steht wie unter explosivem Dampf, wenn er nur spielen soll, daß er nur spiele. In einem Stück, in dem es nur darum geht, daß alle spielen, beharrt er auf einer verzweifelten, wilden Wirklichkeit, die er aber nur wieder im Spiel unterbringen kann: in grotesker Renitenz.

Mitten hinein in den Abgrund

Er springt nicht über den Abgrund hinweg, er setzt sich mitten hinein. Die anderen machen es sich am Abgrundrand bequem. Insofern wird Mariano, eigentlich eine Nebenfigur, Stichwortgeber und Punchingball seiner Frau, in Wiesbaden zur Hauptfigur und spielt das Restpersonal an die hier kaum vorhandenen, nur durch hohe, breite Schlitze markierten Wände der leeren Bühne, an derem rechten Rand als einziges Requisit der Flügel der Klavierlehrerin steht, was aber weiter keine Folgen hat.

Yasmina Rezas Stück ist wie eine große Wunschmaschine, die alle Erfüllung platzen läßt wie einen Luftballon, der eine Haut aus alten Fragen hat: Wer sind wir wirklich? Haben wir ein Gesicht? Oder nur eine Maske? Wie können wir leben, wenn wir nur spielen? Nur wer diese Fragen ganz leicht nimmt, kommt ihrer Schwere nah. Wenn Marianos Frau Aurelia im spanischen Stück gerade nicht ihr bulgarisches Stück probt, balgt sie sich mit ihrer Mutter Pilar und ihrer Schwester Nuria, auch einer Schauspielerin, die aber viel berühmter als Aurelia und auf dem Sprung nach Hollywood ist.

Hülle und Maske

Mama Pilar hat sich Fernan angelacht, einen Hausverwalter, mit dem sie Altersliebeswonnen durchkostet. Die Töchter sind dagegen. Aurelia „rutscht der Boden unter den Füßen“ weg. Nuria ist nichts als Hülle und Maske. Fernan lebt nur für Paragraphen und Hausordnungen und für Pilar, die für ihn womöglich die Krönung aller Hausordnungen darstellt, Pilar nur für Fernan, der ihr das wirre Leben ein bißchen ordnet. Lauter Leerstellen, die sich verzweifelt mit Daseinsresten füllen möchten, die aber wiederum nur aus Theater und Schein bestehen - barocke Figuren, übern französischen Boulevard geführt, der aus wunderbar dünnbrüchigem Eis besteht.

Vor einem Jahr, bei der Pariser Uraufführung des „Spanischen Stücks“ (Piece espagnole) in der Regie Luc Bondys war dies Gleiten auf dünnem Eis ein herrlich fieberndes Fest: Daß dies alles nur Theater sei, daß sie aus ihren Spielen nie herauskämen, das war für Luc Bondy und seine Schauspieler ein Lebensvergnügen. Und wenn Bulle Ogier als Pilar und Thierry Fortineau als Fernan sich über Hausordnungen unterhielten, war dies ein gewagter, toller Liebesakt zwischen einem Casanova und einer Madame Sans Gene unter Gelächter.

Völlig unerotisch busserlnd

In Wiesbaden, wo jetzt die deutsche Erstaufführung in der Regie des behäbig phantasievollen Schweizers Beat Fäh stattfand, kommen nicht nur Rosemarie Schubert als Pilar und Benjamin Krämer-Jenster als Fernan völlig unerotisch busserlnd erst gar nicht in dieses Spiel mit dem Altersspiel hinein. Alle (bis auf einen) graben sich gleich im spanischen Stück ein und genießen abgrundfrei und aufgedreht und tortenschmeißend die Paranoia einer Familienzimmerschlacht mit Geschlechterkampfeinlagen, wenn zum Beispiel das Kleid, das Nuria anprobiert, bis zum Schritt hinab ausgeschnitten ist. Das spanische Stück kommt einem hier ziemlich schwedisch vor: die Reza als eine Art Strindbergverflachung, also den Strindhügel hinunterrutschend.

Pilar ist hier keine Altersblume als Sehnsuchtsirrwisch, sondern eine biedere Matrone mit Muttchenschläue. Die Aurelia der Monika Kroll ist keine große Lebensleere, sondern ein raunzendes verbrauchtes Mädchen mit Haaren auf Zähnen und Zwerchfell, das die Liebesverzweiflung einer Klavierlehrerin gar nicht erst ahnen läßt. Die Nuria der Katharina Waldau ist keine am Rand ihrer Seele taumelnde Puppenspielerin, deren liebste Puppe sie selber wäre, sondern ein Blondinen-Klischee in turmhohem Toupet. Und Fernan ist kein Herzenstangotänzer, der die Hausordnung als Blume im Knopfloch trägt, sondern ein schmaler Angestellter. Sie alle haben weder mit dem Theater noch mit dem Leben ein Problem. Weshalb sie auch so leblos wirken.

Allein der Mariano des Hannsjörg Krumpholz, der über Stränge schlägt und an Strängen zerrt, verzweifelt mitten im Theater am Leben und mitten im Leben am Theater. Und stellt so ein eigenes Drama dar. Daß sie ihn inszeniert, die anderen aber nur arrangiert hat, spricht - seid ehrlich! - sowohl für als auch gegen die Regie.

Quelle: F.A.Z., 07.03.2005, Nr. 55 / Seite 37
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